Autograf: Universitätsbibliothek Kassel, Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 2° Ms. mus. 1500[Sp. 75,28
Faksimile: H. Henderson, „Ludwig Spohr”, in: Famous Composers and their Works, hrsg. v. John Knowles Paine, Theodore Thomas und Karl Klauser, Boston 1891, S. 375-386, hier nach S. 376 (teilweise)
Abschrift: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus. ep. Spohr-Correspondenz 2,199
Druck 1: Des Heilands letzte Stunden. Oratorium gedichtet von Fr. Rochlitz, componirt von L. Spohr. Briefe von Mendelssohn, Rochlitz und Spohr, hrsg. v. Hans Michael Schletterer, Separatdruck der Schweizerischen Musikzeitung (1886), Zürich 1886, S. 34f.
Druck 2: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz – Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253–313, hier S. 285f.

Cassel den 10ten Januar
1835

Innigst verehrter Herr u Freund,

Schon im vorigen Frühjahr, wie ich die Komposition Ihres Oratoriums „Das Ende des Gerechten” begann, hatte ich die Absicht, Ihnen dieß anzuzeigen; doch da sich über eine Arbeit, die erst im Entstehen ist, nur wenig sagen läßt, hielt ich es für besser, bis zum Schluß derselben zu warten, um Ihnen dann recht ausführlich darüber berichten, oder noch besser das ganze Werk in Partitur gleich zur Beurtheilung vorlegen zu können. Eine solche Collision, wie ich sie jezt durch ein, vorgestern eingelaufenes Schreiben von Herrn Felix Mendelssohn erfahre1, befürchtete ich bei dieser Zögerung nicht, da ich mich erinnerte, Ihnen bey Zurücksendung des mir gütigst geliehenen Bandes Ihrer Schriften geschrieben zu haben, daß ich von dem Oratorio eine Abschrift genommen habe und die Komposition desselben beginnen würde, so bald ich mich zu einer so bedeutenden Arbeit aufgelegt fühlen würde. Jezt nun, da mir H F.M. Ihr letztes Schreiben an ihn vom 19ten December nebst der Umarbeitung des 2ten Theils des Oratoriums überschickt, habe ich bereits das ganze Werk vollendet und bis auf wenige Blatt sogar schon vollständig instrumentirt. Es ist daher ganz unmöglich, daß ich alle Veränderungen der neuen Bearbeitung noch aufnehmen kann. Ich würde die Mühe dabey warlich nicht scheuen; aber die Form mehrerer Musickstücke müßte ganz zerstört werden, was ich bey diesem Werk, welches, ich darf es sagen, mehr wie alle frühern aus einem Guß ist, nicht über mich gewinnen könnte. Alle Veränderungen aber, die blos Verbesserungen der Diction sind, ohne das Sylbenmaß und den Sinn wesentlich zu verändern, lassen sich, wenn Sie es wünschen, noch hinein bringen.
Was nun Ihren zweiten Wunsch betrifft, daß der Komponist bey Auffassung des Werks Ihre, in den Anmerkungen ausgesprochenen Ansichten berücksichtigen möge, so glaube ich ihm, ohne diese gekannt zu haben, in meiner Arbeit genügt zu haben und es hat mir wahrlich große Freude und zugleich Beruhigung gewährt, meine Bearbeitung Ihren Ansichten fast ganz gleich zu finden. Nur die Ansicht, daß man Jesum nicht singend einführen dürfe, kann ich nicht theilen. Haben unsere frommen Vorältern dabey keine Bedenken gefunden, so weiß ich nicht, warum wir jezt scrupulöser seyn wollen. Sollen die am Kreutz gesprochenen Worte beybehalten werden, so scheint mir eine edle, ausgebildete Tenorstimme ein viel würdigerer Repräsentant als ein Männerchor, der überdieß alle dramatische Täuschung bey dem, außerdem ganz dramatisch gehaltenen Werke nothwendig aufheben müßte. Daß der Komponist dabey die Aufgabe zu lösen hat, das, was Jesus singt, vor allen andern als heilig, erhaben und wohllautend hervortreten zu lassen, versteht sich von selbst. In wiefern mir dieß geglückt ist, wird die Wirkung bey der Aufführung erproben.
Schlüßlich bitte ich um Erlaubnis, was ich mir beym Beginn der Arbeit schon vorgenommen hatte, Ihnen die Partitur (die in höchstens 8 Tagen fertig geschrieben seyn wird,) zur Ansicht und Beurtheilung vorlegen zu dürfen. Sollte sich das Werk Ihres Beyfalls zu erfreuen haben, so füge ich noch die Bitte hinzu, Ihnen, durch dessen herrliche Dichtung ich dazu begeistert wurde, dasselbe als ein Zeichen meiner unbegränzten Hochachtung dediciren zu dürfen. Seit lange habe ich mir eine Gelegenheit gewünscht, dem Manne, der durch seine belehrenden und begeisternden Schriften über Musick mich von Jugend auf zum Fleiße und Fortschreiten auf der Künstlerbahn anspornte2, einen öffentlichen Beweiß meiner Verehrung und Dankbarkeit geben zu dürfen und ich halte dieß Werk dazu nicht ganz unwürdig.-
Da ich bereits einen Clavierauszug gemacht habe, der mir beym Einstudiren dient, so kann ich die Partitur 3 bis 4 Wochen entbehren. Dann bitte ich um gefällige Rücksendung derselben, da das Werk am Charfreitage in beleuchteter Kirche zum Besten unsres Fonds für Wittwen und Waisen verstorbener Musiker zum 1sten mal gegeben werden soll. Gleich nach der Aufführung werde ich für dessen Verbreitung thätig seyn, warscheinlich aber wieder, wie bey „den letzten Dingen” selbst Verleger seyn müssen, da keiner meiner Verleger mir ein, der Arbeit angemessenes Honorar bieten wird.
Welch ein unersetzlicher Verlust mich betroffen hat, werden Sie bereits gehört haben.3 Die Schreckenszeit, die ihm vorausging und das Gefühl des Verlassenseyns nachher ließen mich in langer Zeit nicht zur Arbeit kommen; doch fand ich in dieser zuerst wieder Trost und Beruhigung. Da Sie die Selige in ihrer schönsten Künstlerperiode kannten, wird Sie vieleicht der beyliegende Aufsatz von einem Freunde unseres Hauses interessiren. Vieleicht würde ihn auch Herr Fink4 zu einem Necrolog in der Musikalischen Zeitung benutzen wollen, da, so viel ich weiß, dort ihres Hinscheidens noch gar nicht erwähnt ist.5 Darf ich daher um gefällige Mittheilung an denselben bitten?
Einer recht baldigen Antwort nach Ankunft der Partitur entgegen sehend, unterzeichne ich mit den Gefühlen innigster Hochachtung und Freundschaft ganz

der Ihrige
Louis Spohr

Erwähnte Personen: Fink, Gottfried Wilhelm
Mendelssohn Bartholdy, Felix
Spohr, Dorette
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835011006

http://bit.ly/1WuWBGU

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Rochlitz, 06.08.1833. Rochlitz beantwortete diesen Brief am 15.01.1835.
Die beiden Drucke edieren nicht nach dem Autograf, sondern nach der Abschrift.

[1] Vgl. Felix Mendelssohn Bartholdy an Spohr, 03.01.1835.

[2] Rochlitz war Gründungsredakteur der Allgemeinen musikalischen Zeitung.

[3] Spohrs Frau Dorette starb am 20.11.1834.

[4] Gottfried Wilhelm Fink war Rochlitz’ Nachfolger als Redakteur der Allgemeinen musikalischen Zeitung.

[5] Vgl. „Nekrolog. Dorette Spohr”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 37 (1835), Sp. 43f.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.11.2015).

Cassel, am 10ten Januar
1835.
Innigst verehrter Freund!
Schon im vorigen Frühjahr, wie ich die Komposition Ihres Oratoriums: „Das Ende des Gerechten” begann, hatte ich die Absicht, Ihnen dies anzuzeigen; doch da sich über eine Arbeit, die erst im Entstehen ist, nur wenig sagen läßt, hielt ich es für besser, bis zum Schluß derselben zu warten, um Ihnen dann recht ausführlich darüber berichten oder besser noch das ganze Werk in Partitur gleich zur Beurtheilung vorlegen zu können. Eine Collision, wie ich sie jezt durch ein, vorgestern eingelaufenes Schreiben von Herrn Felix Mendelssohn, erfahre, fürchtete ich bei dieser Zögerung nicht, da ich mich erinnerte, Ihnen bei Zurücksendung des mir gütigst geliehenen Bandes Ihrer Schriften geschrieben zu haben, daß ich von dem Oratorio eine Abschrift genommen habe und die Komposition desselben beginnen würde, so bald ich mich zu einer so bedeutenden Arbeit aufgelegt fühlen würde. – Jetzt nun, da mir Herr Mendelssohn Ihr letztes Schreiben an ihn vom 19ten Dezember nebst der Umarbeitung des zweiten Theils des Oratoriums überschickt, habe ich bereits das ganze Werk vollendet und bis auf die letzte Hälfte des Schlußchors sogar vollständig in Partitur gesetzt. Es ist daher ganz unmöglich, daß ich alle Veränderungen der neuen Bearbeitung noch aufnehmen kann. Ich würde die Mühe dabei wahrlich nicht scheuen; aber die Form mehrerer Musikstücke müßte ganz zerstört werden, was ich bey diesem Werk, welches, ich darf es sagen, mehr wie alle frühern aus einem Guß ist, nicht über mich gewinnen könnte. Alle solche Veränderungen aber, die blos Verbesserungen der Diction sind, ohne das Sylbenmaß und den Sinn wesentlich zu verändern, lassen sich, wenn Sie es wünschen, noch hinein bringen. – Was nun Ihren zweiten Wunsch betrifft, daß der Komponist bey Auffassung des Werks Ihre, in den Anmerkungen ausgesprochenen Ansichten berücksichtigen möge, so glaube ich ihm, ohne diese gekannt zu haben, in meiner Arbeit genügt zu haben, und es hat mir wahrlich große Freude und zugleich Beruhigung gewährt, meine Bearbeitung Ihren Ansichten fast ganz gleich zu finden. Nur die Ansicht, daß man Jesum nicht singend einführen dürfe, kann ich nicht theilen. Haben unsere frommen Voreltern dabei keine Bedenken gefunden, so weiß ich nicht, warum wir jezt scrupulöser seyn wollen. Sollen die am Kreuz gesprochenen Worte beibehalten werden, so scheint mir eine edle, ausgebildeter Tenor ein viel würdigerer Repräsentant als ein Männerchor, der überdieß alle dramatische Täuschung bei dem, außerdem ganz dramatisch gehaltenen Werke nothwendig aufheben müßte. Daß der Komponist dabey die Aufgabe zu lösen hat, das, was Jesus singt, vor allem Anderen als heilig, erhaben und wohllautend hervortreten zu lassen, versteht sich von selbst. In wiefern mir dies geglückt ist, wird die Wirkung bey der Aufführung erproben.
Schließlich bitte ich um Erlaubnis, was ich mir beim Beginn der Arbeit schon vorgenommen hatte, Ihnen die Partitur (die höchstens in acht Tagen fertig geschrieben seyn wird,) zur Ansicht und Beurtheilung vorlegen zu dürfen. Sollte sich das Werk Ihres Beifalls zu erfreuen haben, so füge ich noch die Bitte hinzu, Ihnen, durch dessen herrliche Dichtung ich dazu begeistert wurde, dasselbe als ein Zeichen meiner unbegrenzten Hochachtung dediciren zu dürfen. Seit lange habe ich mir eine Gelegenheit gewünscht, dem Manne, der durch seine belehrenden und begeisternden Schriften über Musik mich von Jugend auf zum Fleiße und Fortschreiten auf der Künstlerbahn anspornte, einen öffentlichen Beweis meiner Verehrung und Dankbarkeit geben zu dürfen; ich halte dies Werk dazu nicht ganz unwürdig.
Da ich bereits einen Clavierauszug gemacht habe, der mir beym Einstudiren mit den beiden hiesigen Gesangvereinen dient, so kann ich die Partitur drei bis vier Wochen missen. Dann bitte ich um gefällige Rücksendung derselben, um ausschreiben zu lassen. Am Charfreitag in beleuchteter Kirche wird die erste Aufführung zum Besten unseres Unterstützungfonds für Wittwen und Waisen verstorbener Musiker Statt finden. So wie ich das Oratorium gehört habe, werde ich für dessen Verbreitung thätig seyn, warscheinlich aber wieder, wie die „letzten Dinge” selbst verlegen müssen, da kein Verleger ein, der Arbeit angemessenes Honorar bieten wird.
Was mich für ein unersetzlicher Verlust betroffen hat, werden Sie bereits gehört haben. Die Schreckenszeit, die ihm vorausging und das Gefühl des Verlassenseyns nachher ließen mich in langer Zeit nicht zur Arbeit kommen; doch fand ich in dieser zuerst wieder Trost und Beruhigung. Da Sie die Selige in ihrer schönsten Künstlerperiode kannten, wird Sie vieleicht der beyliegende Aufsatz von einem Freunde unseres Hauses interessiren. Vieleicht würde ihn auch Herr Finck zu einem Necrolog in der Musikalischen Zeitung benutzen wollen, da, so viel ich weiß, dort ihres Hinscheidens noch gar nicht erwähnt ist. Darf ich daher um gefällige Mittheilung an denselben bitten?
Einer recht baldigen Antwort nach Ankunft der Partitur entgegen sehend, unterzeichne ich mit den Gefühlen innigster Hochachtung und Freundschaft ganz
der Ihrige
Louis Spohr