Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochwohlgebohrner
Hochzuehrender Herr Capellmeister
Hochverehrter Freund!

In einer mir sehr am Herzen liegenden Sache nehme ich meine Zuflucht zu dem ersten jezt lebenden Tonmeister, den ich eben so sehr bewundere und verehre als ich ihn liebe, und der mir um dieser Liebe willen sicher eine Bitte nicht abschlagen wird, durch deren Erfüllung er sich den alten Magdeburgischen1 Bekannten und Freund, ebenso aber auch eine liebenswürdige Frau, Madame Johanna Schmidt geb. Wolf gar sehr verpflichten kann. Diese ausgezeichnete Concertsängerin lernte ich im Mai d. J. hier in einem ohne vorgängige Subscription eröffneten Concert kennen. Der Saal war leer, denn der hier ungewöhnliche Eintrittspreis zu 12 sgr. schreckte das Publicum ab und die schöne Jahreszeit und Witterung that dem Comcert auch großen Abbruch. Ich schämte mich in der Seele aller Erfurter und brachte es durch Vorstellungen und Bitten bei dem Schmidtschen Künstlerpaar dahin, daß sie ein 2tes Concert gaben, wo dann auch meine Bemühungen nicht ohne günstigen Erfolg blieben und die Künstlerin allgemeinen, stürmisch laut sich aussprechenden Beifall fand. Durch meine Bitten in Veranlassung haben die Schmidts bei einer Kunstreise in hiesiger Umgegend jetzt Erfurt zum 2ten male besucht, ein sehr zahlreiches Auditorium gefunden und werden, in Folge der an sie ergangenen öffentlichen Aufforderung diesen Mittwoch sich noch einmal hier hören lassen.
Wenn nun gleich Madame Schmidt die Mehrheit der Stimmen und die Beßergesinten(?) auch hier für sich gewonnen hat, so hat sich doch auch eine aus vielleicht nicht genug fêtirten(?) Musikern und deren Anhang bestehende Fraction(?) gebildet, die die Verdienste der Sängerin auf alle mögliche Weise zu schmälern sucht, über die Grenzen der Mittelmäßigkeit die Künstlerin nicht erheben will, ihr eine kranke Stimme beilegt, und ihr das Talent abspricht, den Geister des Wort- und Tondichters gehört auszustoßen(?) und wiederzugeben.
Unverkennbar liegt hierbei die hämische Absicht zum Grunde, ein zu Gunsten der p. Schmidt vielleicht zu lebhaft und leidenschaftlich ausgesprochenes Urtheil verdächtig u macen. Da ich ein bloßer Diletant bin, der freilich in einem Zeitraum von 53 Jahren viel Vortreffliches gehört und zu verstehen gelernt hat und der von der gütigen Natur mit einem reinen sehr gefülvollen Berzen beschenkt ist, dem es aber doch an eigentlicher gelehrter, zweckmäßig ausgebildeten Kunstkenntniß fehlt, so kann ich freilich mit dem zuünftigen Kunstgenossen und Kritiker nicht in die Schranken treten, und es bleibt mir daher, um die Kunst-Ehre der Madame Schmidt vor den Verunflimpfungen der hiesigen musicalischen Wespen zu sichern(?), nichts übrig als – an den Ausspruch des ersten Tonkünstler Deutschland, an den allgemein verehrten und geliebten Louis Spohr zu appeliren.
Erzeigen Sie, hochverehrter Gönner und Freund, mir, einem alten Bekannten, einem vom heiligen reinen Feuer der himmlischen Tonkunst durchglühten Enthusiasten, die große Güte, die die folgenden Fragen rücksichtslos zu beantworten.
1. Wie ist das Material, wie sind die Mittel beschaffen womit die Natur die Johanna Schmidt ausgestttet hat?
2. Auf welcher Stufe der Kunst-Ausbildung steht sie jezt, und welcher Sängerin von Bedeutung ist sie wohl in Hinsicht auf das genre oder vielmehr mit Stimme und und Vortrag an die Seite zu stellen?
3. Welcher Mittel hat sie sich zu bedienen, welchen Weg zu beschreiten, um sich dem unerreichbaren Ziele - „Vollendung“ - immer mehr zu nähern?
Mit fehlen Worte um Ihnen die Freude zu schilden, die Sie mir durch baldmöglichste Beantwortung dieser Fragen machen würden; aber auch für die Gefühle von Hochschätzung und Liebe giebt es keine Worte mit welchen ich stets sein werde
Ew. Hochwohlgeboren

ganz ergebenster Freund u. Diener
der Regierungsrath Türpen.

Erfurt
den 20ten October 1833.

Erwähnte Personen: Schmidt, Johanna
Schmidt, Simon Georg
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Erfurt
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1833102047

http://bit.ly/2JCtIuz

Spohr



Spohr beantwortete diesen Brief am 24.10.1833.

[1] Vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 1, S. 73f., Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 1, Kassel und Göttingen 1860, S. 74f.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.06.2018).