Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Catlenburg am 5ten Februar 1834.

Erlauben Sie meiner Frau! mein innigst verehrtester Freund! Ihnen am Schluße des diesjährigen so genannten Schlachte-Feste beygehend annoch ein frisches Würstel mit dem herzlichen Wünsche präsentiren zu dürfen, daß solche Sie Alle bey frischem Appetite für diese etwas derbe ländliche Speise antreffe; und wird es nun vielleicht auch Ihner innigst verehrtesten theuren Frau Gemahlin, nach etwa Erfolgreich beendeter homöopathischer Cur1 erlaubt seyn, Sich mit darann zu wagen. – Ohne Zweifel gehören die Erscheinungen dieser, ungeachtet aller mannigfachen Verfolgungen, ein immer weiteres Feld gewinnenden höchst merkwürdigen Heil-Methode zu dem interessantesten unseres Jahrhunderts, – vielleicht von den wesentlichsten Einflüssen auf viele folgende Jahrhunderte! – Möge auch Ihre theure Frau Gemahlin deren Folgen zu segnen wollen alle Veranlassung erhalten! –
Für die interessante Ausführlichkeit Ihres lieben Schreibens vom 13ten v.M. sage ich Ihnen unseren ernstlich empfundenen herzlichen Dank! – An allem, Ihre persönliche Verhältnisse betreffenden, nehmen wir den regesten Antheil, und waren ungemein erfreut, darüber so viel erwünschtes von Ihnen Selbst zu hören; – und um so mehr, als nach Ihrem edlen menschenfreundlichen Sinn eine Sie befriedigende dortige Geschäfts-Stellung zugleich so richtig für so manche Künstler ist, und mithin für Beschützung und Hebung der Kunst überhaupt! –
Ihre authentischen Details über die wieder ins Leben getretene dortige Oper, zusammentreffend mit der Anzeige der am 18ten v.M. statt gehabten Ausführung der Jessonda, ließen mich herzlich den 17ten Nachmittags 4 Uhr, als die Stunde des Anfanges der General-Probe, ein kaum zu bemeisterndes Kribbeln in Händen und Füßen empfinden!! die sich aber doch unausweichlich darinn fügen mußten, den vorliegenden Geschäften getreu zu bleiben! –
Meine Frau, die ich bey Ueberbringung Ihres auch ihr so interessanten Schreibens fragte, ob wir am 16ten losreisen wollten? erwiderte mit redendem Lächeln, daß sie wolle in allen Kirchen danken lassen, wenn wir nur Ostern zu dem Absender gelangten! – Und – sie hat wohl recht! – denn ich hatte z.B. bey dem Plane auf Ostern schon nicht daran gedacht, daß wir beabsichtigten, zu Ostern eine Verwechselung in der Person der Haushälterin eintreten zu lassen; welches allein schon, wenn es gerade auf die Oster-Tage selbst sich realisiren sollte, was nicht von uns allein abhängt, es wiederum ganz unthunlich machen würde, eine solche, so lange schon entbehrte, Kunst-Wallfahrt ein Mahl wieder zu machen! – Eine Resignation, – die mir merklich schon dadurch erleichtert scheinen könnte, daß ich zur Jessonda nicht geflogen kommen konnte,! da2 nicht ein Etwas(?) der Art3 eine solche Sehnsucht, es in würdiger Aufführung ganz kennen zu lernen, bey mir begründet hat, als dieses; durch die Bruchstücke, die ich daraus durch den, in dieser beschränkteren Art recht vorzüglich gaben, Vortrag der Eisleb’ner Musiker in Alexis-Bad kennen, u vor 3 Jahren mich nicht habe satt hören können! –
Auf das herzlichste empfehlen wir für Heute uns Ihnen Allen! –
Mit der größten Artigkeit unwandelbar

Ihr wärmster Verehrer
CFLueder.

Autor(en): Lueder, Christian Friedrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Lueder, Wilhelmine Henriette Caroline
Spohr, Dorette
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Alexisbad
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1834020535

http://bit.ly/36NFXgM

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Lueder, 13.01.1834. Spohrs Antwortbrief vom 17.02.1834 ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] Moritz Hauptmann macht sich darüber am 04.07.1834 in einem Brief an Franz Hauser lustig: „Spohr reist noch 8 Tage später als ich, wird seine Eltern und Brüder und den Harz besuchen, zum Baden hat er auch die Lust verloren, er ist jetzt sehr von der Homöopathie eingenommen, der Vater ist nämlich homöopathischer Arzt [...]“ (Moritz Hauptmann, Briefe von Moritz Hauptmann, Kantor und Musikdirektor an der Thomsschule zu Leipzig an Franz Hauser, hrsg. v. Alfred Schöne, Bd. 1, Leipzig 1872, S. 126f.). Später in einem Brief vom 17.04.1835 ergänzt er: „Spohrs alter Vater ist hier, ein rüstiger eiserner Mann von 80 Jahren, er hat nicht übel Lust sein Domicil, Gandersheim, aufzugeben, weil ihm dort als Landphysikus Verdrießlichkeiten wegen der Homöopathie gemacht werden […] Daß er aber die gute Spohr von Gandersheim aus curiren Wollte und sie, hypochondrisch, fast melancholisch im höchsten Grade, täglich ihren eignen Krankheitsbericht schriftlich abstatten mußte, daß er wenigstens mit ihrem Wissen aufgenommen wurde, daß sie so recht mit ihrer Krankheit im Kreise herumgehetzt wurde, und immer kränker wurde weil sie es glaubte, anstatt sie soviel als möglich aus diesem fatalen Zirkel herauszuführen – das geht mir über den Stiefelknecht, über den homöopathischen und allopathischen“ (ebd., S. 158-164, hier S. 159f.).

[2] Hier gestrichen: „ich“.

[3] Hier ein Wort gestrichen („mir“?).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.11.2020).