Autograf: Braunschweigisches Landesmuseum Braunschweig (D-BSbl), Sign. 16864 b

Cassel den 20sten April
1835.

Innigst verehrter Herr und Freund,

Zwar hatte ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, Sie am Charfreitag1 hier zu sehen, als ich Ihr geehrtes letztes Schreiben vom 8ten erhielt. Zagend öffnete ich es und fand leider, daß ich vor der Hand dieser Freude entsagen müsse. Doppelt schmerzlich ist es mir, daß Ihr fortdauerndes Unwohlseyn die Schuld trägt und dieses durch ein unglückliches Ereigniß noch gesteigert wurde. Möge die schöne Jahreszeit Sie nun recht bald von Ihrem Übel befreien und mir dann die Freude werden, Sie bey mir zu bewirthen.
Unsere Aufführung am Charfreitage ist ganz nach Wunsch ausgefallen und das Werk scheint, nach Allem was ich höre, einen tiefen Eindruck gemacht zu haben. Durch die Mitglieder der Gesangvereine2 war im Voraus ein günstiges Urtheil für dasselbe verbreitet worden; dieß nebst dem schlechten Wetter, welches jede Excursion in's Freie verbat, hatten uns ein so zahlreiches Publikum zugeführt, wie ich es hier bey einer Musikaufführung noch gar nicht gesehen habe. So vollgedrängt die Kirche auch war und so gemischt das Auditorium, so herrschte doch vor und während der Musik die feierlichste Stille, wodurch auch wir, die Ausübenden, in die rechte Stimmung versetzt wurden. So wurde das Werk }von Anfang bis zu Ende ohne alle störenden Fehler durchgeführt und gereichte Allen zur größten Erbauung. Ich war sehr glücklich und hätte nur meine Freude mit der Ihrigen mögen theilen können. Da ich noch bey der Generalprobe viele einzelne Sätze wiederholen mußte, so gewährte mir erst die Aufführung des Werks in seiner ununterbrochenen Folge den Totaleindruck und ich darf sagen, daß dieser weit über meiner Erwartung war. Ganz besonders gilt dieß von der Stelle im 2ten Theil „es ist vollbracht” dem nun eintretenden 4stimmigen3 Sologesang „wir sinken in den Staub” mit4 dem Gemurmel des Chors und dem nach einem langen, langen crescendo hereinbrechenden Chor „welch tausend Ungewitter”. Zu diesem habe ich eine Orgel (ad libitum) geschrieben, die erst eintritt, nachdem das Orchester im crescendo alle seine Kraft erschöpft hat. Ich ließ hier sämtliche 4, 8 und 16 füßige Register ziehen (mit Ausnahme der Mixturen) und doch hat man unten in der Kirche und vis a vis von der Orgel die Mitwirkung der Orgel gar nicht5 gemerkt und ist nur umso mehr von der ungeheuren Kraft und Tonfülle ergriffen worden. Obgleich die Orgel wegbleiben kann, so wird dieses Musikstück doch da, wo die Orgel nicht die Orchesterstimmung hat, oder im Concertsaal außerordentlich an Wirkung verlieren. - Außer diesem Chor scheint mir der Schlußchor auf das Publikum den tiefsten Eindruck gemacht zu haben. Er ist im breiten 12/8 Takt

[Textverlust]6

ich dazu die Einwilligung des Prinzen erhalte (woran ich nicht zweifle, da auch er von der ersten Aufführung sehr ergriffen schien,) so werde ich es gern veranstalten, da wir uns bey der dann stattfindenden Anwesenheit so unzähliger Freunde wieder eine bedeutende Einnahme für unsere Wittwenkasse7 versprechen dürfen. Nun mögte ich vor Allem gern wissen, ob ich denn hoffen darf, sie hier zu sehen? Es ist ja dann die Zeit wo man in's bad geht und Sie könnten von hier aus gleich das Ihrige besuchen. Auch ist zu Pfingsten Cassel und Wilhelmshöhe am interessantesten im ganzen Jahr. Machen Sie mir ja die Freude, mir Ihren Besuch für diese Zeit recht bald anzukündigen!

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Erwähnte Personen: Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Cäcilienverein <Kassel>
Hofkapelle <Kassel>
Singakademie <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835042006

http://bit.ly/2giYGWt

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Rochlitz an Spohr, 08.04.1835. Rochlitz beantwortete diesen Brief am 01.05.1835.

[1] 17.04.1835.

[2] Cäcilienverein und Singakademie.

[3] „4stimmigen” über der Zeile eingefügt.

[4] „mit” über gestrichenem „und” eingefügt.

[5] Hier gestrichen: „und”.

[6] An dieser Stelle ist das untere Drittel des Blattes herausgeschnitten.

[7] Die Waisen- und Witwenkasse der Hofkapelle.

[8] An dieser Stelle ist das untere Drittel des Blattes herausgeschnitten.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.11.2016).