Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. 1.2 <18361023>

Breslau d. 23t Oktober 36.

Hochgeehrtester Herr Kapellmeister!

Sie werden böse auf mich sein, daß ich Sie so lange ohne Antwort gelassen, allein die Schuld lag nicht an mir. Als ich nämlich 1832 Sie im Namen eines hiesigen Musikverlegers um ein Manuskript bat, war ich vom verstorbenen Förster beauftragt. Sein Nachfolger Weinhold ist ein junger Anfänger, der ein solches Unternehmen jetzt noch nicht für ratsam hält. Ich sprach daher noch mit unserem Cranz1, der große Lust dazu hatte, sich aber 8 Tage Bedenkzeit ausbat; nach Ablauf derselben aber gestand, daß es ihm doch zuviel kosten würde. (Er hatte nämlich Lust zum Concertino.) Das Honorar fand er gar nicht zu hoch, allein er scheute die übrigen Kosten, indem er erst vor kurzer Zeit bedeutende Auslagen in seinem Geschäft hatte. Er wollte an seinen Onkel in Hamburg schreiben, und bat noch um eine Frist von 8 Tagen. Cranz2 in Hamburg druckt aber lieber Potpourris für Pianoforte im leichtesten Style aus Bellinis Opern als ein Kunstwerk, und hätten Sie es am Ende gar nicht einmal an ihn verkauft, dadurch ist die Zeit unnütz verstrichen, und mir thut es doppelt leid, Ihnen diesmal nicht dienen zu können.
Am Montage hatten wir in unserem ersten Konzerte Lachners Preis-Symphonie gegeben, 1ter Satz mitunter sehr interessant (auch etwas langweilig), Andante fürchterlich lang und langweilig, Menuett etwas besser, letzter Satz leidlich. Im Ganzen sind viel zu alte Ideen uninteressant verarbeitet, und leidet das ganze Werk an krankhaftem Uberreiz. Am selben Abend spielte ich Chopins 2tes Concert in f moll.
Im nächsten Concert soll meine nach Wien eingesandte Sinfonie daran kommen.
Zum 12. Novemb. ist die Aufführung Ihres Oratoriums festgesetzt, die Gesangproben versprechen jetzt schon einen günstigen Erfolg.
Auf Ihr Urtheil über Lachner bin ich begierig, Opposition wird das Werk jedenfalls erregen. Leben Sie wohl, herzliche Grüße an die lieben Ihrigen, beglücken Sie bald durch ein paar Zeilen

Ihren ergebensten Verehrer
Adolph Hesse.

In Eil Sonntags vor der Kirche geschrieben.
Von meiner neuen Cantate ist der Partitur-Stich bald vollendet, auch arbeite ich an einer neuen Ouvertüre.



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hesse, 17.09.1836. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 11.12.1836.

[1] Carl Friedrich Eduard Cranz.

[2] Carl Gustav Cranz.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit nicht in den Anmerkungen anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (11.12.2014).