Autograf: Universitätsbibliothek Kassel, Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Hochwohlg
Herrn Dr. Louis Spohr
General-Musik-Director und Ritter
hoher Orden
in
Cassel

franco.


Breslau d. 20st Januar 1836.

Theuerster Herr Kapellmeister!

Hierdurch empfangen Sie die Copial-Gebühren für die Partitur Ihres Oratoriums nebst dem noch rückständigen Betrages des 14t Klavierauszuges. Letzterer ist daran Schuld, daß ich Ihnen das Geld erst jetzt übersenden kann! Um nun den Brief nicht mit den 16 gr Silbergeld unnütz zu beschweren, sende ich Ihnen lieber 15 Thaler in Lasten-Anweisungen, indem ich nach unserem Postgesetz einen Brief mit Gelde nur bis Heiligenstadt frankiren kann. Uebrigens unserer aller ergebensten Dank für die Partitur.

Zu Ihrer 2ten Verheirathung wünschen wir Ihnen alle herzlich Glück; niemand verdenkt es Ihnen, da man Ihren Sinn für eine glückliche Häuslichkeit allgemein kennt und verehrt. Empfehlen Sie mich Ihrer zukünftigen oder schon jetzigen Frau Gemahlin ergebenst; hoffentlich werde ich noch einmal Gelegenheit haben, Zeuge Ihres Glücks zu sein.
Von Neuigkeiten wüßte ich dies Mal nur wenig zu melden. Meine 3te Sinfonie in h-moll ist bei Hofmeister im Stich erschienen; sollte sie sich der besonderen Gunst erfreuen, von Ihnen nochmals aufgeführt zu werden, so können Sie meines innigsten Dankes versichert sein.
Künftigen Montag werde ich in einem Abonnementskonzert das schöne g moll Concert von Moscheles vortragen, und zwar auf meinem Graffschen Instrumente. Ich bin zu begierig, wie sich der Ton im Saal macht. Im vorigen December war C. Müller aus Braunschweig bei uns, und gab 3 Concerte mit außerordentlichem Beifalle. Die beiden Glanzpunkte derselben waren: Ihre Gesangs-Szene und das 2te Concert (a dur) von Molique, eine schöne großartige Komposition.1 Müller hat seitdem ich ihn in Halberstadt2 hörte ungemein im Vortrag gewonnen. Bei dem himmlischen Adagio der Gesangs-Szene schloß ich die Augen und schwelgte mit der Erinnerung an Ihr Spiel. Außerdem spielte Müller noch ein Concert in fis moll von Lipinski (schwer und etwas veraltet) nebst mehrer [???]: von Kalliwoda, Pechatocheck3 und Mayseder.
Jetzt sollten Sie uns eigentlich einmal mit Ihrer jungen Frau Gemahlin hier in Breslau beglücken, eine größee Freude könnte uns nicht zu Theil werden.
Ihr Oratorium wird bereits vom Siegertschen Singverein (der 200 Mitglieder zählt) eingeübt, und soll im Laufe dieses Jahres(?) bestimmt unter Siegerts und meiner Leitung in unserer Kirche mit koloßaler Besetzung gegeben werden. Auch Ihre 4te Sinfonie4 werden wir nächstens wieder hören.
Nun leben Sie wohl, Empfehlen Sie mich den lieben Ihrigen bestens, und beglücken Sie mich bald mit ein paar Zeilen.
Ich bin wie immer

Ihr ergebenster Verehrer
Adolph Hesse



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hesse, 13.12.1835. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 31.05.1836.

[1] Vgl. P.B., „Aus Breslau”,in: Neue Zeitschrift für Musik 4 (1836), S. 163f. und 168, hier S. 164.

[2] Wohl beim Musikfest 1833 (vgl. „Halberstadt, Musikfest am 19., 20. und 21. Juni”, in: Iris im Gebiete der Tonkunst 4 (1833), S. 107f., hier S. 108).

[3] Vermutlich Franz Xaver Pechaček.

[4] Die Weihe der Töne.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.12.2014).