Autograf: Braunschweigisches Landesmuseum Braunschweig (D-BSbl), Sign. 16864 a

Sr. Wohlgeb
Dem Herrn Universitäts-
Musikdirektor Naue
in
Halle.

Nebst einer
Rolle Musikalien
in blauem Papier
gez: H.M.N.


Cassel den 19ten
August 1830.

Wohlgeborner,
Hochverehrtester Herr Musikdirektor,

Beykommend übersende ich Ihnen1 die Solostimmen des Vaterunsers zu gefälliger Vertheilung. Die Soli sind schwerer als sie aussehen, besonders gehören Sänger von fester Intonation dazu, da mehreres ohne alle Begleitung gesungen wird. Ich bitte bey der Vertheilung darauf gefälligst Rücksicht zu nehmen, da eine einzige der vier Stimmen alles verderben könnte.
Mit heutiger Post gehen auch 80 Chorstimmen, (von jeder 20,) an Herrn Seminarlehrer Schärtlich nach Potsdam ab2, damit das Einüben der Chöre um so eher beginnen kann.3 Ich sehe nun Ihrer gefälligen Bestimmung entgegen, ob ich deren hier noch mehrere soll schreiben lassen, oder ob sie vielleicht in Potsdam, so oft es nöthig, können kopirt werden. Ferner mögte ich wissen, ob wirklich die große Anzahl von Orchesterstimmen, die Sie mir angegeben haben, nöthig seyn wird und wie viele unter diesen Solo, wie viel Ripien seyn sollen? Unter ersteren verstehe ich die Stimmen, in denen alles enthalten ist, unter letzteren die, wohinein nur die Chöre und großen Parte's geschrieben werden.
Leider habe ich noch immer keinen Urlaub erbitten können. Unser Kurfürst liegt gefährlich krank i[n] Carlsbad4 und es ist daher jetzt nich[t] der Moment, ihm eine solche Bitte vorzulegen. Nach den neuesten [Nach]richten bessert es sich aber mit ih[m] und so wird ihn mein Gesuch bald5 vorgetragen werden können.6
Ihrer gefälligen Mittheilung entgegensehend, habe ich die Ehre mit vorzüglicher Hochachtung zu seyn
Ew. Wohlgeb

ergebenster
Louis Spohr

Erwähnte Personen: Schärtlich, Johann Christian
Wilhelm II. Hessen-Kassel, Kurfürst
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Vater Unser, WoO 67
Erwähnte Orte: Potsdam
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1830081914

http://bit.ly/2fukkuc

Spohr



[1] Hier gestrichen: „die”.

[2] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[3] Das Musikfest in Potsdam war für den Oktober geplant (vgl. „Großes Musikfest in Potsdam im Herbste dieses Jahres”, in: Allgemeine preußische Staats-Zeitung (1830), S. 1555; „Potsdam”, in: Iris im Gebiete der Tonkunst 1, 30.07.1831, ohne Paginierung). Die Vorbereitungen wurden extrem kritisiert (vgl. „Potsdam”, in: Iris im Gebiete der Tonkunst 1, 16.07.1831, ohne Paginierung; dazu auch Samuel Weibel, Die deutschen Musikfeste des 19. Jahrhunderts im Spiegel der zeitgenössischen musikalischen Fachpresse (= Beiträge zur Rheinischen Musikgeschichte 168), Kassel 2006, S. 179f.). Anscheinend wurde das Fest zunächst verschoben, zumindest schrieb Spohr im November, er sei für das Frühjahr zu einem Musikfest in Potsdam eingeladen (vgl. Spohr an Wilhelm Speyer, 15.11.1830). Am 15.06.1831 meldete die Allgemeine musikalische Zeitung, das Fest werde in diesem Jahr nicht gefeiert („Noticen”, in: ebd. 33 (1831), Sp. 395f., hier Sp. 396).

[4] Wilhelm II. hatte in Karlsbad zwischen dem 9. und 11.08.1830 mehrere Schlaganfälle erlitten (vgl. „Die Unruhen in Kassel von September 1830 bis Februar 1831”, in: Hessenland 19 (1905), S. 242ff. und 252-255, hier S. 242; Rüdiger Ham, Bundesintervention und Verfassungsrevision. Der Deutsche Bund und die kurhessische Verfassungsfrage 1850/52 (= Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 138), Darmstadt und Marburg 2004, S. 93).

[5] „bald” über der Zeile eingefügt.

[6] Bereits am 21.08.1830 meldete die Berliner allgemeine musikalische Zeitung, es sei nun bestimmt, dass Spohr die artistische Leitung des Musikfests übernehmen werde (C[hristian] Girschner, „Groses Musikfest in Potsdam”, in: ebd., S. 270).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (28.11.2016).