Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Kleinwächter,L.:02

Prag den 30t November 1833.

Innigst verehrter Herr!

Es würde mich unendlich schmerzen, wenn mein spätes Antworten auf Ihr so freundschaftliches Schreiben, und auf1 die beigefolgten liebevollen Gaben auch nur den geringsten Schein von Unempfänglichkeit oder Lauheit auf mich geworfen hätte. Sehr gerne hätte ich sogleich nach der Feder gegriffen und im wärmsten Entzücken der Freude Ihnen gesagt wie dankbar mich jede Erinnerung, jeder Federzug von Ihnen macht, und wie stolz ich auf Empfang Ihres Schreibens, und jener beiden wunderlieben Piecen im Geiste auf alle jene herabsah, denen das Geschick die Freude der nähern Bekanntschaft mit Ihnen versagt hat. Ihr Brief hat bereits die Hände aller meiner Freunde paßirt, deren Herzen sich so gerne an den Strahlen Ihres Gemüthes erwärmen, und der schöne Walzer entzückt alle Hörer durch sein graziöses Anschmiegen an die Tiefen der Seele. Wenn mir nur die Freude zu Theile würde, denselben bald in der Originalinstrumentierung zu hören. So viel ich vernehme, soll – nach einer Annonce der Wiener Theaterzeitung – Ihr Walzer nach der Original-Partitur in Wien am Katharinenfeste (am 25t 9ber) durch das Strauss‘sche Orchester gegeben worden sein.2 Ob die platten Wiener solcher Walzer werth sind, wag ich – als österreichischer Staatsbürger gar nicht entscheiden. Die schöne Caecilienhymne befindet sich gegenwärtig in den Händen einer unser beßeren Dilettantinen, weil wir Willens sind dieselbe nebst den drei Psalmen den nächsten Monat in unserm Privat-Musik-Kreise aufzuführen. Mich trifft dabei – wie gewöhlich – die Direction am Pianoforte; und ich werde mir gewiß alle erdenckliche Mühe geben, um die Production der Werke würdig zu veranstalten. Wie sehr sich alles schon auf jenen Tag freut, bedarf erst keines Wortes. Das überschickte Stammbuchblatt für Tomaschek habe ich sogleich übergeben; der Empfänger war sehr erfreut, und meldet durch mich seinen herzlichsten Dank. Ob er das Exempel schon heraus gekriegt hat, weiß ich nicht; da auf eine Frage darnach wohl schwerlich eine ganz aufrichtige Antwort – wenigstens für den Verneinungsfall – zu erwarten stünde. Mein Bericht über die empfangenen Dinge ließ mich noch nicht dazu kommen, den Grund meiner verzögerten Antwort zu sagen. Ich wollte nicht eher schreiben, als bis ich das 3te Doppelquartett gehört haben würde und der Mangel eines guten zweiten Violoncellisten – denn der Ordinarius war bis zur Hälfte Novembers auf den Herbstferien – machte meinem Vater es unmöglich, dasselbe früher zu versuchen. Nun habe ich es3 einmal gehört dieses schöne, wunderschöne, phantasie- und gemüthreiche Doppelquartett, habe es aber leider nur einmal, und das mehr als Probe gehört, kann es daher mit der beiden früheren, die ich so zu sagen, durch und durch gehört habe, noch nicht vergleichen. So viel scheint mir nach dem einmaligen Hören gewiß, daß ich demselben unbedingt den Rang neben seinen beiden Brüdern einräume, und ich glaube – wenn es anders möglich ist – nach öfterm Hören werde ich – so wie Ihre Cassler Freunde – dasselbe noch über jene placiren. Aber – wie gesagt – nach einer noch unvollkommenen Production wäre es Frevel und ungeheure Anmaßung, die Classificirung eines Spohr‘schen Kunstwerkes zu wagen, und bis itzt konnte ich nach dem ersten Hören ihrer Compositionen fast nie etwas anders thun, als staunen und bewundern. Das gänzliche Erfassen, und das elektrische Uiberstömen Ihrer Töne in das Gemüth zum eigentlichen, bleibenden Verständniß und Genuß, kann immer erst folgen, wenn sich die Seele von dem blendenden Glanze des ersten Eindruckes erholt hat. Ich hoffe jedoch bald mehr darüber sagen zu können da ich im Hause nächstens eine Wiederholung dieses schönen Werkes erwarte. Auch wird Pixis, der im heurigen Advent wieder einen Quartetten-Cyclus gibt, denselben mit jenem Doppelquartett würdig beschließen. Gebe Gott daß die gewöhnliche Lust jener Herren, die Tempi zu übertreiben, bei dieser Production unterbleibe! War gleich unsere Ungeduld – wenn es gilt ein neues Werk von Spohr zu hören – durch erwähntes Hinderniß auf eine harte Probe gesetzt, so haben wir uns darum desto wackerer an Ihre drei letzten Quartetten gehalten, und – um biblisch zu reden - Herz und Sinnen daran erquikt. Es ist doch etwas göttliches in Ihrer Musik! Man ist fast immer außer Stande zu sagen, welches Ihrer Werke vor dem andern vorziehen soll, da sie alle einen so unnennbaren Zauberreiz haben! So auch wieder mit den drei Quartetten, es ist jedes ein so schönes abgeschloßenes Ganze, daß man im Augenblicke des Hörens auf allen Vergleich vergißt, und hingezogen von der Gewalt des Gemüths bloß beim Eindrucke des eben Gehörten zu ereilen vermag. Erwarten Sie darum keinen Vergleich von mir, es ist mir unmöglich, so eine Kälte beim Hören Ihrer Werke übrig zu behalten, als nöthig ist, um einen anordnenden Classifications-Prozeß mit dem Verstande durchzuführen. Ich kann nur nach jedem neuen Werke von Ihnen dankend im Geiste auf den Schöpfer deßelben zurückblichem, und Ihnen wünschen daß die waltende Hand der Vorsehung noch lange, lange hin de m Heros der Tonkunst zur Freude und zum4 Vorbild allem Kunstjünger und Kunstrichter erhalten möge. Wie viel angenehmer noch5 der Reiz jenes Eindruckes für mich6 seit der Zeit geworden ist, als mir das Glück der nähern Verbindung mit Ihnen7 gegönnt ist, kann ich gar nicht sagen, und jeder Gedanke an Sie erweckt in mir jene Regungen der heißen Dankbarkeit, die ich schon von der frühsten Jugend an gegen Sie, als den Schöpfer jener Musik – die mein Gemüth so außerordentlich tief berührt, - empfunden haben, und gewiß zeitlebens empfinden werde. Wie ich in dieser Hinsicht fühle und denke wird Ihnen mein ganzes Wesen, das ich Ihnen persönlich so ganz offen vorgelegt habe, beßer gesagt haben, als ich es schriftlich vermag, und auch mein letzter Brief den ich gleich nach meiner Ankunft Ihnen nach marienbad schrieb, sollte Ihnen sagen, daß Sie den Balsam Ihrer freundschaftlichen Behandlung an keinen Undankbaren vergeudeten. Fast muß ich fürchten, daß bei dem irregularen Postengang jener Leute Sie jene Zeilen nicht erhalten haben, und ich war die ganze Zeit her deßhalb in Angst. Wie abscheulich, wie kalt und lieblos müßte ich vor den Augen des so liebevollen, humanen Mannes bis itzt erscheinen, wenn man vor mir nur wähnen konnte, ich hätte es erst durch ein Schreiben von Cassel aus an mich kommen laßen, den Dank auszusprechen, den zu sagen, so gleich nach meiner Heimkehr der heftigste Drang meines Herzens war. Wie oft, wie sehr oft hatte ich mir – noch lange bevor8 ich Sie kannte vorgenommen, Ihnen – wenn auch unbekannterweise zu schreiben, um Ihnen meinen Dank dafür zu sagen, daß Sie mit Ihrer schöpferischen Kraft meinen Tongefühle so zu sagen das Dasein, und die einzige Richtung gegeben haben, und nur Scheu einer möglichen schiefen Deutung jener Handlungsweise hielt mich zurück. Und nun hätte ich nach einen Schwelgen von 14 paradiesischen Tagen9 kalt und blöde schweigen sollen gegen den Urheber der Freude! Mein Herr Capellmeister, dazu lebt in Ihnen zuviel Gemüth, als daß Sie es hätten glauben können, selbst wenn ein Verlegen jenes Briefes auf der Marienbader Post den Schein einer solchen Gemüthslosigkeit auf mich geworfen hätte.
Der Genuß, Ihre Jessonda zu hören, ward den Pragern bis Itzt noch nicht zu Theil. Obschon die Partitur schon so lange hier liegt, so hat die Krankheit der Madame Podhorsky für deren Benefice jene Oper - wie Sie sich erinnern werden10 – verschrieben war, die Aufführung bis itzt gehindert.11 Nun soll zwar das Benefice bald statt haben; allein da der Contract der gegenwärtigen Theaterdirection diese Ostern zu Ende geht, und die Direction nun an den Wiener Herrn Stoeger - dem Unternehmer des Josephstädter Theaters übergeben soll, so glaube ich schwerlich daß der abtretende Unternehmer sich die Kosten, welche das In-Scene-Setzen einer neuen Oper mit sich bringt, am Ende der Contractzeit verursachen werde. Ja nun, wenn es nicht anders sein kann, will ich gerne warten, wenn wir die Oper nur dann beßer, als es itzt zu hoffen war, zu hören bekommen. Dlle Lutzer die Sie hier hörten, soll dem Verrnehmen nach, in Wien engagirt sein, ob es wahr ist, kann ich jedoch nicht verbürgen. Hoffentlich wird sie über die Production der Jessonda noch hier bleiben, dann will ich sie in ihrem weitern Kunststreben auch mit meinen - ohnehin erfolglosen Wünschen, nicht weiter hindern. Wie sehr sich die Musikwelt auf jene Oper sehnend freut, bedarf wohl nicht erst erwähnt zu werden.
Da ich weiß, daß Herr Capellmeister auch an dem, was uns betrifft, einigen Antheil nehmen, so unterlaße ich nicht, zu berichten, dasz auch ich schon einigermaßen vor die Offentlichkeit der Prager Musik Welt getreten bin. Vor mehr als einem Jahre schrieb ich über einen lateinischen Text eine Motette für 4 Solo- und 4 Chor-Singstimmen mit gewöhnlicher Streichbegleitung und mit Unterstüzung von 3 Posaunen. Die übrigen Blasinstrumente ließ ich mit Absicht weg, weil die ganze Composition in diesem einfachen Tone der ältern italienischen Kirchenmusik gehalten ist, und daher schmucklos einhertreten sollte. Director Weber war so gütig, - ohne mein Verlangen – diese Composition als Graduale in das Geistamt, welches das Conservatorium jährlich zum feierlichen Beginn des Schuljahrs gibt, einzulegen.12 Mir war dadurch die Ehre zu Theil, meine Erstlingsarbeit einer größern Composition auf eine glänzende Art in der Welt zu schicken. Leider verhinderte mich eine Unpäßlichkeit, den Proben beizuwohnen und somit so viel aus der Production für die Berechnung des Effektes zu lernen, als ich gewünscht hätte. Die Aufführung zu der ich erscheinen konnte, fiel auch recht wohl aus, und ich konnte mich der Beistimmung der hiesigen Musikverständigen erfreuen, die mit nachsichtigem Blicke die vaterländische Arbeit des angehenden Kunstjüngers gewiß mehr würdigten, als sie es verdiente. Wenn Herr Capellmeister erlauben, so werde ich so frei sein, diese Motette nebst einigen andern Kleinigkeiten früher oder später Ihrer huldvollen Beurtheilung vorzulegen. Dankbar und erkenntlich werde ich jeden Tadel von Ihnen aufnehmen, und werde mich glücklich schätzen, wenn Sie13 die angestrengten Regungen des Anfängers nur eines Blickes würdigen. Ich weiß überhaupt, daß es Kühnheit ist, meinen Wunsch der Art laut werden zu laßen; allein Ihre mir gegebene Erlaubniß und mein gewiß reiner Eifer für die Kunst machen mich vergeßen auf die Unbescheidenheit des Begehrens, welches ich hege. Da ich nun schon einmal zudringlich geworden bin, so wage ich noch eine Bitte. Ein freund von mir, der unlängst von Leipzig zurückkehrte erzählte mir, er habe dort die Jessonda gehört, und sagte mir zugleich, daß dort das Männerterzett: „Auf und laßt die Fahnen fliegen“ - ausführlicher gegeben werde, als es im Klavierauszuge (von Ihrem Herrn Bruder bei Peters14) steht.15 Ist diese neue Bearbeitung von Ihnen? und wenn es ist, dürfte ich wohl – versteht sich ohne alle Ungelegenheit für Sie – wagen, auf welche Weise ich meinen Clavierauszug am besten complettiren könnte? Arrangiren will ich mir es schon selbst, wenn ich nur die Originalpartitur davon auf kurze Zeit erhalten könnte. Verzeihen Sie diese große, sehr große Unschicklichkeit meiner Bitten; allein ich weiß wirklich nicht auf welchem andern Wege ich sicher Kunde hierüber erfahren könnte, und es drängt mich doch so unendlich, alles Neue von Ihnen kennen zu lernen. Auf die fertigen Männerquartetten16 freue ich mich mit meinen Sängerfreunden – die Sich Ihrem werthen Andenken ergebenst empfehlen – unendlich. Haben Herr Capellmeister schon Zeit gefunden, ein neues Meisterwerk zu beginnen? Wie sehr soll mich jede Nachricht hierüber entzücken!
Mein Vater und meine Schwester erwiedern Ihre freundliche Erinnerung, und auch ich bitte, mich Ihrer verehrten Frau Gemahlin und Frl. Tochter17 ergebenst zu empfehlen. Seien Sie nun nicht18 ungehalten über die Zeit die ich Ihnen durch meinen langen Brief geraubt habe.
Mit innigster Hochachtung zeichne ich Louis Kleinwaechter.



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Kleinwächter. Spohrs Antwortbrief vom 02.03.1834 ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] „auf“ über der Zeile eingefügt.

[2] Über die Aufführung am 27(sic!).11.: „Zum Cotillon spielte Strauß die noch im Manuscripte befindlichen Tänze (eigentlich blos aus einer Nummer und zwei Trios bestehend) von Louis Spohr, benannt ,Erinnerung an Marienbad.‘ Sie erweckten keine bedeutende Sensation, obgleich es ihnen an Gesang, Originalität und effectvoller Instrumentirung nicht gebricht.“ („Telegraph von Wien“, in: Wiener Theater-Zeitung 26 (1833), S. 964).

[3] „es“ über der Zeile eingefügt.

[4] „zum“ über der Zeile eingefügt.

[5] „noch“ über der Zeile eingefügt.

[6] „für mich“ über der Zeile eingefügt.

[7] „mit Ihnen“ über der Zeile eingefügt.

[8] „bevor“ über der Zeile eingefügt.

[9] Gemeinsamer Aufenthalt in Marienbad (vgl. Kleinwächter an Spohr, 05.08.1833).

[10] Vgl. Spohr an Jan Nepomuk Štěpánek, 30.11.1832.

[11] Zur Inszenierung vgl. „Prag“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 36 (1834), Sp. 452ff. und 463ff., hier Sp. 452f.; „Prag, den 16. May 1834“, in: Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode (1834), S. 582f. und 591f., hier S. 591.

[12] Vgl. August Wilhelm Ambros, Das Conservatorium in Prag. Eine Denkschrift bei Gelegenheit der fünfzigjährigen Jubelfeier der Gründung, Prag 1858, S. 51.

[13] „Sie“ über der Zeile eingefügt.

[14] Ferdinand Spohr erstellte in der frühen Kasseler Zeit die Klavierauszüge der Kompositionen seines Bruders.

[15] Noch nicht ermittelt.

[16] Op. 90.

[17] Therese Spohr.

[18] „nicht“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.03.2019).