Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,128

Sr. Wohlgeb
Herrn Wilhelm Speyer
in
Offenbach a/m


Cassel den 11ten
Aprill 29.

Geliebter Freund,

Von einem Posttage zum andern habe ich einem Briefe von Ihnen entgegen gesehen, hauptsächlich um etwas Näheres über die Fähigkeiten des Herrn Sesselmann, der sich auch zu der, durch Sieber’s Tod erledigten Stelle gemeldet hat, von Ihnen zu hören, wie Sie mir in Ihrem letzten Schreiben versprochen hatten. Denn obgleich sich 16 Bassisten gemeldet haben, so weiß ich doch kaum ein paar der Direction zur Probe vorzuschlagen. Der, den ich für den besten unter denen, die sich gemeldet haben, hielt, Köckert aus Leipzig ist, seit ich ihn nicht hörte, sehr zurückgekommen. Er hat 2 mal gesungen, gefällt aber nicht und wird nicht engagirt werden.1 Nun mögten wir wohl mit Herrn Sesselmann einen Versuch machen, wenn Sie glauben, daß er den Platz eines 1sten tiefen Basses bey unserm Theater, wenn auch nicht gleich genügend, doch in der Folge ausfüllen könne. Hierüber bitte ich mir allso baldmöglichst Ihre Meinung zu sagen.
Ich habe große Lust, mit Anbruch unserer Ferien zu Paganini zu reisen, um diesen Wundermann endlich selbst zu hören. Ich erwarte von Berlin Nachricht, wohin er von dort gehen wird und wo er wohl in unserer Ferienzeit zu treffen seyn wird. - Da es nun sehr ungewiß ist, ob ich diesen Sommer werde zu Ihnen kommen können, so machen Sie uns die Freude und besuchen Sie uns Pfingsten und begleiten uns [zum] Musikfeste nach Nordhausen. [Sie] würden, wenn Sie diese Bitte erfüllen erstlich einer Generalprobe von meiner neuen Oper, die vor Anbruch meiner Ferien völlig einstudirt wird, 2tens am 1sten Pfingsttage ein Oratorium von Schneider, Christus der Meister, 3tens am 2ten Festtage eine große Oper zu hören bekommen und würden dann Tags darauf in unserm Wagen, wo ich einen Platz für Sie habe, die Reise mit uns machen. - Wild, die Schweitzer und ein Theil unserer Kapelle werden auch zu dem Feste gehen, welches den 11ten und 12ten Juni seyn wird. Es würde uns sehr erhöhen, wenn Sie unsere Bitte gewährten. Allso erfreuen Sie uns recht bald mit Ihrer Zusage! - An Herrn Merz bezahlen Sie gefälligst 52 Fl 50 x für den Wein. Er scheint sehr gut zu seyn.
Von Carlsruhe werden Ihnen für mich 18 Rthlr. Pr. zugesandt werden. Einer recht baldigen Antwort entgegensehend unter herzlichen Grüßen von den Meinigen. Der Ihrige L. Spohr

Erwähnte Personen: Köckert, Gustav
Merz (Weinhändler)
Paganini, Niccolò
Schweizer-Roller, Louise
Sesselmann, Carl
Sieber, Karl Ferdinand
Wild, Franz
Erwähnte Kompositionen: Schneider, Friedrich : Christus der Meister
Spohr, Louis : Pietro von Abano
Erwähnte Orte: Berlin
Karlsruhe
Nordhausen
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1829041102

http://bit.ly/1T7pRn9

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen verschollenen Brief von Speyer an Spohr. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 03.06.1829.

[1] Vgl. „Magdeburg, Mitte April 1829”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 31 (1829), Sp. 360-364, hier Sp. 361; „Aus Cassel, im Julius”, in: Zeitung für die elegante Welt 29 (1829), Sp. 1375, 1383, 1391f., 1399f. und 1407, hier Sp. 1375

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.03.2016).