Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Dem
Herrn Louis Spohr
Kurfürstlich Hessischer Kapellmeister
und Doctor der Musik
Wohlgeborn
zu
Cassel.

frey


Berlin 8ten 10br 1829.

Sehr geehrter Herr Kapellmeister!
Wohlgeborner Herr!

Endlich haben wir das Glück gehabt Ihren ausgezeichneten Faust auf unsrem Theater zu sehen1; man schmeichelte sich allgemein mit der Hoffnung daß Sie geehrter Herr Kapellmeister die erste Aufführung Ihrer Oper selbst leiten würden, doch ist dies leider nicht der Fall gewesen, und(?) sie ist daher nicht mit dem Fleiße einstudirt und exekutirt worden, wie es der Fall gewesen sein würde, wenn der Meister selbst an der Spitze gestanden hätte; dies ist leider bey vielen Opern der Fall, ausgenommen bey Spontinischen. Trotzdem daß viele Tempi vergriffen wurden, und die Scenerie nicht sehr birllant war, gefiel der erste außerordentlich; vor allen verdient H Devrient großes Lob das er sich der Oper so sehr angenommen hat, und ist es seine Partie der Faust, so schön frey er spielte. H Zschieche als Mephisto genügte wohl im Gesange doch nicht im Spiele; H Bader war ein ausgezeichneter Hugo, Frl. v. Schätzel ein ausgezeichnetes Gretchen u Mad. Schulz eine sehr leidenschaftliche Geliebte. Allgemeiner Dank gebührt Ihnen hochverehrter Herr Capellmeister für das augezeichnete Kunstwerk, welches obgleich er ihnen ganz Deutschland kennt für uns doch ein neues ist, und allgemein den Wunsch rege macht den Berggeist, den Pietro von Abano und eben so und ausgezeichnete Werke zu hören. -
In den neuen Quartetten welche bey Schlesinger erschienen sind, sind eine Masse Druckfehler stehen geblieben, die jetzt in jedem einzelnem Exemplare mit Tusche corrigirt werden; ich habe die Correctur nicht besorgt, sonst würden solche Fehler nicht stehen geblieben sein. -
Ich habe gehört das der Musikdirektor von Ihrem Theater nach Moscau gegangen ist; dadurch ist ja wohl eine Vacanz entstanden, ist dessen Stelle anderweitig besezt? - oder kann man sich noch dazu melden? - Wenn lezteres noch der Fall ist, so möchte(?) ich Sie hochgeehrter Herr Capellmeister ganz gehorsamt bitten mich davon zu benachrichtigen, und mir Ihre gütige Empfehlung zu schenken, der sich gewiß durch die genauste Erfüllung der mir auferlegten Pflichten Ehre zu machen, mich bestreben werde. Daß ich mich einer jeden sowohl theoretischen als praktischen Prüfung unterwerfe versteht sich von selbst.
Ew. Wohlgeborn mich bestens empfehlend habe ich die Ehre zu sein

Ihr
dienstwilligster
C Girschner
Niederwallstrasse Nro 11



Spohr beantwortete diesen Brief am 15.12.1829.

[1] Vgl. [Adolph Bernhard Marx], „Faust von Spohr. Auf der königlichen Bühne in Berlin”, in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung 6 (1829), S. 373f., 378-383 und 387f.; nur knappe Bermerkungen in „Berlin, Anfangs Januar”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 32 (1830), Sp. 45-48, hier Sp. 45; Allgemeiner musikalischer Anzeiger 1 (1830), S. 204.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (01.12.2016).