Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Druck: La Mara (= Pseud. für Marie Lipsius), Classisches und Romantisches aus der Tonwelt, Leipzig 1892, S. 125-129.

Gotha, den 15ten Aprill [18]11.

Nehmen Sie, mein verehrter Br[uder]1 meinen herzlichen Dank für das gütige Zutrauen, mit welchem Sie sich in Hinsicht Ihres Sohn’s an mich gewandt haben und seyen Sie versichert, daß ich es mir zur heiligsten Pflicht machen werde, ihn in meiner Kunst so weit zu bringen, wie es seine Talente und sein Fleiß nur erlauben.
Zuvörderst erlauben Sie mir aber einige Erinnerungen über seinen zu nehmenden Unterricht.
Der Unterricht im Violinspiel ist für jezt die Hauptsache und ihm muß er seine meiste Zeit widmen. Ich rechne ihm wöchentlich 4 Stunden zu geben, womit er eine eigene tägliche Uebung von 6 bis 7 Stunden verbinden muß. Nach diesem ist ihm nichts wichtiger als die Komposition. Ein Virtuose der im Stande ist sich seine Solosachen selbst zu schreiben, hat einen unendlichen Vortheil vor solchen, die es nicht können und lauter bekannte Sachen spielen müssen. Hierzu gehört nun eben nicht viel. Hat Ihr Sohn aber Erfindung (alles übrige läßt sich erlernen) so darf er dabey nicht stehen bleiben, sondern muß sich zum ausgezeichneten Komponisten bilden, welches freilich, bey Vorgängern wie Mozart, Haydn, Gluck und anderen, etwas mehr sagen will, - welches ihm aber nicht allein einen ausgebreitetern, sondern auch dauernden Ruhm verschaffen wird. — Da ich voraussetze, daß er die Anfangsgründe der Komposition, besonders die Regeln der Harmonie inne hat, so bestimme ich eine, höchstens zwey Stunden wöchentlich, um seine Sachen durchzusehn, und ihm durch Erklärung der Partituren berühmter Meister eine richtige Ansicht ihrer Größe und Eigenthümlichkeit zu geben. Zugleich werde ich ihn mit meiner eigenen Bildungsgeschichte in der Komposition bekannt machen, die für einen jungen angehenden Komponisten sehr lehrreich sein muß, da ich, ganz ohne Unterricht, durch unzählige verunglückte Versuche endlich dahin gekommen bin, wohin zwar andere mit leichterer Mühe, aber auch dann nicht mit der vielseitigen Ansicht gelangen. Dem Komponisten ist ferner fertiges Clavierspiel fast unentbehrlich,- ich rechne daher 2 Stunden wöchentlich Clavierunterricht den man hier gut und wohlfeil bekommen kann.
Was aber das Studium der alten Sprachen anbetrift, so bin ich mein verehrter Br[uder] darin nicht Ihrer Meinung. Was soll dem Künstler, der fast die Hälfte seiner Lebenszeit dem Studium des Mechanischen seiner Kunst widmen muß, dem Musiker besonders, der im Theoretischen wie im Practischen exceliren will, wozu er einen enormen Aufwand von Zeit gebraucht, was soll diesem das Studium der alten Sprachen, und wo will er die Zeit dazu herbekommen? Ich selbst zwar habe, bis in mein 16tes Jahr auf dem Collegium Carolinum2 in Braunschweig das Lateinische getrieben, aber nie einen andern Nutzen davon gehabt, als Erleichterung in Erlernung neuerer Sprachen (die dem Künstler unentbehrlich sind, besonders Französisch und Italiänisch.) und so viel wird Ihr Sohn gewiß schon wissen.
Überhaupt bin ich der Meinung daß man ja nicht zu viel auf einmahl treiben dürfe, um nicht eins über's andere zu versäumen. Wenn Ihr Sohn mit Eifer Violinspiel, Komposition, Clavierspiel und neuere Sprachen treibt, so wird er kaum dann und wann einen Augenblick zur Erhohlung finden.
Ich will jezt versuchen Ihnen eine möglichst genaue Berechnung der jährlichen Kosten zu geben:

Für meinen Unterricht
im Violinspiel 4 Stunden wöchentlich 104 Rth.
in der Komposition 1  "          "            26 Rth.
im Clavierspiel        2 "           "            20 Rth.
Für Wohnung (ich selbst werde ihm in meinem Hause eine große geräumige und helle Stube mit einem Bette und den nöthigen Moeublen geben können) und Aufwartung — eine Vergütung für die Magd nicht gerechnet . . . 36 Rth.
Für Mittagstisch in einem Speisehause, wo auch meine übrigen Schüler essen, wo allso eine anständige und gesittete Gesellschaft ist, durch die Bank jeden Tag 4 Sgr. 60 Rth. 20 Sgr.
Dazu müssen wir nun noch rechnen für Frühstück und Abendessen, Wäsche und
dergleichen, wenigstens 50 Rth.
macht in Summa 296 Rth. 20 Sgr.
Dieß übersteigt zwar in etwas die Summe die Sie ihm ausgesetzt haben, allein ich glaube nicht, daß er mit wenigerm wird auskommen können; doch wird er auch bey einer strengen Oeconomie, und wenn nicht außerordentliche Ausgaben für Kleidungsstücke u.d.g. dazu kommen, gewiß nicht viel mehr gebrauchen.
Was nun sein Überkommen betrifft, so wünschte ich sehr, daß er beym Frankenhäuser Concerte welches den 20sten und 21sten Juni3 stattfinden wird, gegenwärtig seyn könnte. Ich werde nicht nöthig haben, Ihnen von diesem Concerte erst eine Beschreibung zu machen, da Sie wahrscheinlich den Bericht des vorjährigen in öffentlichen Blättern gelesen haben.4 So viel sage ich Ihnen nur, daß dieser Künstlerverein einzig in der Welt ist, und daß er dieses Jahr noch durch mehrere ausgezeichnete Virtuosen aus Cassel und Weimar vermehrt werden wird. Den ersten Tag werden 2 Theile der Jahreszeiten und ein Theil des Händelschen Messias, den 2ten Tag ein großes Concert nach folgender Einrichtung gegeben werden: Große Sinfonie von mir, (so eben beendigt und für dieses Personale und Locale geschrieben und berechnet) Arie, gesungen von Stromeier aus Weimar. Oboe Concert, komp. und gebl. von Tourner aus Cassel. Pause. Violinconcert von mir. Arie, gesungen von Dem. Schicht5 aus Leipzig. Variat. für Clarinette von mir, gebl. von Hermstädt. Hymne von Mozart. — Sie glauben nicht, wie nützlich es für einen jungen Künstler ist, so viel ausgezeichnete Männer auf einmahl kennen zu lernen, und welch ein Sporn zu eigenem Fleiße das werden muß.
Zwar gehe ich nach dem Frankenhäuser Concerte noch auf 4 Wochen nach Pyrmont; da ich aber Ihrem Sohne vorher einigen Unterricht geben würde und ihn auf das, was ihm hauptsächlich fehlt, vorher aufmerksam machen kann, so wird er die Zeit meiner Abwesenheit nicht ohne Nutzen hinbringen. Auch werde ich dann Gotha sobald nicht wieder verlassen. —
Sollte es Ihnen möglich seyn Ihren Sohn nach Frankenhausen zu begleiten, so würde ich eine unendliche Freude haben, in Ihnen einen würdigen und geliebten Br[uder] kennen zu lernen.
Mit Hochachtung und Br[uder] Liebe,

Ihr treuverbundener Louis Spohr.

N.S. Hermstädt ist bereits von mir proponirt6 worden.



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Johann Gottlob Hauptmann an Spohr. Der nächste überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Johann Gottlob Hauptmann, 22.03.1812.

[1] In diesem Fall freimaurerische Anrede (vgl. den Kommentar im Druck).

[2] Spohr selbst spricht in seinen Lebenserinnerungen von einem Besuch an der „Katharinenschule“ (Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 158f., Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 1, Kassel und Göttingen 1861, S. 6). Roland Dürre erklärt ohne irgendwelche Quellenangaben diese unterschiedlichen Angaben, Spohr sei als Schüler des Katharineums gleichzeitig als sogenannter „Semi-Caroliner“ auch Schüler des Collegium Carolinums gewesen (Louis Spohr und die „Kasseler Schule“. Das pädagogische Wirken des Komponisten, Geigenvirtuosen und Dirigenten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Phil. Diss. Magdeburg 2004, S. 54f.). Ich halte einen Lesefehler der Herausgeberin La Mara für wahrscheinlicher und dass Spohr nicht „Collegium Carolineum“, sondern „Collegium Catharineum“ schrieb.

[3] Der Termin war nicht der 20. und 21.06., sondern der 10. und 11.07.1811 (vgl. „Musikfest in Frankenhausen“, in: Journal des Luxus und der Moden (1811), S. 588ff.), nachdem er verschoben werden musste (vgl. Spohr an Ambrosius Kühnel, 18.05.1811).

[4] Z.B. E[rnst] L[udwig] Gerber, „Nachricht von einem in Thüringen seltenen Musikfeste“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 12 (1810), Sp. 745-758).

[5] Henriette Wilhelmine Schicht, später verheiratete Weiße.

[6] proponieren = vortragen, vorstellen, vorschlagen (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter entstellenden fremden Ausdrücke, zu deren Verstehn und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 379). Am 08.04.1811 schlug Spohr den Klarinettisten Johann Simon Hermstedt zur Aufnahme in die Freimaurerloge Ernst zum Kompaß in Gotha vor; die Aufnahme erfolgte am 05.08.1811 (Philippe A. Autexier, Lyra Latomorum. Das erste deutsche Freimaurerliederbuch. Masonica über Haydn Mozart Spohr Liszt, unveröffentlichtes Manuskript, als pdf-Dokument auf den Seiten von www.netzwerk-freimaurerforschung.de, S. 321f.).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (17.03.2017).