Autograf: Universitätsbibliothek Leipzig (D-LEu), Sign. Kurt-Taut-Slg./5/Sei-Str/S/140

Cassel den 9ten Nov.
1830.

Lieber Herr Schwenke,

Recht sehr habe ich mich gefreut, aus Ihrem lieben Briefe zu ersehen, daß es Ihnen und Ihrem Zwillingsbruder1 wohl gehet und daß Sie sich, wie die meisten Ihrer Brüder2, ebenfals der Musik gewidmet haben.3 Daß dies mit Eifer und Ausdauer geschehe, davon zeugt die mir gesendete Bearbeitung der Sinfonie4. So gut diese nun auch gerathen ist, wenn man berücksichtigt, daß sie nur nach der Directionsstimme5 gemacht worden ist, so fehlt doch noch manches darin, was nur aus der Partitur zu ersehen ist. Wollen Sie sie daher ganz vollständig und korrekt haben, so werden Sie sich schon die Mühe geben müssen, erst eine Partitur aus den Stimmen zusammen zu schreiben. Gern hätte ich, um Ihnen diese Mühe zu ersparen, meine Partitur beygelegt; ich habe Sie aber vom Verleger (Peters in Leipzig) nicht zurück erhalten. – Das Meiste Ihres Arrangements wird bleiben können; hin und wieder sind einige falsche Harmonien; auch müssen Sie die häufigen Verdoppelungen des Basses vermeiden. Gern hätte ich das Fehlerhafte verbessert; das Werk ist mir aber zu fremd geworden, als daß ich dieß ohne Partitur hätte thun können.
Sollten Sie die Absicht haben, dieß Arrangement (wenn wirklich keins der Art existirt) stechen zu lassen, so biethen Sie es doch zuerst dem Bureau de Musique von Peters in Leipzig an, weil dieses die nächsten Ansprüche daran hat.6 Sollte dieses es ablehnen und Sie wünschen meine Vermittelung, um irgend einen andern Verleger zu finden, so stehe ich gern zu Diensten!
Bey so viel Eifer für die Kunst müsse Sie nun auch die Theorie derselben mit Eifer studiren. Als Sohn eines so berühmten Harmonikers, als ein Schwenke7 ist dieß unerläßlich! – Finden Sie dort keinen Lehrer, so läßt es sich wohl auch aus Büchern und hauptsächlich aus Partituren guter Meister erlernen.
Mit dem herzlichen Wunsche, daß es Ihnen beyden immer recht wohl ergehn möge stets

der Ihrige
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Schwencke, Carl
Schwencke, Gustav
Schwencke, Christian Friedrich Gottlieb
Schwencke, Johann Friedrich
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Sinfonien, op. 49
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Peters <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1830110913

http://bit.ly/2K0cUd7

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Schwencke an Spohr.
Aus Spohrs Angabe „Recht sehr habe ich mich gefreut [...], daß es Ihnen und Ihrem Zwillingsbruder wohl gehet“, folgt, dass es sich beim Adressaten Schwencke entweder um Adolph oder Gustav handelt (vgl. Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften oder Universal-Lexicon der Tonkunst, hrsg. v. Gustav Schilling, Bd. 6, Stuttgart 1838, S. 308). Da sich Adolph Schwencke noch am 25.10.1835 in einem Brief an einen Musikverlag, wahrscheinlich Peters <Leipzig>, nach der Drucklegung seines Arrangements von Spohrs 2. Sinfonie op. 49 für vierhändiges Klavier erkundigt (Stadtgeschichtliches Museum Leipzig (D-LEsm), Sign. A/4866/2005), das vermutlich mit dem in diesem Brief erwähnten Arrangement dieser Sinfonie identisch ist, dürfte es sich beim Adressaten dieses Briefs um Adolph Schwencke handeln.

[1] Gustav Schwencke.

[2] Carl und Johann Friedrich Schwencke.

[3] Anscheinend begannen die Zwillingsbrüder zu dieser Zeit gerade ihre Lehrzeit beim Rostocker Musikdirektor Johann Friedrich Weber (vgl. W. D-n, „Rostock, den 2ten Decbr. 1832“, in: Sundine 6 (1832), S. 399f., hier S. 400; Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften oder Universal-Lexicon der Tonkunst, hrsg. v. Gustav Schilling, Bd. 6, Stuttgart 1838, S. 308.

[4] Aus Spohrs Angabe später im Brief, diese Sinfonie sei bei Peters verlegt, folgt, dass es sich um die 2. Sinfonie op. 49 handelt.

[5] Spohrs erste beiden Sinfonien erschienen zeittypisch noch ohne Partitur aber mit Direktionsstimmen: eine Art Particell in drei Systemen mit hervorgehobener 1. Violine im mittleren System (Louis Spohr, Seconde Sinfonie à grande Orchestre, Leipzig [1820]).

[6] Erst 1837 erschien bei Peters ein vierhändiger Klavierauszug, allerdings ohne namentliche Nennung des Arrangeurs (Louis Spohr, Seconde Sinfonie, Leipzig [1837] (Datierung nach Folker Göthel, Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 89).

[7] Christian Friedrich Gottlieb Schwencke.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (19.06.2018).