Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,24
Abschrift: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,25 (teilweise)
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 61f. (teilweise)

Herrn
Herrn Wilhelm Speyer
adr. Herren Pensa & Speyer
Frankfurt a/m


Paris den 16ten Januar
21.

Herzlich geliebter Freund,

Ihren lieben Brief habe ich gestern abend erhalten; ich beeile mich ihn zu beantworten. – Ihre Nachricht über Hoffmanns Abgang hat mich zwar nicht überrascht (denn daß er so nicht Direktor bleiben würde, sahe ich wohl bey meiner letzten Anwesenheit in Frankf.) doch daß er so bald abgehen würde, hätte ich nicht geglaubt. Mir ist sehr wahrscheinlich, daß die Comitée bereits einen andern engagirt hat, doch glaube ich kaum daß es Guhr sey, weil der an seiner Frau einen unangenehmen apendix hat. Solange Leers1 Mitglied der Direktion ist, wird sie auf mich nicht reflectiren, weil sie sich sonst ein dementi vor der ganzen Musik-Welt geben würde; eben so wenig kann ich einen annähernden Schritt thun, ob ich gleich nicht läugne, daß die Stelle in Frankf. wenn ich sie in Ruhe besitzen könnte, in meinen Augen einer jeden anderen vorzuziehen sey. Wollten Sie aber irgendeinen Schritt thun, der dahin führen könnte, doch ohne daß ich compromitirt würde, so würde ich das mit dank erkennen. Doch nochmals: es müßte ohne allen Auftrag von mir geschehen; denn um keinen Preis mögte ich, daß man sagen könnte, ich hätte mich um die Stelle beworben.
Mit meinen Geschäften hier geht es ziemlich gut.2 Mein erstes Debut war so brillant, wie ich es kaum gehofft hatte. Am vorigen Mittwoch den 10ten gab ich mit der Administration der großen Oper eine gemeinschaftliche Vorstellung im Theâtre Favart, bei der ich Kosten und Einnahmen mit ihr theilte. Ich war froh, dieß Arrangement, welches einem anderen nicht leicht zugestanden wird, machen zu können da ich mich nun um das Arrangement des Concerts gar nicht zu bekümmern brauchte und dadurch viel Zeit gewann die Merkwürdigkeiten von Paris zu sehen. Der Abend fing mit meinem Conzerte an und wurde mit dem gr. Ballet Clari beschlossen. Ich gab zum Anfang die Ouverture aus Alruna, 2tens Cavatine von Rossini, 3tens mein neues Violin-Concert, 4tens Duett von Rossini und zum Schluß mein Potpourri aus b mit Orchesterbegleitung. Das Orchester war auf der Bühne und ungewöhnlich stark besetzt. Schon die Ouvertüre wurde lebhaft beklatscht; nach dem ersten Solo des Violinkonzerts aber war der Jubel und das Bravo-Geschrey so groß, daß man von dem 2ten Tutti keine Note gehört hat. Und so war der Beyfall gesteigert bis zuletzt! Es gelang mir aber an dem Abend auch gut; die Geige war gut bezogen und ich hatte mich acht Tage vorher ungewöhnlich fleißig eingeübt. – Die Berichte in den Zeitungen über dieses erste Auftreten sind zwar auch größtenteils sehr günstig, doch nicht so unzweideutig, als der Beifall des Publikums.3 Ich hatte versäumt, den Redacteuren die Visite zu machen und ihnen Freybillette zu bringen, hauptsächlich, weil Viotti es meiner unwürdig hielt. Dieses Versäumnis haben sie tief empfunden, da es sich bis jetzt noch kein Concert-gebender Künstler zu schulden kommen ließ. Man merkt es allen den Berichten an, daß sie nur ungern loben; auch versäumen sie nicht, noch etwas anzuhängen, was das Lob wieder entkräften muß. So sagt der eine z. B. nachdem er mit eine Menge Vorzüge zugestanden hat; H. Spohr hat seinen großen Ruf bewährt, allein er würde wohlthun, eine Zeitlang hierzubleiben um von Baillot das Feuer und von Lafont die Grazie zu erlernen und seinen Landsleuten dann mitzuteilen. – Die französische Eitelkeit kann es überhaupt nicht ertragen wenn sie einem Fremden Vorzüge zugestehen muß.4
Da ich in diesem Monat das Théâtre Favart zu einem 2ten großen Concert nicht erhalten kann, weil die Sonntage die einzigen Tage wo nicht gespielt wird, bereits versagt sind, so werde ich vor unserer Abreise, die in den letzten Tagen dieses Monaths stattfinden wird, noch eine Soirée in einem Privathaus geben. Die[ß] ist auf Donnerstag den 25sten bestimmt. Der Eintrittsprei[s ist] 10 Franken. Angenehme Leute meiner Bekanntschaft [haben] es übernommen durch Subscriptions-Listen die nöthige Be[sucher] im Voraus unterzubringen und da ich faste keine Koste[n] haben werde, so kann der Gewinn bedeutend seyn.5
Da die Ph. Gesellschaft mir neuerdings keine weiteren Anträge gemacht hat, so habe ich die Reise nach London aufgegeben und werde von hier über Strasburg, Carlsruhe Würzburg, Coburg Gotha u.s.w. nach Gandersheim zurückkehren. – So habe ich auch die Idee: für das Französische Theater zu schreiben, aus Gründen die hier zu weitläufig zu entwickeln wären, ganz aufgegeben, obgleich ich weiß, daß ich ohne große Schwierigkeit ein Sujet zur Komposition erhalten würde. Sievers ist damit nicht zufrieden und meint, ich würde hier als Komponist eine Revolution bewirken können!6 – Doch davon in der Folge mehr. – Die Nachricht von dem Tode von Pensa's Kind hat uns sehr erschreckt. Wir nehmen den erheblichsten Antheil an dem Kummer der unglücklichen Eltern. – Von meiner Fr. und mir die herzlichsten Grüße an die Ihrigen. Leben Sie wohl. Ihr treuer Freund Louis Spohr.

Wir bitten Sie uns nach Strasburg poste restante zu schreiben, wo wir in den ersten Tagen des Februar eintreffen werden.



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Speyer an Spohr. Speyers Antwortbrief ist ebenfalls derzeit verschollen.

[1] Vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 57, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbst-Biographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 69.

[2] In seinem Brief vom 18.12.1820 berichtet Spohr, dass ein ausverkauftes Haus einen Gewinn von 2000 Franc bedeute. Offensichtlich war Spohrs Konzert später nicht ausverkauft: während Moscheles tatsächlich 2000 Francs erlöste, kam Spohr nur auf 700 (vgl. Conversationsblatt 3 (1821), S. 334). 

[3] Vgl. Journal des débats 14.01.1821, S. 3; Quotidienne 12.01.1821, S. 2 (auch zit. in: Hélène Cao, Louis Spohr ou Le don d'être heureux, Drize 2006, S. 66f.); Courrier des spectacles 12.01.1821, S. 2 (auch zit. in: Cao, ebd.); Timon, „Académie Royale de Musique. Concert de M. Spohr”, in: La Minerve littéraire 11.1 (1821), S. 526f.

[4] Speyer nahm diese Briefpassagen auf in: [Wilhelm Speyer], „Frankfurt am Main”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 23 (1821), Sp. 111-114, hier Sp. 113f. 

[5] Dagegen berichtete Moscheles in seinem Tagebuch: „Genug, er hat heute seine projectirte Abendunterhaltung wegen Mangel an Theilnahme aufgeben müssen, was mich wirklich verdriessst“ (zit. in: Charlotte Moscheles, Aus Moscheles' Leben. Nach Briefen und Tagebüchern, Bd. 1, Leipzig 1872, S. 40; vgl. Göthel in: Spohr, Lebenserinnerungen, Bd. 2, S. 246, Anm. 63).

[6] Zum Zusammentreffen von Spohr und Sievers in Paris ist bisher nur bekannt: G[eorg] L[udwig] P[eter] Sievers, „Musikalisches Allerley aus Paris, von den Monaten October, November und December, 1820”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 23 (1821), Sp. 81-93, hier Sp. 92f. 

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.02.2016).

Paris, 16. Januar 1821.

... Mit meinen Geschäften hier geht es ziemlich gut. Mein erstes Debut war so brillant, wie ich es kaum gehofft hatte. Am vorigen Mittwoch gab ich mit der Administration der großen Oper eine gemeinschaftliche Vorstellung im Théátre Favart, bei der ich Kosten und Einnahmen mit ihr teilte ...
Der Abend fing mit meinem Konzert an und wurde mit dem großen Ballet ,Clari’ beschlossen. Ich gab zum Anfang meine Ouvertüre zu ,Alruna’, 2. Ouvertüre von Rossini, 3. mein neues Violinkonzert, 4. Duett von Rossini und zum Schluß mein Potpourri in B-Dur, mit Orchesterbegleitung. Das Orchester war auf der Bühne und ungewöhnlich stark besetzt. Schon die Ouvertüre wurde lebhaft beklatscht; nach dem ersten Solo des Violinkonzerts aber war der Jubel und das Bravogeschrei so groß, daß man von dem zweiten Tutti keine Note gehört hat. Und so war der Beifall gesteigert bis zuletzt! Es gelang mir aber an dem Abend auch gut; die Geige war gut bezogen und ich hatte mich acht Tage vorher ungewöhnlich fleißig eingeübt. – Die Berichte in den Zeitungenüber dieses erste Auftreten sind zwar auch größtenteils sehr günstig, doch nicht so unzweideutig, als der Beifall des Publikums. Ich hatte versämt, den Redakteuren Visite zu machen und ihnen Freibillette zu bringen, hauptsächlich, weil Viotti es meiner unwürdig hielt. Dieses Versäumnis haben sie tief empfunden, da es sich bis jetzt noch kein konzertgebender Künstler zu schulden kommen ließ. Man merkt es allen den Berichten an, daß sie nur ungern loben; auch versäumen sie nicht, noch etwas anzuhängen, was das Lob wieder entkräften muß. So sagt der eine zum Beispiel, nachdem er mit eine Menge Vorzüge zugestanden hat:
,Herr Spohr hat einen großen Ruf bewährt, allein, er würde wohltun, eine Zeitlang hierzubleiben um von Baillog das Feuer, und von Lafond die Grazie zu erlernen und seinen Landsleuten dann mitzuteilen.’
Die französische Eitelkeit kann es überhaupt nicht ertragen wenn sie einem Fremden Vorzüge zugestehen muß. – Da ich in diesem Monat das Théâtre Favart zu einem zweiten großen Konzert nicht erhalten kann, so werde ich noch eine Soirée in einem Privathaus geben ...
Da die Philharmonische Gesellschaft mir neuerdings keine weiteren Anträge gemacht hat, so habe ich die Reise nach London aufgegeben und werde von hier über Straßburg etc., nach Gandersheim zurückkehren. So habe ich auch die Idee, für das Französische Theater zu schreiben, aus Gründen die hier zu weitläufig zu entwickeln wären, ganz aufrgegeben, obgleich ich weiß, daß ich ohne große Schwierigkeit ein Sujet zur Komposition erhalten würde. Sievers ist damit nicht zufrieden und meint, ich würde hier als Komponist eine Revolution bewirken können ...
Ihr treuer Freund,
Louis Spohr.