Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.7 <Niederrhein 18260330>

Cassel den 30sten März
26.

Wohlgeborner Herr,

Beykommend habe ich die Ehre Ihnen die fertigen, bereits einmal gebrauchten und daher wohl ziemlich korekten Solo-Orchester-Stimmen1 zu meinem Oratorio zu übersenden. Die Ripien-Stimmen werden jezt geschrieben und ich sehe Ihrer gefälligen Bestimmung entgegen, ob ich sie auch im Voraus senden oder selbst mitbringen soll. - Das von Ihnen mir gegegebene Schema für Solo- und Ripien-Stimmen scheint mir nicht ganz in gutem Verhältnis; ich schlage daher ein anderes vor und habe die Stimmen in Solo und Ripien darnach eingetheilt:

Solo.               Spieler.      Ripien.           Spieler.
4 Violino 1mo       8.          6 Violino 1mo    16.
4 ----       2do        8.          6 ----      2do     16.
3 Violae               6.          5 Violae            10.
3 Violoncelli         6.          5 Violoncelli       10.
2 C. Bassi           3.          2 C. Bassi          5.

Am Charfreitage habe ich zum Besten der Armen in der hiesigen Luth. Kirche mein Oratorium , Abends bey Kreutzbeleuchtung (Nachahmung der Kreutzbeleuchtung in der Peterskirche zu zu Rom,) zum ersten mal aufgeführt. Das Sängerpersonal, aus unsern beyden Vereinen2 gebildet, bestand aus 120 Stimmen, das Orchester war nahe an 80 Personen stark.2 Die Aufführung war, ein kl. Versehen eines der Solosänger abgerechnet, völlig fehlerfrei, und ich habe mich zu meiner Freude überzeugt, daß mein Bestreben, etwas recht leicht ausführbares zu schreiben, gelungen ist, und daß selbst die Orchesterparthien im Verhältnis mit dem, was man jezt den Orchestern zumuthet, eine leichte zu nennen sey und höchstens in den beyden Simphonien einige wenige Schwierigkeiten darbiethe. Das durch diese Eigenschaft (der leichten Ausführbarkeit,) der Efekt beym Zusammenwirken großer Massen unendlich gewinne, konnte ich gleichfals bemerken; und das einzige was bey diesen vieleicht eine Schwierigkeit darbiethen mögte, ist die genaue Befolgung der Nüanzen von p. und f. weshalb ich nochmals bitte, daß bey dem E i n ü b e n der Chöre recht streng darauf gehalten werde, weil es sonst bey der Generalprobe unmöglich seyn würde, den Chor noch daran zu gewöhnen. Hinsichtlich des Orchesters bitte ich für recht gute Posaunisten und einen zuverlässigen Pauker zu sorgen, weil von diesen Herren selbst der Dirigent abhängig ist. Den Posaunisten bitte ich, ihre Parthien zum Einüben zu geben und die Baßparthie womöglich einem Quartposaunisten. - Bey den Vorproben mit den Chören, bitte ich, die Soprane und Tenore auf eine Seite und die Alti und Bässe auf die andere Seite zu stellen, damit der Chor bey der Generalprobe schon an diese Stellung gewöhnt sey.
Ich ersuche Sie ergebenst, mir nun einige nähere Details über die bevorstehenden Aufführungen gefälligst zu geben, über Lokal, Besetzung p.p. so wie den Tag gütigst zu bestimmen, an dem ich bey Ihnen eintreffen soll.
Schlüßlich bitte ich Sie noch um gefällige Besorgung eines Unterkommens für meine Frau und beyden Töchter3, die mich nach Düsseldorf begleiten werden, ohne aber dadurch dem Comité Kosten verursachen zu wollen.
Bey den Stimmen liegt ein Textbuch, nach welchem die dortigen gedruckt und corrigirt werden können.
Mit vorzüglicher Hochachtung

Ew. Wohlgeb
ergebenster Diener
Louis Spohr.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Cäcilienverein <Kassel>
Hofkapelle <Kassel>
Singakademie <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1826033015

http://bit.ly/2js5sLk

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Werner an Spohr, 08.03.1826. Der nächste belegte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Werner, 11.04.1826.

[1] „Solo-“ über der Zeile eingefügt.

[2] Cäcilienverein und Singakademie.

[3] Emilie, später verheiratete Zahn und Therese (vgl. Edmund Spohr, „Louis Spohr und Amalie von Sybel. Ein Beitrag zur Musikgeschichte der Stadt Düsseldorf und zur Geschichte der Niederrheinischen Musikfeste“, in: Louis Spohr. Festschrift und Ausstellungskatalog zum 200. Geburtstag, hrsg. v. Hartmut Becker und Rainer Krempien (= Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Ausstellungskatalog 22), Kassel 1984, S. 91-104, hier S. 96).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.01.2016).