Autograf: Yale University New Haven, Music Library (US-NH), Sign. Misc. Ms. 372 (Box 6/Spohr)
Druck: Music. Early Books, Manuscripts and Autographs (= Katalog Maggs Bros. 557), London 1931, S. 115 (teilweise, engl. Übersetzung)
Inhaltsangabe: A Clearance Catalogue of Books, Prints & Autographs offered at greatly reduced prices (= Katalog Maggs Bros. 669), London 1938, S. 68

Cassel am 6ten August
26.

Geehrtester Freund,

Nach dem, was Sie die Güte haben, mir zu schreiben, muß ich die Idee einer baldigen1 Aufführung in Leipzig wohl aufgeben. Es ist mir dieß nur leid, weil Sie das Werk nun so bald noch nicht zu hören bekommen werden. - Es sind wieder einige Berichte über die Aufführung in Düsseldorf erschienen (Berl.M.Z.2 - 17tes Heft der Caecilia3, Didaskalia4 u.s.w.), die alle sehr günstig über das Werk urtheilen. Eins nur nimmt mich Wunder, daß fast alle diese Berichterstatter, der Wahrheit entgegen berichten „der Händelsche Messias habe in Wirkung alles andere übertroffen“ während doch nicht bloß unser Oratorium, sondern auch die Sinfonie von Ries, (ja selbst die Jubelouverture von Weber einen weit lebhaftern Antheil erregten. Ich saß am 2ten Tage mitten unter den Zuhörern und bemerkte sehr gut, daß sich das Publikum bey den Chören, noch mehr bey den Arien merklich langweilte. Warum das nicht eingestehen? glaubt man dadurch den Herrn Händel oder dem Publiko am Rhein zu nahe zu treten? Die einfache Größe Händels wird vom großen Haufen der Musikliebhaber am wenigsten begriffen; Traurig wäre es doch aber auch, wenn wir jetzt lebenden Komponisten mit5 alle dem Reitz der jetzigen Instrumentirung und den noch größern der feinsten Nüancen aller Grade von Stärke und Schwäche, nicht mehr Wirkung hervorbringen sollten, als ein Komponist der früheren Zeit, dem alles dieses noch unbekannt war! Es müsten dann ja unsre Werke die alten an innerm Werthe gar zu weit nachstehen! Allein zu meinem Troste war es zu ersichtlich und gab sich zu deutlich kund, daß das Oratorium in seiner bald rührenden, bald gewaltigen Wirkung alles Übrige weit hinter sich ließ. Deshalb fällt es mir aber nicht ein, mich Händel gleich stellen zu wollen, da ich zu gut weiß, daß ich die Führung der Stimmen in Chören von ihm, so wie die Kunst der Instrumentirung von Mozart und andern gelernt habe und die größte Wirksamkeit meines Werks nur6 den Fortschritten, die die Musik seit Händel gemacht hat, zu danken habe. Geärgert hat es mich aber doch, daß keiner der Berichtenden, bey allem Lobe, welches sie unserm Werke ertheilen, das Faktum, was am meisten gefallen zu haben7, eingestehen wollen und ich kann mir dieß nicht anders erklären, als daß es lauter Mitsingende waren, die freilich die Händelschen Chöre äußerst lieb gewinnen, da in ihnen jede Stimme oft selbstständig und wie in einem Solo hervortritt, besonders bey den Chören mit Coloraturen, bey denen sich die Mitsingenden dann sehr wichtig fühlen. - Gefreut habe ich mich aber, daß die Berichterstatter unter sich und mit meinem Urtheil zusammen treffen im Herausheben der Nummern die sie für die besten halten: besonders erfreulich war es mir, daß das Duett: „Sey mir nicht pp. Anerkennung gefunden hat, da es nicht wie die andern angeführten Sätze durch imposante Kraft, oder brillante Instrumentirung oder gar durch Gesangverzierungen, deren das ganze Oratorium8 auch nicht eine hat, gefallen9, sondern den Beyfall mit dem innigen Ausdrucke, der darin vorherrscht, zu danken haben kann.
Verzeihen Sie, daß ich wieder so lange von mir und wie mir‘s fast selbst scheint, mit dem Anstrich der Selbstgefälligkeit von meiner Arbeit unterhalten habe: aber seyn Sie versichert, daß niemand mehr, wie ich selbst, die Schwächen des Werks einsehe. Aber man mögte doch so gern zu der Überzeugung kommen, den ersten Weg eingeschlagen10 und seine Kräfte und Zeit nicht auf Unnützes verwandt zu haben und dazu ist er unerläßlich, daß Urtheil andrer mit dem eignen zuvergleichen. -
Mit innigster Hochachtung und Verehrung ganz der
Ihrige L. Spohr.

Erwähnte Personen: Mozart, Wolfgang Amadeus
Erwähnte Kompositionen: Händel, Georg Friedrich : Der Messias
Ries, Ferdinand : Sinfonien, op. 23
Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Weber, Carl Maria von : Jubel-Ouvertüre, op. 59
Erwähnte Orte: Düsseldorf
Erwähnte Institutionen: Niederrheinische Musikfeste <verschiedene Orte>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1826080606

http://bit.ly/2uNoGDc

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Rochlitz an Spohr, 21.07.1826. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Rochlitz, 14.10.1826.

[1] „baldigen“ über der Zeile eingefügt.

[2] „Großes niederrheinisches Musikfest gefeiert in Düsseldorf den 14. und 15. Mai 1826“, in: Berliner Allgemeine Musikalische Zeitung 3 (1826), S. 222-225, hier S. 223f.

[3] [Friedrich] Deyks, „Das große Niederrheinische Musikfest“, in: Caecilia 5 (1826), S. 61-76, hier S. 65-72; vgl. ders., „Nachtrag über Spohrs Oratorium Die letzten Dinge“, in: ebd., S. 169-172.

[4] „Großes Musikfest in Düsseldorf. Im Juni 1826“, in: Didaskalia 21.-25.07.1826, hier 25.07.1826, nicht paginiert.

[5] Hier gestrichen: „dem“.

[6] „nur“ über der Zeile eingefügt.

[7] „zu haben“ über gestrichenem „es“ eingefügt.

[8] „das ganze Oratorium“ über der Zeile eingefügt.

[9] Hier zwei Wörter gestrichen („haben können(?)“).

[10] Hier gestrichen: „zu haben“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (21.07.2016).