Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,11
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 39f. (teilweise)

Herrn
Herrn Wilhelm Speyer
Neue Mainzergasse
zu
Frankfurt a/m


St. Goar, 19 Januar 18191

Geliebter Freund,

Ganz erfroren, doch mit der fröhlichen Perspektive auf eine warme Suppe, sitze ich hier hinter dem Ofen in der Lilie zu St. Goar2, 11 Meilen von Frankfurt und gedenke meines Versprechens, Ihnen unsere heutigen Reise-Abenteuer zu melden. Früher ließ es sich nicht thun, weil wir, von Ihnen mit Lebensmitteln reichlich versehen, den ganzen Tag den Wagen nicht verlassen haben. – Doch erst lassen Sie uns Ihnen und Ihrem ganzen Hause nochmals unseren herzlichen Dank für alle erzeigte Liebe und Freundschaft zurufen; nie werden wir die acht, so fröhlich verlebten Tage vergessen! Unsere Reise war bis jetzt ohne allen Unfall. Um 11 Uhr früher Vormittag kamen wir jenseits des Rheins an und fanden gleich eine Fähre zum Übersetzen: der Rhein war fast ganz mit großen Eis-Inseln bedeckt und es war sehr schwer, eine Durchfahrt zu finden. Auch wurden wir würklich auf halben Wege zwischen 2 große Eismassen eingeklemmt; unsere 4 Fährer arbeiteten uns aber mit Eisbrechern glücklich wieder los. Einige Stunden später hat sich der Rhein, wahrscheinlich bei Mainz, ebenfalls gesetzt, wie wir ihn bei Bingen und weiterhin völlig belegt gefunden haben, so daß man ohne Gefahr hinübergehen konnte. – Morgen abend gedenken wir in Bonn zu übernachten. Übermorgen vielleicht in Achen (sic!).
Unser Lebewohl an Ihre Fr. M[utter] haben sie doch ausgeliefert?
Mit herzlicher Liebe

der Ihrige
Louis Spohr.

NS. Ich schicke diesen Br. zu Frankfurt weil ich sonst fürchten müsste, daß es hier aus dem Haus nicht richtig besorgt wird.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Aachen
Bingen
Bonn
Mainz
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1820011902

http://bit.ly/1Sen0Xs

Spohr



Der letzte sicher überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 24.12.1819. Ein verschollener Brief Speyer an Spohr, Januar 1820 könnte sich mit diesem Brief überschnitten haben. Entweder jener oder Spohr an Speyer, 25.01.1820 ist der nächste überlieferte Brief.

[1] Hier liegt wohl ein Schreibfehler Spohrs vor, der zu Beginn des Jahres noch mit dem Vorjahr datiert.

[2] Vgl. Aloys Schreiber, Anleitung auf die nützlichste und genußvollste Art den Rhein von Schafhausen bis Holland, die Mosel von Coblenz bis Trier, und die Bäder am Taunus, so wie Aachen und Spaa zu bereisen [...], 2. Aufl. Heidelberg [1818], S. 177; Wilhelm Mila, Reise durch die preußischen Staaten. Ein Handbuch für Fremde und Einheimische zu Kenntniß der Natur- und Kunstmerkwürdigkeiten dieser Länder [...], Weimar 1821, S. 650.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.01.2016).

St. Goar, 19. Januar 1820

Ganz erfroren, doch mit der fröhlichen Perspektive auf eine warme Suppe, sitze ich hier hinter dem Ofen in der ,Lilie’, St. Goar, elf Meilen von Frankfurt und gedenke meines Versprechens, Ihnen unsere heutigen Reiseabenteuer zu melden. Früher ließ es sich nicht tun, weil wir, von Ihnen mit Lebensmitteln reichlich versehen, den ganzen Tag den Wagen nicht verlassen haben. - Doch erst lassen Sie uns Ihnen und Ihrem ganzen Hause nochmals unseren herzlichen Dank für alle erzeigte Liebe und Freundschaft zurufen; nie werden wir die acht so fröhlich verlebten Tage vergessen! Unsere Reise war bis jetzt ohne allen Unfall. Um elf Uhr heute vormittag kamen wir jenseits des Rheins an und fanden gleich eine Fähre zum Übersetzen. Der Rhein war fast ganz mit großen Eisinseln bedeckt, und es war sehr schwer, eine Durchfahrt zu finden. Auch wurden wir wirklich auf halben Wege zwischen zwei große Eismassen eingeklemmt; unsere vier Fährer arbeiteten uns aber mit Eisbrechern glücklich wieder los. Einige Stunden später hat sich der Rhein, wahrscheinlich bei Mainz, ebenfalls gesetzt, wie wir ihn bei Bingen und weiterhin völlig gelegt gefunden haben, so daß man ohne Gefahr hinübergehen konnte. - Morgen abend gedenken wir in Bonn zu übernachten. Übermorgen vielleicht in Aachen ...