Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Wohlgeboren
Herrn Capellmeister; Doctor und
Ritter L. Spohr
in
Cassel.

fr.


Hamburg, am 5ten Nov. 1833.

Lieber Herr Kapellmeister!

Unmöglich kann ich länger den Wunsch: einmal wieder von Ihnen selbst und Ihrer lieben Familie zu hören, zurück halten. Erlauben Sie mir daher die Bitte: uns recht bald mit ausführlicher Nachricht erfreuen zu wollen.
Der Zustand der lieben Musica ist hier noch immer derselbe, d.h. ein trauriger Zustand! Im Theater hört man fast nur die neuern Spektakel-Opern u. selbst diese oft auch nur in mittelmäßiger Ausführung. Die neue Oper Agnes, von Krebs, macht viel Spektakel, mitunter auch etwas Effekt, aber doch nur – „viel Geschrey“ pp.! – Die Zwischenspiele (Overtüren, Stücke von Sinfonien pp.) bey Schauspielen pp. werden in der Regel – in jeder Hinsicht, – so entsetzlich schlecht gegeben, daß Ihnen eine ausführliche und wahrhafte Beschreibung derselben unglaublich klingen würde! Da hört man z. B. eine Unzahl falscher Töne; falsches, verzerrtes Tempo, verstimmte Instrumente; pp. mehre nothwendige Stimmen (die secondo-Parthieen) fehlen oft ganz; die Blasinstrumente zerren am ritardando, während die Übrigen ihre Wuth accelerando auslassen! pp. – Die wenigen öffentlichen Concerte werden wenig besucht und verdienen auch zum Theil diesen wenigen Besuch. Eine rühmliche Ausnahme hiervon machen jedoch die philharmonischen Concerte unter der Direction von W. Grund, der auch die Leitung der Museums-Concerte in Altona jetzt übernommen hat. –
Kirchenmusik haben wir gar nicht. Einer der ersten Kirchenvorsteher zu St. Nikolai, (der 90jährige Küster) mit dem ich deshalb schon vor längerer Zeit sprach, antwortete: „Mein lieber H. Schwencke, das sind fromme Wünsche, die Kirchen werden auch ohne Kirchenmusik besucht“!
Erlauben Sie mir gütigst nun noch eine herzliche Bitte. Mein Choralbuch ist nämlich jetzt gesetzlich (in Folge eines Antrages des Ministeriums an den Senat und mit Zustimmung des Letzteren, so wie eines sehr günstig abgefaßten Gutachtens von W. Grund,) in den hamburgischen Kirche und Schulen eingeführt. Da nun aber meine hiesigen (größtentheils sehr unwissenden und eben so böswilligen) Herren Collegen, so wie einige Schullehrer „die Benutzung“ des Buches auf alle Art und Weise zu hintertreiben suchen, so bin ich so frey, Sie um ein gefälliges Attest oder Zeugnis über mein Choralbuch, zum Einrücken in unsere Correspondenten, zu ersuchen, um dadurch dem feindseligen Getreibe einen kräftigen Damm setzen zu können. Nur darf meine Bitte Sie ja nicht allzu sehr belästigen.Selbst nur ein Paar Zeilen würden mir zu dem nöthigen Zweck sehr erwünscht seyn. –
Schon im Monat April erhielt ich den Auftrag, Melodien zu neues Liedern eines neuen Gesangbuches für die hiesige israelitische Tempel-Gemeinde aufzusuchen oder zu verfertigen; die älteren Melodien nachzusehen pp. (Wegen des abweichenden Metrums der meisten Lieder, die den schon vorhandenen Melodien nicht untergelegt werden konnten, mußte ich größtentheils neue Melodien unterlegen oder einrichten, anzupassen suchen, pp.) Ich versprach bey Übernehmen der Arbeit, meine Bedingungen so billig als möglich zu stellen, und setzte deshalb (so wie in Folge einer Unterredung mit W. Grund, der mir sagte: „er würde nicht unter 200 Rth.die Feder zu einer solchen Arbeit ansetzen,“) meine Rechnung auf 100 Rth. Ehe ich jedoch die Rechnung übergeben hatte, schickten mir die jüdischen Herren (nachdem sie die, ihnen von mir zugeschickten Choräle bereits über 4 Wochen lang in Händen hatten,) für meine, gewiß mühsame, zeitraubende und oft recht langweilige Arbeit, (welche mich fast 6 Monate unausgesetzt beschäftigte,) für 13 Sitzungen oder Zusammenkünfte, die gewöhnlich 3 Stunden dauerten, pp. einen höflichen Brief nebst – einem Portugalleser1! Ich schickte denselben sogleich zurück und legte eine Rechnung von 100 Rth. mit bey. Diese wollen mir nun die Juden nicht zahlen, indem sie zu den albernsten Ausflüchten ihre Zuflucht nehmen und sich sogar nicht einmal scheuen, die anstößigsten Einwürfe zu machen. Nachdem sie meine Arbeit (129 Choräle mit Begleitung!)bereits copieren und im Tempel singen ließen und folglich angenommen haben, heißt es: „ich hätte keinen Auftrag zu einer solchen Arbeit gehabt, (?!) ich hätte mir mehr Mühe pp. verursacht, als nöthig gewesen sey; meine Forderung sey für eine arme Gemeinde“, (?) (die doch, für den Druck des Gesangbuches, 1500 Fl.2 zahlen konnte!) „für ein Bethaus zu groß! pp.“ Und doch heißt es in dem, mir geschickten Schreiben: „wie wenig dieß“ (der Portugalleser) „auch geeignet ist, Ihre Bemühungen aufzuwiegen.“ pp.! – Machen die jüdischen Lumpen nun nicht bald Anstalt zur Zahlung, so bleibt mir wohl kein anderer Ausweg, als sie gerichtlich belangen zu lassen, was aber natürlich für beide Theile immer eine verdrießliche Sache ist. Jedoch rathen mir alle meine Bekannte, durchaus nichts von meiner Forderung abzulassen. Auch habe ich sehr darauf gedrungen, daß meiner Arbeit (sowohl hiesigen als auswärtigen) unpartheiischen Kunstkennern zur Beurtheilung vorgelegt werde, was ich glaubte insofern ruhig thun zu können, als die Arbeit mit aller mir möglichen Sorgfalt und Mühe verfertigt ist. Doch wichen die Juden auch diesem Verlangen aus.
Um recht viele herzliche Grüße von uns Allen an Ihre liebe Familie und um baldige Nachricht bittet

Ihr
getreuer Freund
J. F. Schwenke

Erwähnte Personen: Grund, Friedrich Wilhelm
Küster
Erwähnte Kompositionen: Allgemeines israelitisches Gesangbuch
Krebs, Carl August : Agnes
Schwencke, Johann Friedrich : Choral-Buch zum Hamburgischen Gesangbuche
Erwähnte Orte: Hamburg
Erwähnte Institutionen: Museumskonzerte <Altona>
Philharmonische Gesellschaft <Hamburg>
Stadttheater <Hamburg>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1833110543

http://bit.ly/2RAy0m9

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schwencke an Spohr, 23.03.1826. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schwencke an Spohr, 21.12.1835.

[1] Der Portugaleser oder Portugalöser war eine im norddeutschen Raum verbreitete Goldmünze, die dem portugiesischen Portuguez nachempfunden war. Ab 1676 wurde er nur noch als Medaille ausgeprägt. Der Wert einer solchen Münze entsprach 10 Dukaten. Da ein Reichs-Dukat 22/3 Reichstaler entsprach, war diese Münze also etwa 27 Reichstaler wert.

[2] 1.500 Reichs-Gulden entsprachen 1.000 Reichstalern.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (20.09.2018).