Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,19
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 58f. (teilweise)

Gandersheim den 22sten
Juli 1820.

Geliebter Freund,

Am 12ten dieses kamen wir hier glücklich an und fanden alles im besten Wohlseyn. Die Freude, die Unsrigen wiederzusehen, ließ uns bald alle Ermüdung der bey der großen Hitze sehr beschwerlichen Reise vergessen. Unsere Kinder fanden wir alle 3 sehr gewachsen, besonders Emilie. Mit ihren Fortschritten waren wir sehr zufrieden; sie haben den in der Musik größer gemacht als ich gehofft hatte. Ich glaube, daß besonders Ida als Sängerin sich mit auszeichnen wird, sie hat eine so volle und dabey klingende Stimme wie ich bey einem Kinde von ihrem Alter noch nie gehört habe.
Um nun unsere Pläne für die Zukunft mit wenig Worten zu erwähnen, so werden wir hier 3 Monate ruhig verweilen, dann nach Paris gehen, dort so lange bleiben, bis die Saison in London beginnt und dann noch einmal dort unser Glück versuchen. Sollte ich indessen ein für mich passendes Engagement finden, so würde ich dieß meiner Frau und Kinder wegen vorziehen.
Wir haben uns hier in einem Privathause eingemiethet um ruhiger als bey meinen Eltern, wo mehr Kinder sind, seyn zu können; gehen aber dort zu Tische und leben, wenn die Arbeitsstunden vorbey sind, recht gesellig zusammen. Ich habe von Braunschweig bereits ein neues Pianoforte kommen lassen welches ich meinen Kindern bey unserer Abreise schenken werde. Die erste Arbeit die ich hier versuche, war ein Aufsatz für die M.Z. über Londoner Musik Merkwürdigkeiten.1 Sie werden ihn in einer der nächsten Nummern lesen. Jetzt bin ich beschäftigt, ein schon in London angefangenes Pianofortequintett zu vollenden. Dann werde ich mir ein neues Violin-Conzert schreiben.2
Auch haben sich schon zwei Schüler eingefunden die während der 3 Monath hier verweilen werden, ein sehr talentvoller, bereits sehr weit fortgeschrittener, Eduard Grund aus Hamburg (Bruder des Komponisten) und einer dem ich schon in Frankfurt Unterricht gegeben habe, Gantzert aus Braunschweig. Den ersten haben sein Bruder und der junge Schwenke hieher begleitet und werden wohl noch 8 Tage hier verweilen. Mit diesen mache ich füglich Quartettmusik, die, da sie meine Sachen schon fast auswendig wissen, sehr genau zusammen geht. Damit haben wir hier (wo man nie gute Musik gehört hat) schon sehr glückliche Menschen gemacht.
Meine Londoner Sinfonie und das neue Piano-Quartett habe ich Peters zum Verlag angetragen.3 – Das neue Concert habe ich gesehen. Es ist damit etwas sonderbares begegnet: auf dem Titel der zuerst verschickten Exemplare steht: Ottimo Concerto (das beste!) Nachher ist es aber in Ottava Concerto abgeändert und man hat den Käufern der früheren Exemplare den verbesserten Titel nachgeliefert. Den späteren hätte das mir komischte Gelegenheit geben können sich an mir zu rächen!
Ihren Entschluß nach Offenbach zu gehen würde ich nur zu bekämpfen versucht haben wenn ich noch in Frankf. wohnte. Jetzt da ich ohnedieß von Ihnen getrennt leben muß ist es mir lieb Sie da zu wissen wo Sie am liebsten sind. Vielleicht wird uns die Freude zu theil Sie dort einmal besuchen zu können.
In Aachen gaben wir auf der Rückreise ein sehr besuchtes Concert. Außerdem haben wir uns nirgends aufgehalten.
Mein Bruder schreibt mir aus Berlin daß meine Oper bereits ausgeschrieben sey und nächstens einstudirt und gegeben werden solle.4 Was haben Sie denn zu der Leipziger Rezension5 gesagt? – Ich hatte in meinem Aufsatze mein Glaubens-Bekenntniß über den jetzt immer mehr einreißenden Geschmack an den verwässerichten Italiänischen Produkte niedergeschrieben und dem Leipziger Berichterstaater gelegentlich einige Hiebe mitgetheilt; allein ich habe alles wieder weggestrichen und will auch dieses Mal meinen festen Vorsatz: nie eine Autorkritik zu schreiben, nicht brechen. Wenn meine Opern was taugen, so werden sie diese Wasser-Periode überleben, ohne daß ich für sie kämpfe! Nun leben Sie wohl und erfreuen Sie mich bald mit einem Brief.
Herzliche Grüße an die Ihrigen u Hrn Pensa. Ihr L. Spohr.

NS. Indem ich diesen Brief zumachen will, kömt mein Vater und trägt mir an Sie und Ihr Haus die herzlichsten Grüße auf.



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Speyer, 04.07.1820. Speyer scheint diesen Brief nicht direkt beantwortet zu haben. Der nächste überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 26.09.1820.

[1] Louis Spohr, „Musikalische Notizen gesammelt von Louis Spohr während seines Aufenthaltes in London von Ende Februar bis Ende Juny 1820”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 22 (1820), Sp. 521-530. 

[2] Op. 55 (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 94, Text mit falscher Paginierung auch online; ders., Louis Spohr's Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 111).

[3] Vgl. Spohr an Carl Friedrich Peters, 16.07.1820.

[4] Dieser Brief von Ferdinand Spohr ist ebenso verschollen wie die noch von Altmann eingesehenen Akten des Theaters, aus denen dieser schloss, dass Zemire und Azor in Berlin nicht zu Annahme gelangte (Wilhelm Altmann, „Spohrs Beziehungen zur Generalintendantur der Königl. Schauspiele zu Berlin”, in: Neue Zeitschrift für Musik 100 (1904), S. 199-202, hier S. 199). 

[5] „Leipzig. Neujahr bis Ostern”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 22 (1820), Sp. 251-260, hier Sp. 251f. 

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.01.2016).

Gandersheim, 22. Juli 1820.

Am zwölften dieses kamen wir hier glücklich an und fanden alles im besten Wohlsein. Die Freude, die Unsrigen wiederzusehen, ließ uns bald alle Ermüdung der bei der großen Hitze sehr beschwerlichen Reise vergessen ... Um nun unsere Pläne für die Zukunft mit wenig Worten zu erwähnen, so werden wir hier drei Monate ruhig verweilen, dann nach Paris gehen, dort so lange bleiben, bis die Saison in London beginnt und dann noch einmal dort unser Glück versuchen. Sollte ich indessen ein für mich passendes Engagement finden, so würde ich dieses meiner Frau und Kinder wegen vorziehen ...
Jetzt bin ich beschäftigt, ein schon in London angefangenes Pianofortequintett zu vollenden. Dann werde ich mir en neues Violinkonzert schreiben ...
Was haben Sie denn zu der Leipziger Rezension gesagt? Ich hatte in meinem Aufsatz mein Glaubensbekenntnis über den jetzt immer mehr einreißenden Geschmack an den verwässerichten Italienischen Produkten niedergeschrieben und dem Leipziger Berichterstaater gelegentlich einige Hiebe mitgeteilt; allein ich habe alles wieder weggestrichen und will auch dieses Mal meinen festen Vorsatz, nie eine Autorkritik zu schreiben, nicht brechen. Wenn meine Opern etwas taugen, so werden sie diese Wasserperiode überleben, ohne daß ich für sie kämpfe! ...