Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,172
Druck: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 308f.

Leipzig, d. 20sten Nov. 1835.

Wie sehr und wie erfreulich haben Sie, geehrter, theurer Freund, mich durch die Nachricht von Ihrer bevorstehenden Verbindung überrascht! so sehr, daß ich nicht unterlassen kann, Ihnen und Ihrer künftigen Gemalin meinen herzlichen Glückwunsch so bald zuzurufen, als es mir nur möglich ist. Lassen Sie mich nun ganz aufrichtig gestehen. Seit ich in Cassel Gelegenheit gehabt, Sie in Ihrem doppelten Beruf – dem innern als dichtender und unmittelbar-praktischer Künstler, und dem äußern, als mittelbar-praktischer Meister, Director, Lehrer pp mit Allem, was dieser mit sich führt – zu beobachten, seitdem hat es deutlich und überzeugend vor mir gestanden: Der zweyte wird, leider, für den ersten aufreiben, abzehren, und bey der Lücke, die dann im Innern des lieben Freundes entstehen und ihm selbst fühlbar seyn und bleiben muß, wird er, wenn auch hochachtbar und löblich wirksam, doch nicht innerlich befriedigt und glücklich seyn – wenn nicht irgend Etwas in sein Leben tritt, das ausdauernd und in allen Stunden des Gefühls höhern Geistesbedürfnisses zur Hand ist, bald zu beruhigen, bald anzuregen, bald angenehm auszufüllen, auszugleichen, zu erheitern und zu erquicken. Und was hätte die seyn, was hätte dies leisten können, außer ein neues Eheband, und eben ein solches, wie das ist, das Sie getroffen? – Urtheilen Sie nun selbst aus diesem, was ich viel weiter fortsetzen und auch auf manches Andere anwenden könnte, – ob jene Nachricht mir nicht erfreulich und mein Glückwunsch nicht herzlich seyn muß. – Was nun Ihre liebe Braut im besondern betrifft, so bedauere ich, daß ich nicht Gelegenheit gehabt, sie näher kennen zu lerenen, als an jenem Abende, wo Sie mich Ihr Oratorium hören ließen und ich gänzlich mit diesem beschäftigt war. Aber wie ausgezeichnet sie jene Sätze desselben, die doch nichts weniger, als sonstige Frauenzimmer-Musik enthalten, auf dem Pianoforte vortrug, und mit welch ernster Theilnahme sie beym Gesange war: Das ist mir keineswegs entgangen. Und nun hat Franziska (dich sich Ihnen Beyden freudig theilnehmend empfiehlt) mir Vieles, und nichts als Gutes, Schöner und Angenehmes aus Ihren Gesprächen, mit ihr, der Braut,1 erzählt, was ich nur mit wahrer Achtung und wahrem Vergnügen habe hören können. Und da ich hoffe, nicht zum letztenmal in Cassel gewesen zu seyn: so wird sich leicht nachholen lassen, was damals nicht geschehen können. Indessen bitte ich ihr, mit den besten Begrüßungen von meiner Seite, aus Vorstehendem zu sagen, wovon Sie glauben, daß es ihr mitangehört. –
Über Anderes, was Ihr Brief enthält, diesmal nur wenige Zeilen.
Ihren Entschluß, sich, was die Gesangsmusik betrifft, lieber dem Oratorium als der Oper (wie Händel) zu widmen, muß ich nur rühmen und preisen. Ich würde das schon persönlich gethan haben, hätten Sie damals ihn schon gefaßt gehabt und mir mitgetheilt; und hätte ich nicht geglaubt, Sie müßten diese Ihre Arbeiten nicht blos dem Publicum schenken, sondern – wie es mir dem dem Bedeutendsten und Besten, was je von mir ausgegangen, mit den „Heiligen Schriften” pp gehen wird – selbst von Ihrer baaren Habe dabey zusetzen. Nun: desto besser, daß ich mich darin geirrt habe. Aber zweyerley möchte ich doch dabey erinnern: Erstens: Ehe Sie an solch ein großes Werk gehen, genießen Sie zuvor alle Annehmlichkeiten Ihres jetzigen und nächstfolgenden Verhältnisses, so daß jedem, was Ihnen verliehen, sein Recht wiederfahre und darüber der Drang, ein Oratorium zu schreiben, recht warm und stark werde; Zweytens: Wenn dieser Drang nun so geworden, dann lassen Sie mich’s wissen – vorausgesetzt, Sie besitzen Niemand in der Nähe, der Ihnen einen guten, auch musikalisch-guten Text liefert und dabey Ihrer Kunst-Individualität in die Hände arbeitet – und ich hoffe, Zeit zu gewinnen, Ihnen solch einen Text zu liefern, wenigstens soll es mir nicht an gutem Willen und treuem Bemühen fehlen. Dramatisch muß jetzt solch ein Text seyn, und – ist es möglich – bey aller Würde doch im Ganzen heiter.
Grüßen Sie Alle, denen an einem Gruße von mir gelegen seyn kann,
Wie immer,

Ihr Rchz.

Erwähnte Personen: Händel, Georg Friedrich
Kübler, Franziska
Spohr, Marianne
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835112036

http://bit.ly/2fs4Bst

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Rochlitz. Spohrs Antwortbrief ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] „ihr, der Braut,” über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.11.2016).