Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,57
Druck: Eduard Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 72f. (teilweise)

Sr. Wohlgeb.
Herrn Wilhelm Speyer
in
Offenbach a/m

nebst einem Päckchen Musikalien in grauem Papier
gez. H.W.S


Cassel den 21sten Februar
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Geliebter Freund,

Beykommend übersende ich Ihnen die Partitur meines neuen Soloquartetts. Auf den ersten Blick scheint es leichter wie das in H moll; auch war es meine Absicht, es so zu machen. Bey längerem Studium finden sich aber beym Vortrag Schwierigkeiten die dort nicht vorhanden sind. Ich habe es hier in Gesellschaften wohl 4-5 mal gespielt und dann immer wieder studirt, ehe ich es mir zu danke vortragen konnte.
Sie wollen mein Urtheil über Euryanthe wissen? Das ist leicht gegeben. Ich finde die Oper weder besser noch schlechter wie den Freyschütz; schlechter allenfalls, weil sie noch mehr zusammengeflickt ist wie dieser und noch weniger natürlichen Fluß hat. Sehen Sie z.B. nur einmal die Cavatine der Euryanthe, Pag. 49 des Klavierauszugs, welcher holpericher Gesang und gleich im ersten Takt der 8ven Sprung! Dann im 3ten der Schluß auf einer Septime, die sich in der Singstimme nicht auflöst, auch im 11ten Takt! Dann in der 2ten Reihe der schleppende Baß bei der Auflösung nach g moll, u.s.w. u.s.w. So giebt es keine Seite, wo man nicht solche Ausstellungen machen könnte. Beim Freyschütz ist das freilich derselbe Fall und doch hat die Oper furore gemacht und sogar die Musikkenner auf eine Zeitlang verblüfft! Das lag aber hauptsächlich am Süjet und an der von ungewöhnlichen Umständen begünstigten Aufnahme in Berlin und Wien. Nun hat der Zauber aber aufgehört und die neue Oper wird in ihrem wahren Lichte gesehen werden. In Wien ist sie bereits beiseite gelegt. In einem Briefe von der Chezy an den Professor Wendt in Leipzig heißt es: „Da eine gute Mutter auch ihre ungeratenen Kinder im Todeskampfe nicht verlassen darf, so wohnte ich gestern der 8ten Aufführung der Euryanthe bei. Das Haus war etwa halb so gefüllt, wie vorgestern bei der 45sten Vorstellung der Libussa. pp. – Späteren Nachrichten zufolge ist die 9te Aufführung die letzte gewesen.
Wenn meine Oper nur zur Messe gegeben wird, so schadet es nicht, daß die Euryanthe vorausgeht. Unangenehm wäre es mir aber, wenn sie noch weiter hinausgeschoben würde. – Von Berlin weiß ich noch nichts bestimmtes. – Haben Sie Dank daß Sie meinen guten Ries1 so freundlich aufgenommen haben. Ist er noch dort, so bitte ich ihn herzlich zu grüßen.
An die lieben Ihrigen von uns allen die herzlichsten Grüße. Baldige Nachrichten von Ihnen entgegensehend

der Ihrige
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Chezy, Helmina von
Ries, Hubert
Wendt, Amadeus
Erwähnte Kompositionen: Kreutzer, Conradin : Libussa
Spohr, Louis : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 61
Spohr, Louis : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 68
Weber, Carl Maria von : Euryanthe
Weber, Carl Maria von : Der Freischütz
Erwähnte Orte: Berlin
Wien
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1824022102

http://bit.ly/1VrVN3a

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Speyer an Spohr, 14.02.1824, dessen Postweg sich mit dem von Spohr an Speyer 15.02.1824 überschnitt. Speyer beantwortete diesen Brief am 27.02.1824.

[1] Vgl. Spohrs Empfehlung für Hubert Ries an Speyer, 02.02.1824. Da Speyer Ries erst in seinem Antwortbrief erwähnt, lässt sich aus dieser Briefstelle vermutlich auch ein derzeit verschollener Brief von Ries an Spohr erschließen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.02.2016).

Cassel, 21. Februar 1824.

... Sie wollen mein Urteil über ,Euryanthe’ wissen? Das ist leicht gegeben. Ich finde die Oper weder besser noch schlechter wie den ,Freischütz’; schlechter allenfalls, weil sie noch mehr zusammengeflickt ist wie dieser und noch weniger natürlichen Fluß hat. Sehen Sie z.B. nur einmal die Cavatine der ,Euryanthe’, Pag. 49 des Klavierauszugs, an: welcher holperige Gesang und gleich im ersten Takt der 8ven Sprung! Dann im dritten der Schluß auf einer Septime, die sich in der Singstimme nicht auflöst, ebenso im elften Takt! Dann in der zweiten Reihe der schleppende Baß bei der Auflösung nach G-Moll, usw. So gibt es keine Seite, wo man nicht solche Ausstellungen machen könnte. Beim ,Freischütz’ ist das freilich derselbe Fall und doch hat die Oper furore gemacht und sogar die Musikkenner auf eine Zeitlang verblüfft! Das lag aber hauptsächlich am Sujet und an der von ungewöhnlichen Umständen begünstigten Aufnahme in Berlin und Wien. Nun hat der Zauber aber aufgehört und die neue Oper wird in ihrem wahren Lichte gesehen werden. In Wien ist sie bereits beiseite gelegt. In einem Briefe von der Chezy an den Professor Wendt in Leipzig heißt es: ,Da eine gute Mutter auch ihre ungeratenen Kinder im Todeskampfe nicht verlassen darf, so wohnte ich gestern der achten Aufführung der ,Euryanthe’ bei. Das Haus war etwa halb so gefüllt, wie vorgestern bei der fünfundvierzigsten Vorstellung der ,Libussa’. –
Späteren Nachrichten zufolge ist die neunte Aufführung die letzte gewesen ...