Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Wohlgeborner Herr,
Geehrtester Herr Kapellmeister,

Ew. Wohlgeboren gütiges Schreiben vom 15. v. M. hat mir eine schwer zu beschreibende Freude bereitet, die sich schnell Ihren zahlreichen Verehren mittheilte. Möche ich das Glück haben, daß meine fernern Vorschläge sich im gleichen Grade Ihrer Zustimmung zu erfreuen hätten und daß es mir gelänge alles zu beseitigen, was Ihre Unzufriedenheit erregen könnte.
Wie dankbar ich es anerkenne, daß Sie die Direction des Samson übernehmen wollen, können Sie aus meinem vorigen Schreiben entnehmen und eben so erfreulich war es mir, daß sich unsere Gedanken darin begegneten, daß Sie Ihr Vater Unser am dritten Tage des Festes geben wollen, welches Werk zu erbitten ich beabsichtigte. Bei dieser Übereinstimmung in der Hauptsache wird auch eine Vereinigung über Nebenpunkte nicht schwer fallen.
Der wesentlichste derselben ist folgender. Auch der K.M. Schneider hat die Einladung angenommen; er wünscht aber (wie er zu verstehen giebt um nicht ganz in den Hintergrund zu treten), daß eine größere Composition von ihm am dritten Tage gegeben würde und schlägt dazu ein Te Deum vor, welches er zur Feier des Reformationsfestes für die Leipziger Universität geschrieben hat und das in der Partitur 20 Lagen stark sein soll. Er selbst wünscht, daß dieses Werk den Beschluß mache. Die Ausführung desselben läßt sich nicht ablehnen, wie wohl die Einstudirung eines Werkes von diesem Umfange in der kurzen Zeit um so schwerer fällt, als alle Welt von der Grippe heimgesucht wird; indessen ist Ihr Vater Unser vom Quedlinburger Singverein schon eingeübt und der hiesige wird es in 8-14 Tagen vornehmen können. So viel man über ein unbekanntes Werk eines lebenden Meisters urtheilen kann, läßt sich auch etwas vorzüglich gutes von dem Te Deum, welches vor dem Weltgerichte geschrieben sein wird, erwarten und seines Gegenstandes wegen eignet es sich zum Schluße. Dagegen glaube ich auch, daß Ihr Vater Unser die meiste Anerkennung und seine volle Wirkung am Schluße des ersten Theils machen wird, und wenn es, was sich ohne Kenntniß des Schneiderschen Werkes nicht beurtheilen läßt, demselben an Gehalte weit vorzuziehen wäre, da der Effect nach andern Regeln zu beurtheilen ist, als der absolute Kunstwerth. - Doch unterwerfe ich mein Urtheil ganz dem Ihrigen und wiederhole, daß die definitive Entscheidung ganz von Ihnen abhängt.
Was die übrige Ausstattung des Schlußconcertes betrifft, so vereinigen sich wohl alle Stimmen für eine Beethovensche Symphonie, die nach der Ansicht wieder bei keinem deutschen Musikfeste fehlen dürfte. Andere wünschen einmal eine Mozartsche Symphonie mit diesen kräftigen Mitteln zu hören. - Die Zeit würde nun zwar vollkommen ausgefüllt, wenn neben den beiden Choral-Werken eine Symphonie und eine Ouverture vorgetragen würden und ich wage nur schüchtern den Vorschlag zwei Symphonien zu nehmen, obgleich Schneider sich dafür erklärt hat. Aber auf eine würdige Weise würde das Fest gewiß geschloßen, wenn wir im ersten Theile die C-Dur Symph. Von Mozart (unter Schneiders Direktion), Ihr Vater Unser und im zweiten Theile die Beethovensche Cmoll Symph. (unter Ihrer Leitung) und das Te Deum hörten. Die Ouverture müßte dazu wohl ganz wegfallen, weil sonst der Instrumentalmusik zu viel würde. Die Bestimmung einer andern Beethovenschen Symph. hängt übrigens auch von Ihnen ab und wenn die Mozartsche wegfallen soll, so würde ich Sie bitten die Ouverture, welche an deren Stelle träte ebenfalls zu bestimmen.
Für den zweiten Tag will Schneider eine Ouverture mitbringen; wenn es dabei bleibt, daß in diesem Concerte keine Symphonie gegeben wird, so würden Sie uns durch Ihre Ouverture zum Berggeiste sehr erfreuen, die vielleicht den Beschluß oder, den noch nicht zu ermessenden Umständen nach, den Anfang des zweiten Theils machen könnte.
Statt der Franziskanerkirche wird diesmal die Domkirche zum Saale der großen Concerte dienen; jene war nicht zu haben, im Dom wird sich die Musik wohl noch besser ausnehmen; nur die Benutzung des Raumes machte Schwierigkeiten, die nun glücklich gehoben sind. Die Orgel im Dom (die jetzt nicht genutzt werden kann) ist sehr hoch und hat einen so kleinen Chor, daß sie nur wenig Raum bietet. Das Orchester muß daher unter derselben angelegt werden und wird sich bis zu den einige 40 Fuß davon entfernten Priechen (Emporkirche)1 erstrecken. Vorn wird eine Höhe von 10 Fuß genügen; an Raum fehlt es nicht und Sie werden nur zu bestimmen haben, ob das Sängerchor vor oder hinter dem Orchester stehen soll. Die übrige Einrichtung wird hoffentlich Bischof in Hildesheim besorgen, der mit Ihren Wünschen schon bekannt sein wird.
Die Wahl der Solosänger ist immer sehr schwierig. Denn wenn auch die Schauspieler nicht so verwildert wären, so haben sie doch gewöhnlich keine Zeit oder keine Lust sich einem Feste zu widmen, bei welchem an keine bedeutenden Honorare gedacht werden kann. Bis jetzt haben wir übrigens recht gute Aussichten. Fest zugesagt hat die Müller in Braunschweig, welche die Altparthien singen wird. Für den Baß habe ich einen jungen Theologen in Berlin, Namens Krause, gewonnen, der nicht allein eine schöne, kräftige Stimme besitzt, sondern in der Händelschen Schule aufgewachsen ist. Für den Sopran haben wir die Schätzel, jetzt Madame Decker eingeladen, für den Fall einer abschlägigen Antwort aber schon Unterhandlungen mit Methfessel angeknüpft, der eine sehr tüchtige Schülerin – Demoiselle Lehmann2 – gezogen hat. Für den Tenor ist Mantius in Berlin eingeladen, der früher Theologe war, jetzt Schauspieler ist; wenn er absagt, werden wir aber in großer Verlegenheit sein und Ew. Wohlgeboren würden sich ein neues Verdienst um uns erwerben, wenn Sie uns für diesen Fall guten Rath geäben.
Ihr gütiges Erbieten, die Orchesterstimmen zum Vater Unser mitzubringen, nehme ich mit dem größten Danke an. Die Partitur besitzen wir schon; Clavierauszüge und Singstimmen erwarte ich täglich. Die Moselsche Partitur des Samson besorgt der Buchhändler Mendheim in Berlin (Compagnon von Trautwein); es wird jetzt davon eine correcte Abschrift unter Durchsicht eines eingefleischten Händelianers angefertigt, die Ihnen zu Diensten steht, so bald Sie befehlen.
Es trifft sich sehr glücklich, daß Sie gerade die Tage des 18ten und 19ten Juni für das Fest bestimmen können, da dies die einzigen sind, an denen wir keinen Schwierigkeiten begegnen. Der 19te ist wegen des Gebrauchs der Kirche vorzuziehen und ich habe daher diesen als den festen Empfangstag angenommen.
Kurz nach dem Abgange meines vorigen Schreibens hatte ich die Freude Ihre Violinschule zu erhalten, die uns sehr mützlich werden wird. Ich habe mir schon einige strenge Bastionen herausgelesen, vorzweifle aber nicht daran, sie noch zur Nachsicht zu bewegen.
Entschuldigen Sie, daß ich im Drange, Ihnen die wesentlichen Mittheilungen zu machen, erst jetzt erwähne, was ich an die Spitze meines Schreibens hätte stellen sollen, daß ich beauftragt bin Ihnen die Einladung des Musikvereins zu überreichen, die mir freilich nach Ihrer überaus freundlichen ersten Erwiederung nur leere Form schien.
Schließlich erlaube ich mir einige gedruckte Exemplare der Ankündigung beizufügen, die ich früher handschriftlich mitzutheilen die Ehre hatte. Eine ausführliche Bekanntmachung durch die Zeitungen soll erfolgen, sobald ich Ihre Entscheidung über die am dritten Tage aufzuführenden Werke vernommen habe.
Mit der größten Verehrung sieht dderselben entgegen

Ew. Wohlgeboren
ganz gehorsamster
Augustin

Halberstadt den 1sten Mai 1833.

N.S.
Nach Schließung dieses Schreibens erhalte ich den anliegenden Brief3 vom Auditeur4 Schaum zu Quedlinburg, der sich als eifrigen Freund der Händelschen Werke bekannt gemacht hat. Seine Vorschläge gehen aus einer so reinen Quelle hervor, daß ich mich nicht für ermächtigt hielt, sie ganz unbeachtet zu lassen; da ich aber durchaus incompetent bin, so überlasse Ew. Wohlgeboren ich es dem Herrn Schaum entweder selbst zu antworten oder mir zu schreiben(???), was ich ihm antworten soll.
Augustin



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Augustin, 15.04.1833. Spohrs Antwortbrief vom 11.05.1833 ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] Vgl. Friedrich Lucanus, Wegweiser durch Halberstadt und die Umgegend für Heimische und Fremde, Halberstadt 1843, S. 57.

[2] Methfessels spätere Ehefrau Emilie.

[3] Johann Otto Heinrich Schaum an Augustin, 28.04.1833, in: D-Kl Sign. 4° Ms. Hass. 287.

[4] „Auditeur“ über gestrichenem „Kaufmann“ eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.05.2020).