Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,147
Druck: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 265ff.

Leipzig, d. 18ten Jul. 25.

Ew. Wohlgeb.

haben mich durch Ihr Schreiben von mehr als einer Seite sehr erfreut. Zuerst und im Allgemeinen schon dadurch, da Sie mich in Ihnen über die ganze Gattung von Musik, wovon zwischen uns die Rede geworden, einen vollkommen Gleichgesinnten finden lassen; denn, eine einzige Bemerkung abgerechnet, (wovon hernach) sprechen Sie mir ganz aus der Seele und es kann kaum etwas erwünschter seyn, als, was unser Einer durch Nachdenken und Untersuchen gefunden hat, von einem genialen und erfahrenen Künstler auf seinem Wege gleichfalls gefunden zu erblicken und
damit die sicherste Bestätigung seiner Überzeugung zu empfangen. Jene Bemerkung betrifft die Wiederholung der Worte. Diese wichtige Sache scheint mir auf folgende Grundsatze zuruckzuführen: Alles, was historisch ist, – aber dies Wort im weitesten Sinne genommen, so daß es nicht blos das Erzählende, oder äußerlich Geschehende,1 sondern auch die nach und nach sich entwickelnden Gefühle anzeigt – das sollte nicht oder doch nur selten wiederholet werden: was aber ein allgemeiner Satz ist – nach alter Rede: ein Spruch – das bedarf der öftern Wiederholung. Und dies Letztere ist es auch, was sich zur contrapunktischen Behandlung eignet; wo dann die Forderungen der Rede- und der Ton-Kunst von selbst gar schon in Eins zusammenfallen: jeder feststehende Gedanke solch eines Spruches seine feststehende Melodie; beyde mit einander immer wiederkehrend, zu einem Ganzen, und immer enger verbunden, immer eindringlicher ans Herz gelegt und auch dem Verstande schärfer vorgehalten! Wenn demnach z.B. Händel im Messias aus den Worten: doch ließest Du ihn im Grabe nicht etc. eine Arie mit öftern Wiederholungen machte, so that er Unrecht, wenn er aber: Halleluja! Gott der Herr regiert allmächtig! oft wiederholete, so that er Recht. –
Im Besondern aber mußte mich ihre Annahme meines Erbietens erfreuen. Wahrlich, es wird da ein Werk zu Stande kommen, wie wir, für unsere Zeit und den jetzigen Stand der Musik, noch keines haben; ein Werk, das dafür dasselbe wird, was Händel's Oratorien für seine Zeit und den damaligen Stand der Musik waren; eben damit ein Werk, das, wie jene auch, selbst in der Folgezeit von entschiedenem Werthe bleibt und stets von neuem edlere Freude und wahre Erbauung gewahrt. Von dem Texte selbst, den ich beylege, will ich nur erwähnen, wozu Sie mir Gelegenheit geben und was sich zunächst daran schließt. Verlängern konnte ich ihn nicht, so gem
ich allen Ihren Wünschen mich fügte; denn das göttliche Werk des Johannes giebt nichts weiter für unsere Zwecke her, außer Stellen, die, dem Sinne nach, dasselbe enthalten, und Fremdes durfte nicht eingeschaltet werden, weil ja Nichts diesen, den allererhabensten Schwung hat. Auch hat mich, wie wahrscheinlich Sie auch, die Erfahrung gelehrt, daß man unsre jetzigen, so leicht zerstreueten und von der Höhe gesteigerter Gefühle so leicht herabsinkenden Zuhörer sehr schwer und höchst selten, nach der Schwatz-Pause, wieder genugsam erheben und in der Erhebung festhalten kann. Indessen: muß es sein, so würden Sie angeben, daß und wo ein zweyter Theil beginnen kann. – Die Zeit der Dauer des Ganzen zu verlängern, haben Sie selbst in der Hand. So kann z. B. die zweyte große Scene, (ich habe die Scenen durch * unterschieden,) wenn Sie es wollen, eine Viertelstunde dauern, ohne ausgedehnt zu erscheinen; die Overtura kann lang ausgeführt werden; die zweyte Einleitungsmusik, (womit die zweyte Hauptabtheilung beginnt,) nach Verhältnis, auch nicht kurz etc. Übrigens werden Sie leicht bemerken, daß ich dem, was doch eigentlich den Gipfel unsrer Musik ausmacht – der vollendetsten Orchestermusik – Raum und Gelegenheit gegeben habe, so (auch für Ausmalung der innigsten, den Worten nicht mehr zugänglichen Gefühle) selbstständig aufzutreten, wie das in Gesangswerken noch nirgends geschehen ist; und Sie, mit Beethoven, doch ganz gewiß der größte Meister dieser Gattung,
werden damit zuverlässig die herrlichsten Wirkungen hervorbringen. Die Momente, die ich dafür gewählt, sind gut – ich darf das behaupten2; sie lassen auch zu, wahrhaft Neues zu sagen, selbst durch besondere Wahl und Anordnung der Instrumente. – Daß ich mir erlaubt habe, bei gewissen
Hauptstücken hinzuzusetzen, wie, durch wen, etc. ich mir sie musikalisch ausgeführt denke; das werden sie nicht mißdeuten, indem ich ausdrücklich versichere, daß mit allen diesen Zusätzen gar nichts gesagt seyn soll, außer eben: So denke ich mir’s! was nicht im Geringsten ausschließen soll, daß Sie sich das and jenes nicht anders und besser denken könnten. Es sind Vorschläge, und weiter nichts: Sie werden sie prüfen, und dann, nach Befinden, annehmen oder verbessern oder ganz verwerfen. Es ist nicht möglich, daß irgend Jemand mehr und williger die Rechte des Componisten anerkenne, als ich; und da ich hier mit einem Meister in Verbindung trete, den ich zugleich als denkenden und edlen Mann ehre: so kann mir die alberne Anmaßung, ihm Vorschriften bieten zu wollen, gar nicht einfallen.
Daß ich mich ungemein darauf freue, Sie im September vielleicht hier zu sehen, brauche ich nicht erst zu versichern. Möge Ihnen nur mein Text so gefallen, oder, was ich vielmehr sagen wollte, Ihr innerstes Wesen menschlich und künstlerisch so ansprechen, daß Sie dann gern sich darüber mit
mir unterhalten.

Mit aufrichtigster Hochachtung mich
Ew. Wohlgeb.
empfehlend,
Rochlitz.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Händel, Georg Friedrich : Der Messias
Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1825071836

http://bit.ly/2ah4ThP

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Rochlitz, 09.07.1825. Der nächste erhaltene Brief ist Rochlitz an Spohr, 01.11.1825, aus dem sich noch ein derzeit verschollener Brief von Spohr an Rochlitz erschließen lässt.

[1] „oder äußerlich Geschehende,” über der Zeile eingefügt.

[2] „behaupten” über einem unleserlich gestrichenen Wort eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.07.2016).

Leipzig, d. 18ten Jul. 25.

Ew. Wohlgeb.

haben mich durch Ihr Schreiben von mehr als einer Seite sehr erfreut. Zuerst und im Allgemeinen schon dadurch, da Sie mich in Ihnen über die ganze Gattung von Musik, wovon zwischen uns die Rede geworden, einen vollkommen Gleichgesinnten finden lassen; denn, eine einzige Bemerkung abgerechnet, (wovon hernach) sprechen Sie mir ganz aus der Seele und es kann kaum etwas erwünschter seyn, als, was unser Einer durch Nachdenken und Untersuchen gefunden hat, von einem genialen und erfahrenen Künstler auf seinem Wege gleichfalls gefunden zu erblicken und
damit die sicherste Bestätigung seiner Überzeugung zu empfangen. Jene Bemerkung betrifft die Wiederholung der Worte. Diese wichtige Sache scheint mir auf folgende Grundsatze zuruckzuführen: Alles, was historisch ist, – aber dies Wort im weitesten Sinne genommen, so, daß es nicht blos das Erzählende oder äußerlich Geschehende, sondern auch die nach und nach sich entwickelnden Gefühle anzeigt – das sollte nicht oder doch nur selten wiederholet werden: was aber ein allgemeiner Satz ist – nach alter Rede: ein Spruch – das bedarf der öftern Wiederholung. Und dies Letztere ist es auch, was sich zur contrapunktischen Behandlung eignet; wo dann die Forderungen der Rede- & der Tonkunst von selbst gar schon in Eins zusammenfallen: jeder feststehende Gedanke solch eines Spruches seine feststehende Melodie; beyde mit einander immer wiederkehrend, zu einem Ganzen, und immer enger verbunden, immer eindringlicher ans Herz gelegt und auch dem Verstande schärfer vorgehalten! Wenn demnach z.B. Händel im Messias aus den Worten: doch ließest Du ihn im Grabe nicht etc. eine Arie mit öftern Wiederholungen machte, so that er Unrecht, wenn er aber: Halleluja! Gott der Herr regiert allmächtig! oft wiederholete, so that er Recht. –
Im Besondern aber mußte mich ihre Annahme meines Erbietens erfreuen. Wahrlich, es wird da ein Werk zu Stande kommen, wie wir, für unsere Zeit und den jetzigen Stand der Musik, noch keines haben; ein Werk, das dafür dasselbe wird, was Händel's Oratorien für seine Zeit und den damaligen Stand der Musik waren; eben damit ein Werk, das, wie jene auch, selbst in der Folgezeit von entschiedenem Werthe bleibt und stets von neuem edlere Freude und wahre Erbauung gewahrt. Von dem Texte selbst, den ich beylege, will ich nur erwähnen, wozu Sie mir Gelegenheit geben und was sich zunächst daran schließt. Verlängern konnte ich ihn nicht, so gem
ich allen Ihren Wünschen mich fügte; denn das göttliche Werk des Johannes giebt nichts weiter für unsere Zwecke her, außer Stellen, die, dem Sinne nach, dasselbe enthalten, und Fremdes durfte nicht eingeschaltet werden, weil ja Nichts diesen, den allererhabensten Schwung hat. Auch hat mich, wie wahrscheinlich Sie auch, die Erfahrung gelehrt, daß man unsre jetzigen, so leicht zerstreueten und von der Höhe gesteigerter Gefühle so leicht herabsinkenden Zuhörer sehr schwer und höchst selten, nach der Schwatz-Pause, wieder genugsam erheben und in der Erhebung festhalten kann. – Die Zeit der Dauer des Ganzen zu verlängern, haben Sie selbst in der Hand. So kann z. B. die zweyte große Scene, (ich habe die Scenen durch * unterschieden,) wenn Sie es wollen, eine Viertelstunde dauern, ohne ausgedehnt zu erscheinen; die Overtura kann lang ausgeführt werden; die zweyte Einleitungsmusik, (womit die zweyte Hauptabtheilung beginnt,) nach Verhältnis, auch nicht kurz etc. Übrigens werden Sie leicht bemerken, daß ich dem, was doch eigentlich den Gipfel unsrer Musik ausmacht – der vollendetsten Orchestermusik – Raum und Gelegenheit gegeben habe, so (auch für Ausmalung der innigsten, den Worten nicht mehr zugänglichen Gefühle) selbstständig aufzutreten, wie das in Gesangswerken noch nirgends geschehen ist; und Sie, mit Beethoven, doch ganz gewiß der größte Meister dieser Gattung,
werden damit zuverlässig die herrlichsten Wirkungen hervorbringen. Die Momente, die ich dafür gewählt, sind gut – ich darf das behaupten; sie lassen auch zu, wahrhaft Neues zu sagen, selbst durch besondere Wahl und Anordnung der Instrumente. – Daß ich mir erlaubt habe, bei gewissen
Hauptstücken hinzuzusetzen, wie, durch wen, etc. ich mir sie musikalisch ausgeführt denke; das werden sie nicht mißdeuten, indem ich ausdrücklich versichere, daß mit allen diesen Zusätzen gar nichts gesagt seyn soll, außer eben: So denke ich mir’s! was nicht im Geringsten ausschließen soll, daß Sie sich das and jenes nicht anders und besser denken könnten. Es sind Vorschläge, und weiter nichts: Sie werden sie prüfen, und dann, nach Befinden, annehmen oder verbessern oder ganz verwerfen. Es ist nicht möglich, daß irgend Jemand mehr und williger die Rechte des Componisten anerkenne, als ich; und da ich hier mit einem Meister in Verbindung trete, den ich zugleich als denkenden und edlen Mann ehre: so kann mir die alberne Anmaßung, ihm Vorschriften bieten zu wollen, gar nicht einfallen.
Daß ich mich ungemein darauf freue, Sie im September vielleicht hier zu sehen, brauche ich nicht erst zu versichern. Möge Ihnen nur mein Text so gefallen, oder, was ich vielmehr sagen wollte, Ihr innerstes Wesen menschlich und künstlerisch so ansprechen, daß Sie dann gern sich darüber mit
mir unterhalten.

Mit aufrichtigster Hochachtung mich
Ew. Wohlgeb.
empfehlend,
Rochlitz.