Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 2° Ms. mus. 1500[Sp. 75,29

Sr. Wohlgeb
dem Herrn Hofrath
Rochlitz
in
Leipzig.

franco.


Cassel den 19ten März
1835

Verehrtester Herr und Freund,

Ihr lieber Brief vom 14ten hat mein ganzes Haus in Betrübnis versezt, da wir alle uns die Zeit Ihres Hierseyns schon recht freundlich ausgemalt und allerley Pläne zu Excursionen und dergl entworfen hatten. Auch können wir die Hoffnung, Sie Ostern hier zu sehen noch nicht ganz aufgeben, da das Wetter ja jezt schon von Tage zu Tage milder wird und Ihr Befinden daher unverhofft eine andere Wendung nehmen kann. Versprechen Sie mir daher die Angelegenheit mit Ihrem Arzt in 14 Tagen noch einmal zu besprechen, vieleicht fällt dann sein Ausspruch günstiger für unsre Wünsche aus! – Ist es aber nicht möglich, so rechne ich fest darauf Sie im Spätsommer bey mir zu sehen. Wenn Sie den Monath Juli im Bade zubringen, so würde Ihre Rückreise in die ersten Tage des August fallen. Das ist die Zeit, wo unser Theater nach den Ferien wieder begonnen hat und wo wir Ihnen interessante Kunstgenüsse biethen können. Auch ist dann Wilhelmshöhe am belebtesten, da dann eine große Masse der aus den Bädern zurückkehrenden Fremden hier verweilt. Auch unsere Kunstschätze1 Gemäldegallerie, Museum u.s.w. kann man dann behaglicher genießen, da die Säle durchwärmt sind. Sollten Sie Wiesbaden oder Nenndorf besuchen so wäre die Rückreise über Cassel auch kaum ein Umweg zu nennen. – Allso diese Hoffnung halte ich fest!
Die Abänderungen im Oratorio sind in der Partitur und im Clavierauszuge vollendet und die Sologesangstimmen, wo es nöthig war, neu geschrieben. Die Chöre werden fleißig geübt und morgen werde ich beyde Gesangvereine2 zum ersten mal und die Übung durch ein Doppelquartett mit Contrabaß unterstützen. Be[y] den Dilettanten zeigt sich ungewö[hnlicher] Eifer, so daß ich auf eine gelunge[ne Auf]führung schon im voraus hoffen [darf.]
Von Mendelssohn habe ich vor einig[en Ta]gen einen Brief erhalten.3 Er hat eben[falls] ein Oratorium (Paulus, nach Worten der heiligen Schrift) vollendet. Ich werde ihn im Juni auf einer Rheinreise sehen4 und freue mich darauf seine neuesten Kompositionen (unter andern eine Ouvertüre zur schönen Melusine) kennen zu lernen. Er wird das Musikfest in Cölln am Pfingsttage dirigiren. Leider bin ich dann hier noch gebunden, da unsere Ferien erst den 15ten Juni beginnen. – Leben Sie wohl und kann es seyn, so machen Sie uns die Freude, Sie Ostern hier zu sehen. Mit Ungeduld sehe ich darüber der letzten Entscheidung entgegen.
Mit herzlicher Freundschaft ganz der Ihrige L. Sp.



Dieser Brief ist die Antwort auf Rochlitz an Spohr, 14.03.1835. Rochlitz beantwortete diesen Brief am 08.04.1835.

[1] Hier gestrichen: „kann man”.

[2] Cäcilienverein und Singakademie.

[3] Vgl. Felix Mendelssohn Bartholdy an Spohr, 08.03.1835.

[4] In Düsseldorf (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 165, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 203).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.11.2016).