Autograf: Bodleian Library Oxford (GB-Ob), Sign. MS Margaret Deneke Mendelssohn c. 42, f. 18-19
Druck 1: Felix Mendelssohn Bartholdy, Briefe aus den Jahren 1833 bis 1847, hrsg. v. Paul Mendelssohn Bartholdy und Carl Mendelssohn Bartholdy, Leipzig 1863, S. 80ff.
Druck 2: „Felix Mendelssohn‘s Briefe“, in: Fremdenblatt <Wien> 04.09.1863, nicht paginiert (teilweise)
Druck 3: Des Heilands letzte Stunden. Oratorium von L. Spohr, gedichtet von Friedrich Rochlitz. Briefe von Mendelssohn, Rochlitz und Spohr, hrsg. v. H[ans] M[ichael] Schletterer, Zürich 1885 [Separatdruck aus der Schweizerischen Musikzeitung (1885)], S. 52f. [Permalink] [Direkt zum Digitalisat]
Druck 4: Felix Mendelssohn Bartholdy, Sein Leben in Briefen, hrsg. v. Reinhold Sietz, Köln und Krefeld 1948, S. 133f. (teilweise)
Druck 5: Heinz Krause-Graumnitz, Vom Wesen der Oper. Opernkomponisten in Autobiographien, Vorreden und Briefen, Werk-Erläuterungen und anderen Dokumenten über die Oper, Berlin 1969, S. 129
Druck 6: John Michael Cooper und R. Larry Todd, „'With True Esteem and Friendship'. The Correspondence of Felix Mendelssohn Bartholdy and Louis Spohr“, in: Journal of Musicological Research 29 (2010), S. 171-259, hier S. 223f.; englische Übersetzung S. 181ff.
Druck 7: Felix Mendelssohn Bartholdy, Sämtliche Briefe, Bd. 4, hrsg. v. Lucian Schiewietz und Sebastian Schmideler, Kassel u.a. 2011, S. 184ff.

Herrn
Herrn Capellmeister Dr. Louis Spohr
in
Cassel

frei.1


Hochgeehrter Herr Capellmeister

Nehmen Sie meinen Dank für Ihr freundliches Schreiben und die Nachricht über die gute Beendigung der Rochlitzischen Angelegenheit. Seine Briefe2 erfolgen inliegend zurück, und es freut mich daraus zu sehen, daß er die Sache aus einem andern Standpunct betrachtet und daß Ihnen die Vollendung und Aufführung Ihres Werks nun durch kein unangenehmes Gefühl uber dies Misverständniß getrübt werden wird. Auch die Ankündigung3 aus Wien war mir interessant; ich hatte noch nichts davon gehört. Sie machte mir wieder das Gefühl recht lebhaft, wie unmöglich es mir sein wurde, irgend etwas mit dem Gedanken an eine Preisbewerbung zu componiren – ich käme nicht bis zum Anfange, und wenn man zum Musiker sich müßte examiniren lassen, so bin ich überzeugt, ich wäre von vorne herein abgewiesen worden, denn ich hätte nichts halb so gut gemacht, als ich könnte. Es geht mir fast damit, wie mit der Zusendung an die „Großen der Erde“ von der Sie auch sagen, sie seien Ihnen ein Greuel – der Gedanke an einen Preis oder eine Entscheidung macht mich zerstreut und dennoch kann ich mich nicht so darüber hinwegsetzen,
daß ich ihn ganz vergäße. Aber wenn Sie irgend die Stimmung dazu finden, sollten Sie es doch ja nicht unterlassen eine Sinfonie bis dahin zu componiren und einzuschicken, denn ich wüßte nicht, wer Ihnen den Preis unter den Lebenden streitig machen könnte (zweiter Grund) und wir bekämen dann wieder eine neue Sinfonie von Ihnen, (erster Grund). Uber die Zusammensetzung des richtenden Ausschusses in Wien habe ich meine Gedanken, die aber nicht recht legitim sind, sonden ein wenig rebellisch; Wäre ich die Richter, so bekäme das ganze Comite keinen Preis, wenn sichs darum bewürbe. –
Erlauben Sie mir nun Sie mit einer Bitte zu belastigen. Sie haben in Cassel die frühere Dlle. Lampmann, jetzige Mde. Rottmayer wenn ich nicht irre, deren Gesang ich vor langrer Zeit sehr loben hörte. Ich bin von auswärts her um ein unpartheiisches und competentes Urtheil über dieselbe gefragt worden, namentlich ob sie sich für Concert-Gesang eigne, ob ihre Stimme für ältere und neure Musik passend sei, ob sie einen großen Raum genugend ausfüllt &c? Um ein solches Urtheil erlaube ich mir nun Sie zu bitten, und ich wurde Ihnen sehr danken, wenn Sie mir recht bald darüber einige Zeilen zukommen ließen, damit ich die schnelle Auskunft geben kann, die man zu haben wünschte. Entschuldigen Sie nur, daß ich Ihre gewiß sehr beschränkte Zeit dadurch noch mehr in Anspruch nehme, aber Ihre große Freundlichkeit ist selbst die Ursache davon.
Sie wollen, daß ich Ihnen über meine Arbeiten schreiben soll, und ich danke Ihnen herzlich, daß Sie mich danach fragen. Ich habe seit ungefahr einem Jahre ein Oratorium angefangen, das ich im nächsten Monat zu beendigen denke, und dessen Gegenstand der heilige Paulus ist. Die Worte dazu haben mir einige Freunde aus der Bibel zusammengestellt, und ich glaube daß der Gegenstand sowie diese Zusammenstellung sehr musikalisch und ernsthaft ist. Wenn mir nur die Musik auch recht so wird, wie ichs möchte! Im October denke ichs zum erstenmale in Frankfurt vom Caecilienvereine zu hören; während des Schreibens habe ich wenigstens immer die größte Freude daran gehabt. Auch eine neue Ouverture „zur schönen Melusine“ habe ich vor einiger Zeit componirt und habe eine andre wieder im Kopfe. Nur möchte ich gar zu gerne eine Oper machen, aber ich sehe weit und breit keinen Text und keinen Dichter; mein Verhältniß mit dem hiesigen Theater habe ich aufgelöst, weil der Intendant davon, (Carl Immermann,) einen Widerwillen gegen die Oper und die Musik bewies4, und sonst wäre er gewiß fähig, ein schönes musikalisches Gedicht zu schreiben. Aber die dichten können,5 mögen die Musik nicht ausstehn, und, wo nicht, so kennen sie das Theater nicht, und die andern6 kennen wieder keine Poesie und keine Menschen, sondern nur Bretter und Lampen, und Coulissen und Leinewand. So komme ich nicht dazu, eine Oper zu finden, nach der ich so viel und vergeblich schon mich bemüht habe; [es thu]t mir aber mit jedem Tage mehr leid, drum hoffe ich endlich doc[h noch einen] Mann zu finden, wie ich ihn mir dazu wünsche. – Mehrere Instru[mental]musik habe ich seither noch componirt, meist für Clavier, doch auch einige andre; hoffentlich erlauben Sie mir Ihnen einmal etwas davon zuzusenden, wenn ich Gelegenheit dazu habe. Indem ich Sie nochmals bitte mir auf meine Frage bald gütigst
eine Antwort wissen zu lassen bin ich mit der vollkommensten Hochachtung und Ehrfurcht

Ihr ergebenster
Felix Mendelssohn Bartholdy.

Düsseldorf den 8ten Marz 1835.

Autor(en): Mendelssohn Bartholdy, Felix
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Lampmann-Rottmayer, Julie
Rochlitz, Friedrich
Erwähnte Kompositionen: Mendelssohn Bartholdy, Felix : Paulus
Mendelssohn Bartholdy, Felix : Die schöne Melusine
Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Düsseldorf
Erwähnte Institutionen: Stadttheater <Düsseldorf>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835030841

http://bit.ly/2YiY6Qp

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Mendelssohn. Spohr beantwortete diesen Brief am 11.03.1835.

[1] Über dem Adressfeld befindet sich der Poststempel „DÜSSELD. 11 12 / 9 / 3“.

[2] Vermutlich Friedrich Rochlitz an Spohr, 14.02.1835 und 24.02.1835.

[3] „Preisausschreibung für eine neue große Symphonie“, Wiener Zeitschrift (1835), S. 128; dass., in: Allgemeiner musikalische Anzeiger 7 (1835), S. 27f.; dass., in: Allgemeine Theaterzeitung 28 (1835), S. 127 (Druck 7, S. 557 zufolge erschien der Erstdruck dieser Ausschreibung in der Wiener Zeitung 24.01.1835, wo ich sie nach zweimaligem Durchblättern nicht finde). Der Preis wurde von den Concerts spirituels ausgeschrieben.

[4] Vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 165, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 203.

[5] Hier ein Wort gestrichen („und“?).

[6] Hier zwei oder drei Buchstaben gestrichen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.06.2020).