Autograf: Universitätsbibliothek Kassel, Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Monsieur
Monsieur Spohr
Maître de Chapelle
de
Cassel
en Hesse-Cassel


Paris den 2ten Juny 1833.

Hochgeehrtester Herr!

Ihr gütiges Schreiben vom 25ten Januar habe ich richtig in Strasburg erhalten, und danke Ihnen herzlich für das große Vergnügen, daß Sie mir damit verschaft haben, ich mache Gebrauch von Ihrer gütigen Erlaubniß die Sie mir darin ertheilen, Ihnen manchmal Nachricht von meinen weiteren Schiksalen geben zu dürfen, ich befinde mich nun schon seit dem 18ten März hier in dem ungeheueren großen Paris, und da man hier nicht so viel Rücksicht auf das Talent des Künstlers, als auf seinen Bekantschaften und Rekomandationen nimmt, so ist es nicht so leicht ein vortheilhaftes Konzert zu geben als wie in einer großen Stadt in Deutschland, wo man mehr die Kunst versteht und zu schätzen weiß1, ich hatte viel und gute Briefe, doch mußte ich mich halb tod laufen um noch ein Konzert geben zu können, ehe alles aufs Land fährt, was gewöhnlich mit dem Monat May anfängt, es war den 4ten May, und obwohl es eines der letzten von 300 Konzerten war die diesen Winter gegeben wurden, so hatte ich doch Ursache sehr zufrieden damit zu sein ich hatte 170 Personen das Billet zu zehn Frank, die Unkosten waren nur 174 Frank, da mich der Saal bei Pleyel2 nichts kostete und da es hier der Gebrauch ist die Konzerte nicht mit Orchestre sondern nur mit Klavierbegleitung zu geben, so kostete mich auch dies nichts, ich muß aber gestehen daß es mich sehr überraschte, als ich hörte daß man sich in Paris, wo doch so ein auserlesener Geschmack für alle Künste herrschen soll, daß man sich mit solchen mageren Konzerten begnügt, doch nun, da ich die Franzosen näher habe kennen lernen, wundre ich mich nicht mehr, ihr Geschmack und Urtheil ist nicht gegründet, sie verstehen und fühlen nicht das wahre Schöne und Gute; Kleider, Kunst, Wissenschaften, alles unterliegt der Veränderung der Mode, auch verlieren hier die Konzerte durch die Mode, sie mit Klavierbegleitung zu geben, nicht viel, denn die Orchestres sind, außers dem des Conservatoire und große Oper, erbärmlich; in meinem Leben habe ich nicht so viel Künstler auf der Violine gesehen als sich hier befinden, sie spielen alle, mehr oder weniger, recht gut, nur streben sie beinah alle, unglücklicher Weise, Paganini nachzuahmen, ich habe seine Bekantschaft gemacht und habe ihn gehört, die Fertigkeit mit welcher er seine pizzicatos und flageolette macht, wird schwer einer erreichen und es ist schade die edle Zeit zu verlieren um eine schlechte Copie zu werden, doch sein Ton hat mir ganz mißfallen, und ich begreife nicht wie es Personen giebt, die behaupten, daß sein Adagio auf der G Saite zu Thränen rührt3, sein ewiges rutschen mit den Fingern bringt ein Heulen hervor daß mich aber zum lachen brachte. Dagegen höre ich gern Baillot, sein Ton ist schön und voll und er spielt mit viel Ausdruck Beriot ist nicht hier.
Nach meinem Konzert hat man mich beredet hier zu bleiben, um die Damen ihr Klavier spielen zu accompagniren, und da sie gut zahlen, so habe ich mich auch ganz häußlich niedergelassen indessen endigt meine Tochter hier ihre Studien die durch die Revolution4 unterbrochen worden sind, Nadermann giebt ihr auf der Harfe, die sie schon ziemlich gut spielt, Lektion, auch lernt sie zeichnen, die französische Sprache etc: um ihr durch Kunst und Wissenschaften eine ruhige Zukunft zu verschaffen, doch bin ich einmal über diesen Punkt beruhigt, dann wollen wir von unseren Talenten in dem lieben Deutschland Gebrauch machen, denn wie könnte ich mich an den Karakter der Franzosen gewöhnen, hier findet man keine Freundschaft, keine Gefalligkeit noch Herzlichkeit, jedermann ist nur mit sich selbst beschäftigt und opfert gerne ein geselliges Leben auf, um Geld, Ehre und ein gefälliges Lächeln der Großen [z]u erhaschen.
Ich habe für uns ein kleines Logie mit einem Gärtchen, weit vom Lärm gemiethet5, wir alle drey können für 5 Frank länglich recht ordentlich haben. Bei den Seelenlosen Franzosen ist es ein Glük für uns, daß wir uns selbst genügen um glüklich zu sein, auch sind wir es wenn wir uns in unserem Häuschen befinden. Ich bitte mich wieder gefälligst mit einem gütigen Schreiben zu beehren und zu erfreuen, daß mir die Nachricht von Ihnen und Ihrer werthen Familie Wohlsein bringt, auch bitte ich mich Ihrer Frau Gemahlin und Fräulein Töchter höflichst zu empfehlen.
Genehmigen Sie gütigst die Versicherung meiner innigsten Ergebenheit und Hochachtung mit der ich stets verbleibe Ihre
ergebene und dankbare Elise Filipowicz
Rue des Martyrs No. 46 à Paris

Erwähnte Personen: Baillot, Pierre
Bériot, Charles Auguste de
Naderman, François-Joseph
Paganini, Niccolò
Pleyel, Camille
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Paris
Straßburg
Erwähnte Institutionen: Conservatoire <Paris>
Opéra <Paris>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1833060240

http://bit.ly/1Py6PjT

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Filipowicz. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Filipowicz an Spohr, 06.08.1834.

[1] Direkt vor dem Umzug nach Paris hatte Elisabeth Filipowicz im deutschsprachigen Raum konzertiert, auch in früheren Jahren lag dort der Schwerpunkt ihrer Konzerttätigkeit.

[2] Salle Pleyel, Rue Cadet 9, 9. Arrondissement in Paris, von Camille Pleyel 1828 angemietet, wurde rasch zu einem der zentralen Konzertorte in Paris.

[3] Das Spiel auf der g-Saite war ein wichtiger Bestandteil der Darbietungen Paganinis, entsprechend komponierte er nur auf der g-Saite zu spielende Werke. Als Beispiel der zeitgenössischen Rezeption von Paganinis Spiel auf der g-Saite siehe Carl Guhr, Ueber Paganini’s Kunst die Violine zu spielen, Mainz u. a. 1829, S. 39–42.

[4] Gemeint ist hiermit der polnische Novemberaufstand 1830/31.

[5] Die Rue des Martyrs 46 befindet sich im 9. Arrondissement, im Quartiers Saint-Georges.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Volker Timmermann (17.06.2016).