Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18311028>

Sr. Wohlgeb.
Herrn Ad. Hesse
Oberorganist zu St. Bernhardin
in Breslau


Cassel den 28sten October
1831.

Hochgeehrtester Herr,

Ihr Brief kam mir doppelt willkommen 1.) weil er mich von Ihrem Wohlbefinden unterrichtet und 2.) weil er mich zwingt, an Sie zu schreiben, was ich schon so lange habe thun wollen und woran ich immer durch neue Störungen, meistens von unangenehmer Art, verhindert worden bin. Mein langes Stillschweigen zu entschuldigen, vermag ich nicht; ich bitte es daher zu verzeihen und durch den Drang der Begebenheiten dieses letzten, so verhängnisvollen Jahres zu erklären.1 Über Ihren Aufenthalt in Wien habe ich viel, Sie ehrendes gelesen2 und erzählen hören und mich dessen gefreuet; ebenso Ihrer fortdauernden Produktivität in der Komposition. Zu der Anerkennung Ihres Strebens, die sie durch Versetzung als Oberorganist an St. Bernhardin gefunden haben3, gratulire ich herzlichst.
Ich habe seit einem Jahre bey den vielen, außergewöhnlichen Geschäften nur wenig arbeiten können. Meine Schule habe ich indessen endlich beendigt, nachdem ich 1½ Jahre daran gearbeitet hatte. Jetzt schreibe ich neue Violinquartetten.4
Mit unserm Theater steht es noch sehr mißlich. Unserm Prinz Regent fehlen die Mittel, um es in dem frühern Glanz zu erhalten. Vor der Hand ist die Fortdauer desselben nur bis Ostern gesichert; was dann werden wird, ist noch unentschieden.2
Zu unsern Abonnementsconcerten zirkulirt jezt die Subskriptionsliste. Ob sie bey der Angst, die man hier vor dem, immer näher heranrückenden Asiatischen Ungeheuer hat5, die nöthige Anzahl von Unterschriften finden wird, muß sich nun bald zeigen. Voriges Jahr konnten wir bey der großen Aufregung nur ein einziges Concert zu Stande bringen.
Leben Sie recht wohl und vergnügt. All den dortigen Bekannten die herzlichsten Grüße.
Mit wahrer Hochachtung und Freundschaft stets

der Ihrige
Louis Spohr.



Erwähnte Personen: Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 84
Spohr, Louis : Violinschule
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1831102801

http://bit.ly/1r66spX

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Hesse an Spohr. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 25.03.1832, aus dem sich ein derzeit verschollener Brief von Hesse an Spohr erschließen lässt.

[1] Nach den Bäckerkrawallen in Kassel im Gefolge der Juli-Revolution in Frankreich hatte Kurhessen nicht nur eine Verfassung erhalten, sondern der Kurfürst Wilhelm II. hatte auch die Regierungsgeschäfte an seinen Sohn, den späteren Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. abgegeben. Dieser schloss dann wegen fehlender Finanzen im April 1832 zunächst das Theater; auf die Vorbereitungen hierzu geht Spohr in diesem Brief ein (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 148-157, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 180-193; Reinhard Lebe, Ein deutsches Hoftheater in Romantik und Biedermeier. Die Kasseler Bühne zur Zeit Feiges und Spohrs (= Kasseler Quellen und Studien 2), Kassel 1964, S. 151-156).

[2] Vgl. „Wien”, in: Allgemeiner musikalischer Anzeiger 3 (1831), S. 91f. und 99f.

[3] Vgl. „Einweihung der Orgel in der Bernhardinkirche zu Breslau”, in: Eutonia 6 (1831), S. 154f.

[4] Vgl. Spohr, Lebenserinnerungen, Bd. 2, S. 154, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 189f.

[5] Die Cholera veranlasste beispielsweise den Spohr-Schüler Amadeus Abel sein Studium in Kassel zu unterbrechen und zunächst nach Greifswald zurückzukehren (vgl. „Greifswald”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 34 (1832), Sp. 854; zum weiteren Verlauf der Cholera vgl. Folgebriefe sowie „Cholera in Kassel”, in: Cholera orientalis. Extrablatt zum allgemeinen Repertorium der gesammten deutschen medizinisch-chirurgischen Journalistik, hrsg. v. Carl Ferdinand Kleinert, Leipzig 1832, S. 1019).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders vermerkt: Karl Traugott Goldbach (19.12.2014).