Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,148
Druck: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 267ff.

Leipzig, d. 1sten Nov. 25.

Wohlgeborner,
Hochgeehrter Herr Kapellmeister;

Mit wahrer Hochachtung und lebhafter Freude habe ich die Nachricht von Ihrer Begeisterung und Ihrem Eifer für unsere gemeinschaftliche und gewiß würdige Unternehmung gelesen. Auch ich habe es weder an gutem Willen, noch an Fleiß fehlen lassen, um Ihre, mir mitgetheilten Wünsche
zu erfüllen; und es ist ganz wörtlich zu nehmen, wenn ich sage: ich habe mich von der Stunde der Ankunft Ihres Briefes bis heute täglich von früh bis in die Nacht damit beschäftigt, die prophetischen Bücher des alten und neuen Testaments durchzulesen, um noch aufzufinden, womit das Werk verlängert und der gewöhnlichern Dauer jetziger Oratorien näher gebracht werden könnte. Die Ausbeute finden Sie auf beyliegendem Blatte.1 Drey Acte zu liefern, ist unmöglich: Die Gegenstände selbst lassen es nicht zu. So blieb mir nichts, als den ersten zu verlängern, was ohnehin vortheilhafter ist, als wenn bey zweyactigen Werken aller Art der zweyte Theil so lange, als der erste dauert. Ist nun dies neu Hinzukommende doch nicht so viel, als Sie wünschen: so liegt das einzig daran, daß nirgends über jene Gegenstände mehr zu finden ist; wenn man nämlich nicht dasselbe, nur mit andern Worten oder Bildern, und – eine Hauptsache – nichts ohne jenen hohen prophetischen Schwung sagen will. Letztes muß aber um so mehr beobachtet werden, da es eben unser Werk besonders charakterisiren und von den andern, neuerlich gelieferten Oratorien unterscheiden soll. Doch behaupte ich, so lächerlich das scheint, sogar jetzt noch, und gegen Sie, den Meister, selbst: Das Ganze wird länger dauern, als Sie angeben, und nun, mit dem Einzuschaltenden, gewiß wenigstens anderthalb Stunden, und sonach, bey etwas langer Pause, ziemlich die gewöhnliche Zeit ausfüllen.
Von diesem Einzuschaltenden verspreche ich mir für die Wirkung viel, theils um sein selbst willen, theils, weil es zum Theil zu ganz besonderer, vor dem Andern abstehender Behandlungsart Gelegenheit giebt. Da Sie meine Ansichten und Gedanken davon verlangen, so erlaube ich mir, sie
mitzutheilen – allerdings, hier wie früher, blos als Vorschlage, die ich Ihrer Prüfung unterwerfe und nur dann so ausgeführt wünsche, wenn Sie ganz mit mir übereinstimmen können.
Die Einschaltung Nr. 1 folgt auf den ersten Chor: nach dem dritten „Preiß und Ehre Ihm” etc. Ich denke mir die Worte des Recit., bis „geheimstes Innere”, pathetisch, aber einfach, mit nur kurzen Zwischen-Sätzen2 begleitet: von da an aber vom Orchester ins Große ausgemalt.3 – Das zweyte
Stück: „Sey mir nicht schrecklich” etc. wird ein ziemlich ausgeführtes Duett. Der Text eignet sich, seinem Sinne nach, am besten für zwey Soprane: wünschen Sie aber durchaus den Tenor mehr zu beschäftigen, so kann es auch ihm und dem Sopran gegeben werden. Der Ausdruck ist flehendliche, demüthige Bitte. Je mehr er das, und die Instrumentation gemäßigt ist, desto mehr wird das Stück, eben an dieser Stelle, an's Herz dringen.4 – Den Satz: „So ihr mich” etc. denke ich mir im altrömischen Kirchenstyl geschrieben: Alle Singstimmen in ganzen u. halben Noten5 unisono, (vielleicht blos männliche Stimmen6,) und die Instrumente – die Saiten-Instr. in gleichmäßig gehenden Staccato-Achteln, gleichfalls unisono, die Blasinstr. (wie die tiefern) mit den7 Singstimmen unisono8 und blos die Schlußfälle in harmonischen Accorden – mithin fast, wie Sie den Cantus firmus der Klarinetten etc. im ersten Tempo der Ouverture zur Jessonda so äußerst wirksam behandelt haben; oder zu jenem Gesange und seiner Unterstützung von den Blas-Instr., eine contrapunktisch verknüpfte Begleitung der Saiten-Instr., ohngefähr wie Mozarts Gesang der Geharnischten vor der Feuer- und Wasserprobe in der Zauberflöte. Ich ziehe, eben hier und in diesem Zusammenhange, das feste, wenn auch weniger kunstvolle vor. Dieser Text bekömmt gar keine Wiederholung der Worte.9
Die Einschaltung Nr. 2 folgt unmittelbar auf die abgebrochenen Worte des Soprans: „Und siehe, ein Lamm, das war verwundet ...”, und zwar so, daß nach diesen, auch in der Musik abgebrochenen Worten ein Takt, oder zwey, General-Pause hingeschrieben wird; worauf nun dieser treffliche, uralte Kirchenchoral folgt. Dann erst nehmen die Instrumente allein die Ausführung dieser Gefühle über sich; dann: „Weine nicht” etc. und alles, was folgt. Da dieser Choral in allen mir bekannten Choralbüchern verkünstelt oder sonst modernisirt ist: so setze ich ihn Ihnen beyliegend nach dem alten Original auf.10 Ich würde ihn – die ersten 6 Takte von 4 Solostimmen piano, die Wiederholung vom Chor piano, die zweyte Wiederholung vom Chor forte, und dann das Amen wieder von jenen Solostimmen piano – Alles aber ganz ohne Instrumente singen lassen; wo hernach das leise Spiel der Saiten-Instr. allein, eine um so größere Wirkung machen würde. [Da indessen dieser Choral im Texte immer etwas fremdartiges bleibt, so überlasse ich es Ihnen, ob sie ihn aufnehmen oder weglassen wollen.]11
Möge ich nun mit alle dem, Ihren Wünschen Genü[ge] leisten; oder mögen Sie wenigstens daraus abnehmen, daß ich mich dessen befleißige. – Sollte es nicht rathsam seyn, daß Sie das Werk, wenn es nun fertig, in Abschrift einigen der Fürsten, für die so etwas überhaupt ist, aber (das würden Sie selbst nicht anders wollen, und es thäte auch Ihnen keinen Eintrag) zugleich in meinem Namen übersendeten? Ihren Kurfürsten dürften Sie freylich nicht übergehen; gem, denk' ich, würden es aber sonst aufnehmen: Der König v. Preußen; der jetzige König von Bayern; könnten Sie an ihn gelangen, der Kaiser Franz, und wohl auch der König von Sachsen. Vielleicht auch noch einige Fürsten. Es ist ein Vorschlag, den Sie überlegen mögen. –
Ich aber freue mich auf Ihr Werk je länger, je mehr.

In wahrer Hochachtung und freundschaftlicher Ergebenheit
Ihr
Rochlitz.

Da die neuen Stellen nicht aus der Offenbarung J., sondern aus den Propheten Jeremias u. Hesekiel sind, so muß nun der Titel werden: Die letzt. D. Oratorium Worte der heiligen Schrift, zusammengestellt etc.

Erwähnte Personen: Franz I. Österreich, Kaiser
Friedrich August I. Sachsen, König
Friedrich Wilhelm III. Preußen, König
Ludwig I. Bayern, König
Wilhelm II. Hessen-Kassel, Kurfürst
Erwähnte Kompositionen: Mozart, Wolfgang Amadeus : Die Zauberflöte
Spohr, Louis : Jessonda
Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1825110136

http://bit.ly/2arZkAl

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Rochlitz. Spohr beantwortete diesen Brief am 01.12.1825.

[1] Dieses Blatt lag bereits Rychnovsky nicht mehr vor (vgl. ebd., S. 267, Anm. 1).

[2] „Zwischen-” über der Zeile eingefügt.

[3] Dieses Rezitativ fand schließlich als erstes Gesangstück im zweiten Teil des Oratoriums seinen Platz (vgl. Louis Spohr, Die letzten Dinge [Klavierauszug], Kassel 1826, S. 60-64).

[4] Dieses Duett komponierte Spohr tatsächlich für Sopran und Tenor; es folgt im Oratorium auf das Rezitativ (vgl. ebd., S. 65-69; Spohr an Rochlitz, 01.12.1825).

[5] „in ganzen u. halben Noten” über der Zeile eingefügt.

[6] „Stimmen” über der Zeile eingefügt.

[7] „mit den” über gestrichenem „die” eingefügt.

[8] „unisono” über der Zeile eingefügt.

[9] Spohrs Komposition im Klavierauszug S. 70ff.; zu den von Rochlitz als Vorbilder zitierten Werken vgl. Louis Spohr, Jessonda, hrsg. v. Gustav F. Kogel, Leipzig [1881], S. 4, T. 4-15; Wolfgang Amadeus Mozart, Die Zauberflöte, hrsg. v. Julius Rietz (= Wolfgang Amadeus Mozart’s Werke 5,11), Leipzig [1879], S. 174ff.

[10] Auch dieses Blatt lag bereits Rychnovsky nicht mehr vor (vgl. Anm. 1).

[11] Am linken Seitenrand eingefügt. – Spohr nahm diesen Choral tatsächlich nicht in sein Oratorium auf.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.07.2016).

Leipzig, d. 1sten Nov. 25.

Wohlgeborner,
Hochgeehrter Herr Kapellmeister;

Mit wahrer Hochachtung und lebhafter Freude habe ich die Nachricht von Ihrer Begeisterung und Ihrem Eifer für unsere gemeinschaftliche und gewiß würdige Unternehmung gelesen. Auch ich habe es weder an gutem Willen, noch an Fleiß fehlen lassen, um Ihre, mir mitgetheilten Wünsche
zu erfüllen; und es ist ganz wörtlich zu nehmen, wenn ich sage: ich habe mich von der Stunde der Ankunft Ihres Briefes bis heute täglich von früh bis in die Nacht damit beschäftigt, die prophetischen Bücher des alten und neuen Testaments durchzulesen, um noch aufzufinden, womit das Werk verlängert und der gewöhnlichern Dauer jetziger Oratorien näher gebracht werden könnte. Die Ausbeute finden Sie auf beyliegendem Blatte. Drey Acte zu liefern, ist unmöglich: Die Gegenstände selbst lassen es nicht zu. So blieb mir nichts, als den ersten zu verlängern, was ohnehin vortheilhafter ist, als wenn bey zweyactigen Werken aller Art der zweyte Theil so lange,
als der erste dauert. Ist nun dies neu Hinzukommende doch nicht so viel, als Sie wünschen: so liegt das einzig daran, daß nirgends über jene Gegenstände mehr zu finden ist; wenn man nämlich nicht dasselbe, nur mit andern Worten oder Bildern, und – eine Hauptsache – nichts ohne jenen hohen prophetischen Schwung sagen will. Letztes muß aber um so mehr beobachtet werden, da es eben unser Werk besonders charakterisiren und von den andern, neuerlich gelieferten Oratorien unterscheiden soll. Doch behaupte ich, so lächerlich das scheint, sogar jetzt noch, und gegen Sie, den Meister, selbst: Das Ganze wird länger dauern, als Sie angeben, und nun, mit dem Einzuschaltenden, gewiß wenigstens anderthalb Stunden, und sonach, bey etwas langer Pause, ziemlich die gewöhnliche Zeit ausfüllen.
Von diesem Einzuschaltenden verspreche ich mir für die Wirkung viel, theils um sein selbst willen, theils, weil es zum Theil zu ganz besonderer, vor dem Andern abstehender Behandlungsart Gelegenheit giebt. Da Sie meine Ansichten und Gedanken davon verlangen, so erlaube ich mir, sie mitzutheilen – allerdings, hier wie früher, blos als Vorschlage, die ich Ihrer Prüfung unterwerfe und nur dann so ausgeführt wünsche, wenn Sie ganz mit mir übereinstimmen können.
Die Einschaltung Nr. 1 folgt auf den ersten Chor: nach dem dritten „Preiß und Ehre Ihm” etc. Ich denke mir die Worte des Recit., bis „geheimstes Innere”, pathetisch, aber einfach, mit nur kurzen Zwischen-Sätzen begleitet: von da an aber vom Orchester ins Große ausgemalt. – Das zweyte
Stück: „Sey mir nicht schrecklich” etc. wird ein ziemlich ausgeführtes Duett. Der Text eignet sich, seinem Sinne nach, am besten für zwey Soprane: wünschen Sie aber durchaus den Tenor mehr zu beschäftigen, so kann es auch ihm und dem Sopran gegeben werden. Der Ausdruck ist flehendliche, demüthige Bitte. Je mehr er das, und die Instrumentation gemäßigt ist, desto mehr wird das Stück, eben an dieser Stelle, an's Herz dringen. – Den Satz: „So ihr mich” etc. denke ich mir im altrömischen Kirchenstyl geschrieben: Alle Singstimmen in ganzen u. halben Noten unisono, (vielleicht blos männliche Stimmen,) und die Instrumente – die Saiten-Instr. in gleichmäßig gehenden Staccato-Achteln, gleichfalls unisono und blos die Schlußfälle in harmonischen Accorden – mithin fast, wie Sie den Cantus firmus der Klarinetten etc. im ersten Tempo der Ouverture zur Jessonda so äußerst wirksam behandelt haben; oder zu jenem Gesange und seiner
Unterstützung von den Blas-Instr., eine contrapunktisch verknüpfte Begleitung der Saiten-Instr., ohngefähr wie Mozarts Gesang der Geharnischten vor der Feuer- und Wasserprobe in der Zauberflöte. Ich ziehe, eben hier und in diesem Zusammenhange, das feste, wenn auch weniger kunstvolle vor. Dieser Text bekömmt gar keine Wiederholung der Worte.
Die Einschaltung Nr. 2 folgt unmittelbar auf die abgebrochenen Worte des Soprans: „Und siehe, ein Lamm, das war verwundet” ..., und zwar so, daß nach diesen, auch in der Musik abgebrochenen Worten ein Takt, oder zwey, General-Pause hingeschrieben wird; worauf nun dieser treffliche, uralte Kirchenchoral folgt. Dann erst nehmen die Instrumente allein die Ausführung dieser Gefühle über sich; dann: „Weine nicht” etc. und alles, was folgt. Da dieser Choral in allen mir bekannten Choralbüchern verkünstelt oder sonst modernisirt ist: so setze ich ihn Ihnen beyliegend nach dem alten Original auf. Ich würde ihn – die ersten 6 Takte von 4 Solostimmen piano, die Wiederholung vom Chor piano, die zweyte Wiederholung vom Chor forte, und dann das Amen wieder von jenen Solostimmen piano – Alles aber ganz ohne Instrumente singen lassen; wo hernach das leise Spiel der Saiten-Instr. allein, eine um so größere Wirkung machen würde. Da indessen dieser Choral im Texte immer etwas fremdartiges bleibt, so überlasse ich es Ihnen, ob sie ihn aufnehmen oder weglassen wollen.
Möge ich nun mit alle dem, Ihren Wünschen Genüge leisten; oder mögen Sie wenigstens daraus abnehmen, daß ich mich dessen befleißige. – Sollte es nicht rathsam sein, daß Sie das Werk, wenn es nun fertig, in Abschrift einigen der Fürsten, für die so etwas überhaupt ist, aber (das würden Sie selbst nicht anders wollen, und es thäte auch Ihnen keinen Eintrag) zugleich in meinem Namen übersendeten? Ihren Kurfürsten dürften Sie freylich nicht übergehen; gem, denk' ich, würden es aber sonst aufnehmen: Der König von Preußen; der jetzige König von Bayern; könnten Sie an ihn gelangen, der Kaiser Franz, und wohl auch der König von Sachsen. Vielleicht auch noch einige Fürsten. Es ist ein Vorschlag, den Sie überlegen mögen. –
Ich aber freue mich auf Ihr Werk je länger, je mehr.

In wahrer Hochachtung und freundschaftlicher Ergebenheit
Ihr
Rochlitz.

Da die neuen Stellen nicht aus der Offenbarung J., sondern aus den Propheten Jeremias u. Hesekiel sind, so muß nun der Titel werden: Die letzt. D. Oratorium Worte der heiligen Schrift, zusammengestellt etc.