Autograf: Universitätsbibliothek Leipzig (D-LEu), Sign. Slg. Kestner/I/C/II/410/Nr. 4

Sr. Wohlgeb.
Dem Herrn Professor Meissner
in
Bern.

Nebst einem
Paq. Musikalien.
d.G.


Wohlgeborner
Hochzuverehrender Herr Professor,

Indem ich Ihnen für Ihre gütige Besorgung meinen ergebensten Dank sage, bedauere ich nur Sie nochmals incommodiren zu müssen. Die Stimmen des Concerts sind, obgleich leserlich und korrekt geschrieben, doch leider sämtlich nicht zu gebrauchen, indem der Abschreiber es in etwas versehen hat, worauf ich zwar nicht aufmerksam gemacht habe; was sich aber im Grunde von selbst verstanden hätte. Man schreibt bey einem Gesang-Rezitativ die Singstimme in jede Orchesterstimme; so hätte in diesem Concert ebenfals beym Rezitativ die Prinzipalstimme in alle übrigen Stimmen hineingeschrieben werden müssen, damit die begleitenden, bey dem ganz willkührlichen Vortrag der Solostimme, nachlesen können. Ich ersuche Sie daher sämtliche Stimmen dieses Concerts noch einmal schreiben zu lassen mit Ausnahme der Prinzipalstimme und der beyden Ripienstimmen die ich zurückbehalten habe. Wollen Sie doch die Güte haben dem Abschreiber folgende Bemerkungen dabey zu machen.
„Drey“ Tacte vor dem Buchstaben B. müssen in allen Stimmen zwey Linien zusammen geklammert werden und auf die oberste die Prinzipalstimme unabgekürzt mit kleinen Noten schrieben werden. Dies dauert bis zum Buchstaben C wo es a tempo geht und um eine Linie nöthig ist. Von E. bis F. und von O. bis P. müssen aber ebenfalls wieder zwey Linien seyn. - In der ersten Violin muß auch die Cadenz auf der obern Linie vom Anfang bis zum Ende, Note für Note, auch dann nach, wenn das Orchester schon eingetreten ist, bis zum Tutti, geschrieben werden. In den übrigen Stimmen ist dieß, da die Cadenz a Tempo geht, nicht nöthig. [So eben sehe ich daß in der Contrabass-Stimme einmal 8 Takte ausgelassen sind, die er mit dem Violoncell gemeinschaftlich hat. Ich habe die Stelle bezeichnet. - Bey dem Potpourri müssen die Violoncell- und Contrabaß-Stimme auch eine jede besonders geschrieben werden.
Da ich kein Papier mehr habe, so wird der Abschreiber es dazu geben müssen.1 Zum Concert mögte ich aber wo möglich2 dasselbe Format haben, damit3 die neuen Stimmen zur Prinzipalstimme passen. -]4
Auch lege ich noch einen Pot-pourri5 bey, den ich ebenfals möge ausgeschrieben haben; es ist nichts dabey zu erinnern, als daß keine Ripienstimmen nöthig sind und daß ebenfals wie im Concerte die Buchstaben mit rother Dinte zu schreiben sind.
Indem ich nochmals um Verzeihung bitte daß ich Sie mit diesem Auftrage abermals belästige und mch Ihrer fernern Gewogenheit empfehlend habe ich die Ehre zu seyn

Ew. Wohlgeb.
ergebenster Diener
Louis Spohr.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Konzert in Form einer Gesangszene, Vl Orch, op. 47
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1816072017

http://bit.ly/2RXk9qa

Spohr



Dieser Brief ist derzeit der einzige ermittelte Brief einer ursprünglich wohl umfangreicheren Korrespondenz zwischen Spohr und Meisner: „Mit Kreutzer und Spohr stand Meisner sogar in Correspondenz, mit ersterem mehr in freundhscaftlichem, mit letzterem aber in ernstem und fleißig fortgeführten Briefwechsel“ (Fritz Meisner, „Karl August Friedrich Meisner, Professor in Bern. 1765-1825. Biographische Skizze“, in: Berner Taschenbuch (1865), S. 95-142, hier S. 140).

[1] Hier zwei(?) Buchstaben gestrichen.

[2] „wo möglich“ über der Zeile eingefügt.

[3] Hier gestrichen: „es“.

[4] Auf der dritten Briefseite eingefügt.

[5] Noch nicht ermittelt. Die beiden in Thierachern komponierten Potpourris für Violine und Klavier op. 42 und WoO 34 können nicht gemeint sein, da es sich hier offensichtlich um ein Werk mit Orchester handelt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.12.2018).