Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,168
Druck: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 302f.

Weimar, d. 14ten Julius, 1835.

Geehrter Herr und theurer Freund!

Jetzt, wo ich die treffliche Wirkung der Bäder auf meine Gesundheit freudig empfinde, kann ich auch die Zeit meines hiesigen Aufenthalts und folglich meine Reise nach Cassel genau bestimmen. Ich reise den 1sten August ab, und es wird von der Witterung abhängen, ob ich in Eisenach auf der Wartburg eine Pause halte oder nicht, und mithin im ersten Falle den 3ten, im zweyten den 2ten ankomme. Sobald ich nur die vier Pfähle1 besehen habe, erfahren Sie meine Anwesenheit; wobey ich nur noch die Bitte um möglichst-baldige Antwort,2 wenn Sie diese und die drey folgenden Tage nicht gegenwärtig oder diese Ihnen nicht bequem wären, anbringen will.
Madame Voigt kam in Leipzig den Tag vor meiner Abreise zu mir, ihr Entzücken auszusprechen über Sie, (ohnegeachtet Sie unwohl gewesen,) die werthen Ihrigen, Ihre neuesten Compositionen, (besonders ein Doppel-Quartett) Ihr Spiel, Ihre, der Ihrigen, Ihrer Freunde höchstfreundliches und höchstgefälliges Bezeigen etc. und bestätigte damit, ja übertraf, Alles, was ich für meine Anwesenheit gehofft hatte. Doch auch hier eine Bitte! Vergessen Sie nicht, daß sie (ohngefähr) 25,3 meine Wenigkeit 654 Jahre ist! Vergessen Sie besonders es nicht in Hinsicht auf die Anzahl neuer Bekannten, die Sie vielleicht mir zuwenden möchten! Eben diese Anzahl, die ich nicht abweisen kann, da sie von Achtung und Zuneigung herbeygeführt wird, treibt mich hier tag-täglich von früh bis Abend ab und wird dadurch mir fast zu einer Noth, hier, wo sonst mir Alles vollkommen nach Wunsche geht und selbst die Herrschaften mit ihrem gesammten Hofe mir nicht den geringsten Zwang anlegen, sondern nur durch ihren Umgang mich erfreuen.5
Hab’ ich Ihnen denn schon gemeldet, daß ich diesmal aus Besorgnis des Arztes um meine Gesundheit Franziska Kübler, vormals die Gesellschafterin meiner seeligen Frau und nun meine Pflegerin, mit mir genommen habe? Sie ist ein so vorzüglich gebildetes Frauenzimmer, daß hier sogar die ersten Damen sie in ihre Cirkel laden. Musik versteht sie wenig, weiß aber „gut, mittelmäßig und schlecht” sehr wohl zu unterscheiden.
Und gebe der Himmel, daß wir einander gesund treffen und heiter genießen!
Grüßen Sie im voraus alle, denen, Ihrem Urtheil nach, an meinem Gruße gelegen seyn mag.
Hochachtungsvoll und freundschaftlich ergeben,

Rochlitz.

Erwähnte Personen: Kübler, Franziska
Voigt, Henriette
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Doppelquartette, op. 87
Erwähnte Orte: Eisenach
Kassel
Weimar
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835071436

http://bit.ly/2fGvSux

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Rochlitz an Spohr, 20.05.1835. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Rochlitz an Spohr, 03.08.1835.

[1] „vier Pfähle”: Bezeichnung für Wohnung (vgl. Carl Friedrich Walch, Vermischte Beyträge zu dem deutschen Recht, Bd. 8, Jena 1793, S. 391).

[2] Hier gestrichen: „bitte”.

[3] Hier gestrichen: „ich”.

[4] Der am 12.02.1769 geborene Rochlitz war am 14.07.1835 bereits 76 Jahre alt.

[5] Zu Rochlitz’ Weimaraufenthalt vgl. „Zwei Schriftstücke von Friedrich Rochlitz. 2. Sein Testament”, in: Grenzboten 46.3 (1887), S. 519-531, hier S. 526.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.11.2016).