Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,75
Druck: Eduard Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 84f. (teilweise)

Sr. Wohlgeb.
dem Herrn Wilhelm Speyer
in
Offenbach a/m


Cassel den 20sten
Februar 25.

Geliebter Freund,

Wie ich meinen letzten Brief an Sie abschickte, konnte ich nicht vermuthen, daß ich tags darauf eine förmliche Einladung von Spontini1 erhalten würde zur Direktion meiner Oper nach Berlin zu kommen. Daß ich dieser gefolgt bin und daß der Erfolg dieser Reise glänzender war wie der nach Leipzig, werden Sie nun wohl in den Berliner Löschpapierenen gelesen haben.2 Graf Brühl und Spontini wetteiferten sich mir gefällig zu zeigen und stellten sogleich für die Proben meiner Oper das sämtliche Personal durch einen Befehl unter meine Direktion.3 Hierin waren Ballettmeister, Regisseur, Chordirektor usw. mit einbegriffen, und Sie können sich nun denken wie ich in 8 Proben, die ich selbst geleitet habe, für das Gelingen der Aufführung wirken konnte. Die Besetzung war vortrefflich, ganz so wie ich sie früher gewünscht hatte. Vollkommen genügend gaben die Schulz, Seidler und Bader ihre Rollen. Der Chor, über 100 Personen stark, war vortrefflich. Das Orchester, ganz so stark wie bey Spontinischen Opern, hatte ich so eingehetzt, daß man behauptet, nie eine so exakte Aufführung in Berlin gehört zu haben. Das Publikum belohnte jede Nummer mit lebhaftem Beyfall. Der König, dem ich schon früher vorgestellt worden war, schickte während der Aufführung 2mal den Grafen Brühl zu mir, um mir schmeichelhaftes über mein Werk sagen zu lassen. Brühl wieß mir nach der Vorstellung das Honorar für die Oper mit 80 Friedrichs d’or an. – Tags nach der ersten Aufführung reisten wir wieder ab. (Meine Frau war nämlich mit.)
Seit 3 Tagen bin ich nun wieder hier und mache Proben von der neuen Oper.4 – Wir hoffen fest darauf, Sie zur Aufführung hier bei uns zu sehen und werden keine Entschuldigung gelten lassen. Wenn sie diesmal ausbleiben, so komme ich nie wieder nach Offenbach!
Meine Frau und Kinder gr[üßen Sie] herzlichst. Alle Details unseres [Ber]liner Aufenthalts wollen wir Ihnen mündlich erzählen. – Was Sie mir von Jessonda in Frankfurt schreiben, nimmt mich nicht wunder. Wenn eine Oper erst einmal dem Publikum verkehrt und schlecht vorgeführt ist, so kann sie sich nicht wieder erholen. Sie selbst werden erst die Überzeugung bekommen, daß Jessonda mein bestes Werk ist, wenn Sie sie erst einmal haben würdig darstellen sehen. – Bleiben Sie nur nicht aus, damit Sie von der neuen Oper wenigstens gleich einen guten ersten Eindruck bekommen. Adieu der Ihrige.



Dieser Brief ist die Antwort auf Speyer an Spohr, 04.02.1825. Speyers Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Vgl. Gaspare Spontini an Spohr, 20.01.1825.

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] Diese Briefstelle widerspricht Spohrs späterer, negativer Darstellung über die Umstände der Berliner Jessonda-Inszenierung (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 138f., Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 166ff.).

[4] Der Berggeist.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.02.2016).

Cassel, 20. Februar 1825.

Wie ich meinen letzten Brief an Sie abschickte, konnte ich nicht vermuten, daß ich tags darauf eine förmliche Einladung von Spontini erhalten würde, zur Direktion meiner Oper nach Berlin zu kommen. Daß ich dieser gefolgt bin und daß der Erfolg dieser Reise glänzender war wie der nach Leipzig, werden Sie nun wohl in den Berliner Löschpapierenen gelesen haben. Graf Brühl und Spontini wetteiferten, sich mir gefällig zu zeigen und stellten sogleich für die Proben meiner Oper das sämtliche Personal durch einen Befehl unter meine Direktion. Hierin waren Ballettmeister, Regisseur, Chordirektor usw. mit einbegriffen, und Sie können sich nun denken, wie ich in acht Proben, die ich selbst geleitet habe, für das Gelingen der Aufführung wirken konnte. Die Besetzung war vortrefflich, ganz so wie ich sie früher gewünscht hatte. Der Chor, über hundert Personen stark, war vortrefflich. Das Orchester, ganz so stark wie bei Spontinischen Opern, hatte ich so einstudiert, daß man behauptet hat, nie eine so exakte Aufführung in Berlin gehört zu haben. Das Publikum belohnte jede Nummer mit lebhaftem Beifall. Der König, dem ich schon früher vorgestellt worden war, schickte während der Aufführung zweimal den Grafen Brühl zu mir, um mir Schmeichelhaftes über mein Werk sagen zu lassen. Brühl wies mir nach der Vorstellung das Honorar für die Oper mit achtzig Friedrichsdor an. – Tags nach der ersten Aufführung reisten wir wieder ab.
Seit drei Tagen bin ich nun wieder hier und mache Proben von der neuen Oper. Wir hoffen fest darauf, Sie zur Aufführung hier bei uns zu sehen und werden keine Entschuldigung gelten lassen. Wenn sie diesmal ausbleiben, so komme ich nie wieder nach Offenbach.
Alle Details unseres Berliner Aufenthalts wollen wir Ihnen mündlich erzählen. – Was Sie mir von ,Jessonda’ in Frankfurt schreiben, nimmt mich nicht wunder. Wenn eine Oper erst einmal dem Publikum verkehrt und schlecht vorgeführt ist, so kann sie sich nicht wieder erholen. Sie selbst werden erst die Überzeugung bekommen, daß ,Jessonda’ mein bestes Werk ist, wenn Sie sie erst einmal haben würdig darstellen sehen. – Bleiben Sie nur nicht aus, damit Sie von der neuen Oper wenigstens gleich einen guten ersten Eindruck bekommen ...