Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Druck: Johann Nepomuk von Poißl, Briefe (1807-1855). Ein Blick auf die Münchener Musik- und Theatergeschichte, hrsg. v. Volkmar von Pechstaedt (= Hainholz Musikwissenschaft 10), Göttingen 2006, S. 133f.


München den 7ten October 1825.

Wohlgebohrner Herr und Frend!

Auf Ihre verehrte Zuschrift vom 30ten d. M. habe ich die Ehre zu erwiedern, daß ich der Ankunft Ihrer Oper (Der Berggeist) mit Vergnügen entgegensehe, und es meinerseits an nichts fehlen lassen werde, was durch Fleiß des Einstudierens und äussere Ausstattung zur würdigsten Darstellung der Werke eins so ausgezeichneten Tonsetzers geschehen kann.
Das von Ew. Wohlgebohren für den Berggeist stipulirte Honorar von 20 Fried. d‘or wird unmittelbar nach Ankunft der Oper durch Wechsel an Sie übermacht werden, da ich in den mir gefälligst gemachten Vorschlag des Austausches der Quittungen aus den nachstehenden Gründen nicht wohl eingehen kann.
Daß Herr C.M. von Weber in seinen Honorarbestimmungen gegen die Churfürstl. Hofbühne zu Cassel so sehr mässig gewesen ist, wie Sie verehrter Herr und Freund mir schreiben, konnte ich um so weniger erwarten, als derselbe hier unter der Intendanzführung des H. Regierungsrathes von Stich für seinen Freyschütz 60 Ducaten erhalten hat, und noch ganz neuerlich von mir für die Euryanthe 100 Ducaten für sich und noch ein besondres Honorar von 16 bis 20 Ducaten für die Dichterinn begehrt hat1, und dieser Tagen in Empfang nehmen wird. Wenn nun aber für Opern, welche im Grunde auf jeder Bühne von Bedeutung zur Darstellung gebracht werden können, so viel gefordert wird, so kann man doch nicht übertrieben finden, wenn der Componist eines Werkes, das seiner äussern Zuthaten wegen schon nur für wenigere Bühnen taugt, sich wenigstens von diesen ein dem Werthe und der Grösse des Werkes angemesseneres Honorar erwartet. – Jede meiner übrigen Opern steht um ein Honorar von 20 Fr. d‘or zu Diensten; die Prinzessin von Provence aber kann ich um diesen Preis, den ein nur einigermassen vorzügliches Talent gewöhnlich auf grössern Bühnen für eine Gastrolle erhält, unmöglich ablassen, und bitte daher, im Falle der sehr verehrlichen Direktion des Churfürstlichen Hoftheaters nichts an der Acquisition dieses Werkes liegt, und für dessen Vorbereitung noch nicht geschehen ist, um gefällige Rücksendung desselben; – im Falle aber schon etwas dafür gethan worden, oder überhaupt der Direktion des Churfürstlichen Hoftheaters nichts an der Acquisition dieses Werkes liegt, und für dessen Vorbereitung noch nichts geschehen ist, um gefällige Rücksendung desselben; - im Falle aber schon etwas dafür gethan worden, oder überhaupt der Direktion etwas daran liegt, das Werk zu besitzen, bin ich bereit selber, wenn dortige Bestimmungen oder Verordnungen ein anderes Honorar nicht zulassen, die Oper lieber gratis zur dortigen Darstellung abzulassen, als ich ein Honorar annehme, welches mir unter dem Werthe, gerade dieses Werkes, zu stehen scheint.
Ich bin überzeugt, daß Sie, der Sie Deutschlands Benehmen gegen seine eingebohrnen Talente wohl kennen, mir meine Aufrichtigkeit nicht verargen werden, und daß Sie selbst einsehen, daß ein Tonsetzer, welchen trotz eines ehrlich verdienten Rufes einige Bühnen Deutschlands (worunter die Casseler sich auszeichnete) gänzlich zu ignoriren affektirten, wohl dann so sprechen und handeln kann wie ich, wenn er sich das Zeugniß geben kann, seit den zwey Jahren wo mehrere der größten Kunstanstalten Deutschlands ihm anvertraut sind, seinen Landsleuten) selbst denen die ihn früher zu kränken bemüht waren) so wie der deutschen Kunst nur genützt, und ihr Interesse redlich befördert zu haben wo er immer konnte, und wenn er andererseits sosteht, daß ihm weder seines Rufe noch seiner bürgerlichen stellung wegen daraus ein Verlust hervorgeht, wenn eben vier oder fünf Direktionen in Deutschland ihn und seine Werke mit Zurücksetzung behandeln.
Was Ihnen übrigen hier der Tonsetzer schreibt und aufrichtig bekennt, hat nicht den mindesten Einfluß auf Gesinnung und Handlungsweise des Chefs der unter ihm vereinigten Münchner musikalisch dramatischen Kunstanstalten, und dieser wird sich stetts freuen, der Casseler Direktion oder dortigen Künstlern freundliche Dienste erweisen zu können.
In Erwartung bald gefälliger Rückantwort geharre ich mit gewohnter Hochachtung und Freundschaft

Euer Wohlgebohren
ganz ergebenster Diener und Freund
Frh. von Poißl

Autor(en): Poißl, Johann Nepomuk von
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Stich, Joseph von
Weber, Carl Maria von
Erwähnte Kompositionen: Poißl, Johann Nepomuk von : Die Prinzessin von Provence
Spohr, Louis : Der Berggeist
Weber, Carl Maria von : Euryanthe
Weber, Carl Maria von : Der Freischütz
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Hoftheater <München>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1825100744

http://bit.ly/3hVh9r1

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Poißl, 30.09.1825.
Möglicherweise bricht diese Korrespondenz mit diesem Brief ab; Spohr berichtet am 02.08.1826 an Heinrich Joseph Baermann: „Vorigen Freytag am Geburtstage des Kurfürsten haben wir hier mit sehr reichter Ausstattung und auf höchst würdige Weise zum ersten mal die Prinzessin von Provence gegeben. Gern hätte ich Herrn von Poißl die günstige Aufnahme, die sein Werk hier gefunden hat, selbst gemeldet; er hat aber die Correspondenz mit mir auf eine Weise abgebrochen, die mir nicht erlaubt, sie wieder anzuknüpfen.“

[1] Vgl. Carl Maria von Weber an Poißl, 02.09.1825, in: Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe. Digitale Edition.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (31.07.2020).