Autograf: Bodleian Library Oxford (GB-Ob), Sign. GB 4: 22
Druck: John Michael Cooper und R. Larry Todd, „'With True Esteem and Friendship'. The Correspondence of Felix Mendelssohn Bartholdy and Louis Spohr“, in: Journal of Musicological Research 29 (2010), S. 171-259, hier S. 224f.; englische Übersetzung S. 183f.

Sr. Wohlgeb.
dem Herrn Musikdirektor
Felix Mendelssohn Bartholdy
in
Düsseldorf.

franco.1


Geehrter Herr und Freund,

Da heute Mittag eine Post nach Düsseldorf abgeht, so beeile ich mich Ihre Anfrage sogleich nach Empfang Ihres Briefs zu beantworten.
Madame Rottmayer hat eine kräftig klingende Stimme, die den größesten Raum ausfüllt; auch eignet sich ihr Gesang vorzugsweise für das Concert, da es ihr zur Theatersängerin an Coloratur und gewandtem Spiel fehlt; eben so ist sie von Schelble besonders für den Vortrag alter Musik gebildet worden. Da ich aber errathe, was Ihre Erkundigung für einen Zweck hat2, so melde ich Ihnen zugleich (,damit Sie keine Zeit durch unnöthige Correspondenz verlieren), daß Madame Rottmayer am Pfingsttage noch nicht wieder wird singen können, da sie im Monath May ihre Niederkunft erwartet. Höchst warscheinlich werde ich auch bey meiner Charfreitagsaufführung ihre Mitwirkung entbehren müssen, was mir sehr leid thun wird, da ihre Stimme bey der vorjährigen Aufführung von großer Wirkung war.
Ich beabsichtige in der 2ten Häfte des Juni eine Rheinreise zu machen und freue mich sehr darauf, Sie alsdann zu sehen und etwas länger mit Ihnen zusammen zu seyn, als es bey Ihrer lezten Anwesenheit3 hier der Fall war. Besonders freue ich mich darauf4 Ihr neues Oratorium kennen zu lernen. – Gern hätte ich die Reise so früh gemacht, um dem Musikfeste in Cölln beywohnen zu können; leider wird unser Theater aber erst am 15ten Juni geschlossen und ich kann mich daher nicht früher losmachen.
Daß wir jezt keinen, unter den mir bekannten Dichtern haben, der ein gutes Opernbuch schreiben könnte, davon überzeuge ich mich auch immer mehr. Seit einiger Zeit sind mir wieder mehrere dergleichen zur Ansicht zugeschickt; sie waren aber alle entweder im Stoff vergriffen oder in der Ausführung verfehlt [doch] mündlich mehr über diesen Gegen[stand]. Die Probe ruft, ich muß daher schließen.
Mit herzlicher Freundschaft stets ganz

der Ihrige
Louis Spohr

NS. Eine unendliche Freude würden Sie mir und Ihren hiesigen Verehrern machen, wenn Sie uns etwas von Ihren neuen Instrumentalcompositionen mittheilen wollten.

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Mendelssohn Bartholdy, Felix
Erwähnte Personen: Lampmann-Rottmayer, Julie
Erwähnte Kompositionen: Mendelssohn Bartholdy, Felix : Paulus
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Niederrheinische Musikfeste <verschiedene Orte>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835031111

http://bit.ly/2NkiTNf

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Mendelssohn an Spohr, 08.03.1835. Mendelssohn beantwortete diesen Brief am 19.03.1835.

[1] Quer auf dem Adressfeld befindet sich der Poststempel „CASSEL / 11 MERZ 183[3]“, darüber ein weiterer, verwischter Stempel.

[2] Offensichtlich ein Engagement für das diesjährige Niederrheinische Musikfest in Köln.

[3] Mendelssohn schrieb am 09.09.1833 einen Brief aus Kassel (an Joseph Mendelssohn, in: Felix Mendelssohn Bartholdy, Sämtliche Briefe, Bd. 3, hrsg. v. Uta Wald, Kasse u.a. 2010, S. 264f.), wo er sich offensichtlich wirklich nur kurz aufhielt, da sein voriger erhaltener Brief an Eduard Devrient vom 07.09. aus Horchheim (ebd., S. 263f.), sein nächster an Franz Hauser vom 10.09. aus Nordhausen datiert ist (ebd., S. 264f.). Abgesehen davon sind derzeit keine Quellen über diesen Kassel-Besuch Mendelssohns bekannt.

[4] Hier ein Wort gestrichen („das“?).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.06.2020).