Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,110
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 96f. (teilweise)

Sr. Wohlgeb
Herrn Wilhelm Speyer
in
Offenbach a/m


Cassel, den 5ten
August 27.

Geliebter Freund,

die neue Oper1 ist bis auf die Ouvertüre fertig und bereits in den Händen der Abschreiber. In 14 Tagen beginnen die Proben und in den ersten Tagen des Oktober, denke ich, soll sie gegeben werden. Sie würden uns allen eine große Freude machen, wenn Sie zur Aufführung uns besuchten und ich bitte Sie, uns durch die bestimmte Zusage recht bald zu erfreuen.
Emilie ist noch nicht verheirathet und war nicht in Frankfurt. Während unseres Aufenthalts in Nenndorf war sie bey meinen Ältern. Ihr Bräutigam kam nach unserer Rückkehr nach Gandersheim, ebenfalls dorthin und nach einem 10tägigen Aufenthalt kehrten wir zusammen nach Cassel zurück. Die Verheiratung wird gleich nach nach Michaeli stattfinden, allso in derselben Zeit, wo ich die Oper in Scene zu setzen gedenke.
Den Oberon haben wir nun 3mal gehabt und Webers Name hat eine große Menge von Fremden zu diesen Aufführungen herbey gezogen. Die Aufführung, die sehr gelungen war und die sehr glänzende Ausstattung abgerechnet scheint das Werk nur wenig Eindruck gemacht zu haben.2 Und ich würde mich wundern wenn es anders wäre, denn die Oper ist im Sujet und in der Musik von einer unerhörten Langweiligkeit. Der erste Akt geht noch an, die beyden folgenden sind aber kaum auszuhalten. In der Erfindung ist die Oper so arm daß man es für Webers Ruhm ein Glück halten muß, daß er jetzt, vor gänzlicher Erschöpfung gestorben ist und es ist ihm nicht so geht wie Spontini, der anfängt, eine wahrhaft armselige Rolle als Komponist zu spielen. – Für die Singstimmen ist diese Oper noch holperiger und unsingbarer geschrieben wie die beyden früheren, und nur in der Instrumentierung zeigt sich ein Fortschritt. Die Ouvertüre gehört zu den besten Stücken der Oper und hat eine bessere Form und mehr natürlichen Zusammenhang als die von Euryanthe und Freyschütz. Dann folgt eine sehr ausgezeichnete Nummer, vielleicht das Beste was Weber geschrieben hat: der Elfenchor: „Leicht wie Feentritt p.p. Nun sind wir aber fertig und die Erwartung die durch die Ouvertüre und diesen schönen Chor erregt wurde, bleibt ganz und gar bei allem Folgenden, was unter dem Mittelmäßigen ist, getäuscht. Was ich nun zu der Beurtheilung von Rochlitz3 sagen soll weiß ich bei Gott nicht! Unmöglich kann ich glauben, daß ihm die Kompo[sition] dieser Oper (die, um sie mit einer andern [die] zu gleicher Zeit erschienen und bekannt geworden ist, zu vergleichen, so unendlich ärmer in der Erfindung und im dramatischen Leben ist, wie die weiße Frau) so vortrefflich erscheint wie er dort sagt, denn es verrät gar zu wenig Einsicht; Und ist dieß, was soll man dann von seiner Wahrheitsliebe denken?
Überhaupt ist die Musikkritik zu einer Nichtigkeit herabgesunken, daß man durchaus keine Notiz mehr von ihr nehmen muß. - Die Universität von Marburg hat mir bei ihrem Jubileo, am 28ten Juli die Doktorwürde ertheilt.4 Das Diplom habe ich aber noch nicht zugeschickt erhalten und weiß es nur von Bekannten, die dort anwesend waren. – Den Herren Küper, Ries herzliche Grüße, so wie Ihrem ganzen Hause von uns allen. – Erfreuen Sie uns recht bald mit der Zusage Ihres Besuchs! – Das Geld für die 3 Wechsel habe ich durch Hasemann richtig erhalten und danke für gütige Besorgung. Mit herzlicher Freundsch.
der Ihrige L. Sp.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 19.05.1827. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 15.09.1827, aus dem sich noch ein derzeit verschollener Brief von Speyer an Spohr erschließen lässt.

[1] Pietro von Abano.

[2] Vgl. „Carl Maria Webers Oberon”, in: Münchener allgemeine Musik-Zeitung 1 (1827), Sp. 476-479, 506-510 und 524ff., hier Sp. 476

[3] Vgl. [Friedrich] Rochlitz, Rez. „Oberon. Romantische Oper in drey Akten [...]”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 29 (1827), Sp. 245-255 und 266-273. 

[4] Vgl. Allgemeine Musikzeitung zur Beförderung der theoretischen und praktischen Tonkunst 1 (1827), Sp. 188

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.02.2016).

Cassel, 5. August 1827.

... Den ,Oberon’ haben wir nun dreimal gehabt und Webers Name hat eine große Menge von Fremden zu diesen Aufführungen herbeigezogen. Die Aufführung, die sehr gelungen war, und die sehr glänzende Ausstattung abgerechnet, scheint das Werk nur wenig Eindruck gemacht zu haben, und ich würde mich wundern wenn es anders wäre, denn die Oper ist im Süjet und in der Musik von einer unerhörten Langweiligkeit. Der erste Akt geht noch an, die beiden folgenden sind aber kaum auszuhalten. In der Erfindung ist die Oper so arm, daß man es für Webers Ruhm ein Glück halten muß, daß er jetzt an gänzlicher Erschöpfung gestorben ist und es ist ihm nicht so geht wie Spontini, der anfängt, eine wahrhaft armselige Rolle als Komponist zu spielen. Für die Singstimmen ist diese Oper noch holperiger und unsingbarer geschrieben wie die beiden früheren, und nur in der Instrumentierung zeigt sich ein Fortschritt. Die Ouvertüre gehört zu den besten Stücken der Oper und hat eine bessere Form und mehr natürlichen Zusammenhang als jene von ,Euryanthe’ und ,Freischütz’. Dann folgt eine sehr ausgezeichnete Nummer, vielleicht das Beste was Weber geschrieben hat: der Elfenchor, ,Leicht wie Feentritt’. Nun sind wir aber fertig und die Erwartung die durch die Ouvertüre und diesen schönen Chor erregt wurde, bleibt ganz und gar bei allem Folgenden, was unter dem Mittelmäßigen ist, getäuscht. Was ich nun zu der Beurteilung von Rochlitz sagen soll weiß ich bei Gott nicht! Unmöglich kann ich glauben, daß ihm die Komposition dieser Oper (die, um sie mit einer andern zu gleicher Zeit erschienenen und bekannt gewordenen zu vergleichen, so unendlich ärmer in der Erfindung und im dramatischen Leben ist, wie ,Die weiße Dame’) so vortrefflich erscheint wie er dort sagt, denn es verräte gar zu wenig Einsicht; und ist dies so, was soll man dann von seiner Wahrheitsliebe denken? Überhaupt ist die Musikkritik zu einer Nichtigkeit herabgesunken, daß man durchaus keine Notiz mehr von ihr nehmen soll. - Die Universität von Marburg hat mir bei ihrem Jubiläum, am 28. Juli die Doktorwürde erteilt ...