Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,153
Druck: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 276f.

Leipzig, d. 21sten Jul. 26.

Mit Aufhebung des Concerts in Nordhausen, mein theurer Freund, geht mir eine große Freude verloren, auf die ich mit aller Zuversicht gehofft hatte. Es muß mir dies um so mehr leid thun, da ich nun gar nicht absehen kann, wann ich einmal Ihr Werk zu Gehör bekommen werde. Denn Ihre überaus gütige Anerbietung für Leipzig wird sich dies Jahr schwerlich in Erfüllung setzen lassen. Ich gebe Ihnen nämlich vollkommen recht, wenn sie es hier nicht anders, als unter Mitwirkung der Singakademie und des Musikvereins zu Gehör bringen wollen. Diese Gesellschaften vereinigen sich aber nur einmal im Jahre zu einer kleinen Aufführung, meistens zum besten irgend einer wohlthätigen Stiftung. Diese Gelegenheit hat aber für den nächsten Winter schon Friedr. Schneider früher in Beschlag genommen, der sein Oratorium, das verlorene Paradies, womit es ihm in Magdeburg und Berlin nicht nach Wunsch gegangen, auf jene Weise und gleichfalls ohne Entschädigung zu wohlthätigem Zweck aufführen will. Er hat es dazu dem Musikdir. Schulz schon vor einigen Wochen gesandt, dieser läßt schon einzelne Stücke daraus zuweilen singen etc. Dies läßt sich nun nicht ändern und das gegebene Wort nicht zurücknehmen. Sonach bliebe nicht übrig, wenn nämlich Ihr Werk bevorstehendes Halbjahr hier gehört werden soll, als daß Sie es im Concertsaale auf Ihre Rechnung [und zu Ihrem Vortheile]1 als ein gewöhnliches Concert aufführten; wo darum doch, sollte ich meynen, bey der wahrhaft ausgezeichneten Hochachtung und Liebe, die Sie hier genießen, mehrere Liebhaber und Liebhaberinnen, so wie, wenn Sie den HR.2 Küstner darum begrüßten, die Sänger und Sängerinnen des Theaters, wenigstens die Chöre verstärken könnten; und für den ersten Sopran werden wir künftigen Winter eine, in jeder Hinsicht treffliche Concertsängerin hier besitzen, desgleichen einen wenigtens guten Tenor und einen ziemlich guten Baß. Aber rathen kann ich Ihnen dazu nicht unbedingt, viel weniger es Ihnen zumuthen. Denn obgleich es nicht fehlen kann, Sie kein kein geringes Publikum versammeln: so dürfte es doch nicht groß genug seyn, um Ihnen bey den beträchtlichen Kosten, einen Vortheil zu bringen, der Ihren Verdiensten einigermaßen angemessen wäre; da man nämlich Sie nicht als Violinspieler hören wird, und die Begier nach Virtuosenkunst hier, wie überall, von Jahr zu Jahr zunimmt, zum nicht geringen Nachtheil anderer Gattungen der Tonkunst. Sollten Sie gleichwohl sich hierzu (ich meyne: zu solch einer Aufführung)3 entschließen, so würde es nöthig seyn, daß Sie schon jetzt dem Baumeister Limburger um den passendsten und vortheilhaftesten Tag schrieben – bey dem Überfluß an musikal. unterhaltungen keine Kleinigkeit; und dann Schulz'n prävenirten, damit er die Sache bey seinen Dilettanten im Voraus wenigstens zur Sprache brächte; den HR. Küstner, aus jener Ursache, gleichfalls nicht zu vergessen. Zu allem dem mich als Vermittler anzubieten, wäre ich zwar geneigt: aber meine Verhältnisse lassen das, zumal da ich Antheil an dem Werke habe, nicht zu. Sonach stelle ich es einzig in ihre Hand, und bitte nur noch, um meinetwillen durchaus kein Opfer zu bringen.
In diesen Tagen kam mir nun auch das erste öffentlich ausgesprochene Wort über Ihr Werk zu Gesicht, in der hiesigen mus. Zeitung, Nr. 27, S. 440 folg.4 Das Urtheil ist kurz, aber sehr günstig. Es scheint von einem gebildeten Dilettanten in Düsseldorf abgefaßt, der mit Aufmerksamkeit gehört und mit Liebe zur Sache geschrieben hat. Aber, damit der gute Eindruck, den diese paar Worte machen können, ja sogleich wieder gestört und vermindert werde, hat Hr. Härtel nicht unterlassen können, schnell ein anderes Urtheil eines zweyten Correspondenten in einer Note anzuhängen, und dieses Urtheil – das glaube ich behaupten zu können, ehe ich einen5 Ton Ihrer Musik gehört habe – ist nicht nur grundfalsch, sondern auch malitiös; was jedoch nicht hindern wird, daß es um so mehr Eingang bey der Masse finde – au contraire! So ist die Welt! Wir müssen erst gestorben seyn, wenn sie sich einmüthig zu unseren gunsten vereinigen soll! So lange wir leben, gönnt sie uns nicht die Freunde, ihr – Freude gemacht zu haben! Unter diesen Umständen gehört schon etwas Tüchtiges dazu, nicht abzulassen, und unverrückt der Welt zu leisten, was man irgend vermag. So ist es mir mein ganzes Leben hindurch gegangen; jetzt aber, ich gestehe es, fange ich fast an, müde zu werden und mich von allem Öffentlichen zurückzuziehen.

Ihr
Rochlitz.



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Rochlitz, 09.07.1826. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Rochlitz an Spohr, 06.08.1826.

[1] Am Rand eingefügt.

[2] Abk. für „Hofrat”.

[3] „(ich meyne: zu solch einer Aufführung)” über der Zeile eingefügt.

[4] „Das Niederrheinische Musikfest, Pfingsten 1826”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 28 (1826), Sp. 440ff.

[5] Hier ein unleserlich gestrichenes Wort.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (12.09.2016).