Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Catlenburg den 16ten März 1834.

Mein innigst verehrtester Gönner!

Ihr liebes Schreiben vom 17t v. M. ist bisher ohne meine dankbare Erwiederung geblieben, weil ich von einer Zeit zur anderen eine weitere Entwickelung der Dispositions-Möglichkeit über die Oster-Tage erhoffte.
Morgen begebe ich mich nun nach Reiffenstein, wo ich bis gegen Ende der nächsten Woche beschäftigt seyn werde, und alsdann von da nach Erfurt und Arnstadt zu reisen genöthigt bin; wobey ich fest hoffe, daß ich, den Rückweg alsdann über Cassel nehmend, zu „Den letzten Dingen“ am Charfreytage würde eintreffen können, wie es mein sehnlichster Wunsch ist.
Recht sehr würden Sie mich nun verpflichten, wenn Sie mir, so weit es ohne Ihre zu große Belästigung geschehen kann, beschleunigt eine kleine Benachrichtigung, nach Reiffenstein bey Dingolstaedt1 adressirt, darüber zugehen zu lassen freundlich genemigen wollten:

1.) zu welcher Tageszeit und Stunde Ihr berühmtes Oratorium in der Kirche am Charfreytage aufgeführt werden wird?
2.) an welchem Tage es zu welcher Stunde und in welchem Saale die letzte große Probe seyn wird?, und
3.) ob u welche Opern an den folgenden nächsten Tagen, oder auch etwa schon Mittwochs vorher, gegeben werden.

Wenn gleich es möglich wäre, daß ich die zeitige Ankunft zum Charfreytage in Cassel nicht zu erreichen vermögte, so ist es anderer Seits doch auch möglich, daß ich, wie ich es selbst hoffe, meine Reise-Geschäfte zeitig genug abmache, um auch die letzte General-Probe dort zu erreichen, was mir bey dergleichen tieferen Werken den Genuß mehr als verdoppelt; und wenn die Geschäfte es nur zulassen: so scheue ich es auch nicht, mit Postpferdem eine Nacht zu Hülfe zu nehmen und meine Pferde noch gehen zu lassen; daher eine genaue Kunde von Tag und Stunde, die, wenn möglich, dort vermist werden müste, mir sehr erwünscht kommen wird.
Die neulich berührte Oper „Hans Heiling“ habe ich im Herbste in Leipzig recht gut gehört. Der erste Act, – wenn gleich viel Reminiszenzen aus andern Werken darin, – enthusiasmirte mich; – dieser Genuß nahm aber nachmals sehr ab; und als2 dann gar die Versetzung von Wolfs-Schluchts-Accorden in eine vel quasi Spinnstube zu der trocknen Erzählung schauerlicher Legenden3, war mir, – ehrlich gestanden, – fast ekelhaft!4
Auch habe ich in Leipzig „Robert der Teufel“ von Meier-Beer gesehen, und hätte viel darum gegeben, die Oper in continenti5 anderen Tages noch ein Mahl, und von etwas weniger lästigen Nachbarn umgeben, hören zu können, um mit meinem Urtheile noch einiger zu werden; so wie auch etwas weniger erschöpft von der Reise; indem ich erst unmittelbar vor dem Theater ankam, in 24 Stunden, außer 2 Zwiebelbroden und 2 Tassen Thee, nichts genossen hatte, und die Aufführung bis 11 Uhr Abends dauerte,! – dennoch, – mir nicht zu lange! – trotz alles unerträglichen Schwäzens meiner Nachbaren über die Endlosigkeit der Oper. –
Höchst interessant und belehrend wird es mir seyn, Ihr specielleres Urtheil über jene beyden Opern zu hören! –
Ob eine Verabdung möglich werden wird, mit meiner Frau, die in ihrem Befinden in etwas wieder von dem Frühjahr gedrückt wird, in Cassel zusammen zu treffen, scheint sehr zweyfelhaft; doch werde ich bey der Weiterreise von Reiffenstein schon mehr übersehen können, ob und wann ich dort einzutreffen hoffen kann, und dann noch ein Mahl versuchen, ob ich sie mir nach Cassel entgegen laden kann. –
Unter den herzlichsten Empfehlungen in Ihrem verehrten Hause
Ihr wärmster Verehrter
Lueder

Autor(en): Lueder, Christian Friedrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Marschner, Heinrich : Hans Heiling
Meyerbeer, Giacomo : Robert le diable
Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Weber, Carl Maria von : Der Freischütz
Erwähnte Orte: Erfurt
Leipzig
Reifenstein
Erwähnte Institutionen: Stadttheater <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1834031635

http://bit.ly/3kKSLt5

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Lueder, 17.02.1834. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 10.01.1835.

[1] Dingelstädt.

[2] „als“ über gestrichenem Wort eingefügt.

[3] Vermutlich das Melodram im zweiten Akt (vgl. Hans Heiling. Romantische Oper in 3 Akten nebst einem Vorspiel von Eduard Devrient. In Musik gesetzt von Heinrich Marschner, Köln 1834, S. 15).

[4] Reminiszenzen an Carl Maria von Webers Der Freischütz kritisiert ein Berliner Rezensent schon für die Ouvertüre (vgl. „Berlin, den 10ten Juny“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 35 (1833), Sp. 443-446 und 462-467, hier Sp. 463). Zum Melodram vgl. ebd., Sp 465.

[5] „in continenti“ = lat. „unverzüglich“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.11.2020).