Autograf: Schottenstift, Musikarchiv - Bibliothek der Benediktinerabtei Unser Lieben Frauen zu den Schotten Wien (A-Ws), Sign. Autographenalbum des Johann Vesque von Püttlingen Nr. 69

Des
Herrn Keller. Markgräflich
Badensischer Rath.
Wohlgeb.
in
Petershausen bey
Konstanz am Bodensee.


Gotha den 26sten Dec.
8.

Geliebtester Freund,

Zürnen Sie nicht, daß ich Ihren mir so werthen Brief vom 21ten Juni erst jetzt am Schlusse des Jahres beantworte, und seyn Sie versichert, daß ich troz dem, sehr oft an Sie und an die frohen Stunden zurück gedacht habe, die ich hier in Ihrer Gesellschaft verlebte. Hören Sie die Ursache dieser Verzögerung und verzeihen Sie mir gütigst.
Sie wissen, daß ich mich schon damals wie Sie bey uns waren, mit dem Plan trug eine große Oper zu schreiben und daß es mir nur an einem Sujet fehlte, um sogleich die Arbeit anzufangen. Sie werden sich ferner erinnern, daß Sie die Güte hatten bey Göthe‘n einen Versuch zu machen, ob er mir nicht eine Oper schreiben wolle.1 Hierauf stüzte ich meine Bitte an ihn, wie ich im Herbst bey‘m Anfang unserer musikalischen nach Weimar kam. Allein, ob er mich gleich äußerst höflich2 sogar freundschaftlich (nach seiner Art nemlich) aufnahm, so wollte er sich doch zu einer solchen Arbeit nicht bequemen.3 Ich ließ es nun mein angelegentlichstes Geschäft seyn in allen Städten die wir besuchten, gleich den Musikern auch die Dichter und schönen Gei[ster] aufzusuchen, um wo möglich einen für meinen Plan zu gewinnen. Es wurden mir auch v[on] allen Seiten Sujets zugeschickt; ich fand abe[r] keines meinen Wünschen entsprechend. Endlich f[iel] mir in Augsburg, wie mich die Langeweile [in] einen Bücherladen trieb, ein uralter [???]4 [in] die Hände, in dem ich ein altdeutsches Vol[ks]märchen fand, das mir zu einem Opernsuje[t] sehr passend schien. Ich machte einen Ausz[ug] aus dem Buche und benuzte nachher meine w[en]igen Stunden eine Oper daraus zu formen; ic[h] theilte es in Acte und Scenen ein, und [achtete](?) besonders auf günstige Momente für den [Kom]ponisten. Wie ich nun wieder hieher kam, s[o] suchte ich mir einen Dichter, der es mir v[er]sificirte und dialogisirte, und fand ihn ba[ld] in einem von meinen Freunden.5 Er machte [sich] sogleich an die Arbeit und lieferte mir b[ald] die ersten Blätter. Nun fing auch ich an, [und] so arbeiteten wir fort bis vor 14 Tagen, [wo] das ganze Werk beendigt war. Der Titel [ist](?): Alruna, romanische Oper in 3 Aufzügen. [Am] 20sten Januar wird sie zum erstenmahle in W[eimar] gegeben6 und dann werden Sie sie7 warscheinlich in irgen[d] einem öffentlichen Blatte8 recensirt finden.
Diese erste Aufführung soll mich9 belehren, ob ich sie zurücknehmen muß oder ob ich sie auf andre Theater bringen darf.10
So eben werden bey Kühnel in Leipzig 2 neue Violin-Quartetten von mir11 gestochen, und ich habe mir d[ie] Freiheit genommen sie Ihnen zu dediciren, und bitte Sie, diese Dedication als ein Zeichen meiner innigsten Liebe und Achtung gütigst aufzunehmen.
Diese Quartetten hatte ich gleich nach meiner Zurückkunft an Kühnel verkauft, und sie ihm bald möglichst zu schicken versprochen. Da ich aber einmahl die Oper angefangen hatte, so war es mir ganz ohnmöglich mich loßzureißen und das 2te Quartett zu beendigen, und ich konnte sie ihm daher erst kürzlich überschicken. Diese Verzögerung hat Herr Kühnel benuzt, mir einen impertinenten Br[ief] zu schreiben12, den ihm nur seine gemeine Judenseele dictiren konnte, und in welchen er alle Achtung die er mir als Künstler schuldig ist, aus den Augen gesezt hat. Ich habe ihm daher allen Verkehr aufgekündigt und er soll13 nie wieder eine Note von mir bekommen. Dieser Bruch veranlast mich aber zu einer Bitte an Sie. Außer Kühnel war Simrock in Bonn noch mein Verleger. Dieser kann aber ohnmöglich alle meine14 Sachen allein verlegen, und hat in diesem Augenblick auch noch mehrere Manuscripte von mir. Ich wünschte daher einige meiner neuesten Kompositionen an Nägeli in Zürich zu geben, und ersuche Sie15 mit ihm in meinen Nahmen zu unterhandeln16, was Ihnen wegen der Nähe viel leichter wie mir werden wird. Ich wünschte nemlich zu wissen, ob er 1. überhaupt gesonnen wäre etwas von mir zu verlegen, und 2.) welc[he] Sachen er von nachstehenden am liebsten17 haben mögte. Um alles hinundher Schreiben zu vermeiden18 setze ich den Preis für die M[a]nuscripte bey, den ich aber in Betracht der jezigen, für Verleger ungünstigen Zeiten, sehr herabgesezt habe, und von dem ich folglich nichts abdingen lasse.

1.) Ein Violin-Concert es dur19. Es ist das 5te, was jetzt gestochen werden soll.) - 50 Rth in Go[ld.]
2.) Concertante für 2 Violinen a dur20 (Im Frühjahr komp[onirt] und zum erstenmahle mit Hildebrand[t] bey Hofe gespielt.)21 - 50. in G.
3.) Potpourri b dur22 mit Begleitung von 4 Saiteninstrumenten23 (der nemliche dessen Sie in Ihrem Briefe erwehnen) – 25. in [G.]
4.) Potpourri g dur24 mit Begleitung des ganzen Orcheste[rs]25 (auf der Reise kompon., und zum ersten mahle in Karlsruhe, aber mit hrzlich schlechtem Accompagnement gespielt) – 25 Rth in G.
5.) Die Ouverture aus meiner Oper es dur26 (eine Fuge, im Zuschnitt wie die aus der Zauberflöte, aber nicht gestohlen. Dieß ist die von meinen Kompositionen auf die ich mir das meiste einbilde.) - 30 Rth. in G.

Wollten Sie allso wohl die Güte haben, diese Angelegenheit für mich gefälligst zu besorgen, und mir27 dann das Resultat schreiben? - Sehr oft wollen die Verleger Musikalien statt baarer Bezahlung geben; darauf kann ich mich aber nicht einlassen, weil ich alle Musik, die ich gebrauche, vom Hofe angeschafft bekomme.
Die nächste musikalische Reise die ich in Begleitung meiner Frau wieder28 mache, soll in Ihre Gegenden gehen, und ich wünschte dann wohl einige Sommermonathe in Ihrer Nähe zu wohnen, um Ihres Umgangs genießen, und an Ihrer Hand die schönsten Parthien der Schweiz besuchen zu können. Das sollte ein Künstlerben seyn!! Da ich zugleich Paris und das südliche Frankreich auf dieser Reise besuchen mögte, so würden Sie mich verbinden, wenn Sie mir Ihre Ideen über die zweckmäßigste29 Einrich[tung] dieser Reise in Ihrem nächsten Briefe mittheilten.
Meine Frau ist vor einigen Monat[hen] wieder niedergekommen und ich bin nun Vate[r] von 2 gesunden Mädchen. Da Sie Ihrem B[rief] nach, jezt30 höchst warscheinlich auch schon Ehemann sind, so empfangen Sie meinen so wie m[einer] Frau herzlichsten Glückwunsch.
Im Frühjahr erhielt ich einen Ruf [als] Concertmeister nach Stockholm31, den ich b[ey]nahe angenommen hätte. Bey der jezigen Lage von Schweden, bin ich aber sehr froh es nicht gethan zu haben.
Leben Sie wohl geliebtester Freund [und] erhalten Sie mir immer Ihr so schätzbar[es] Andenken. Ewig

der Ihrige
Louis Spohr.



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Keller an Spohr, 21.06.1808. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Keller an Spohr, 23.05.1824.

[1] Keller suchte Goethe am 10.05.1807 in Weimar auf (vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Tagebucheintrag 10.05.1807, in: ders., Tagebücher, Bd. 1, 1770-1810, hrsg. v. Gerhart Baumann, Stuttgart 1957, S. 725).

[2] Hier ein Wort gestrichen.

[3] Vgl. die knappe Bemerkung zu Spohrs Weimar-Aufenthalt in Goethe, Tagebucheintrag 20.10.1807, in: ebd., S. 779f.

[4] Noch nicht ermittelt.

[5] Dies widerspricht Spohrs späterer Darstellung, derzufolge ihm „ein junger Dichter, ein Kandidat der Theologie, der in Gotha seiner Anstellung harrte, eine von ihm gedichtete Oper zur Komposition“ antrug (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 1, S. 115, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 1, Kassel und Göttingen 1860, S. 124).

[6] Wegen eines fehlenden Tenors wurde die Oper verschoben (vgl. Spohr an Karl Stromeyer, 04.01.1809).

[7] „sie“ über der Zeile eingefügt.

[8] Hier ein Wort gestrichen.

[9] Hier ein Wort gestrichen („nun“?).

[10] In seinen Lebenserinnerungen berichtet Spohr von einer Probe im Beisein Goethes, nach der er trotz großen Lobs für seine Musik Alruna zurückzog (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 1, S. 115f., Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 1, Kassel und Göttingen 1860, S. 125f.). Da Spohr sich bereits bei der Darstellung seines Librettisten täuschte (vgl. Anm. 5), ist diese Quelle auch hier wohl nicht vertrauenswürdig. Der angeblich anwesende Goethe hat dies zumindest nicht in seinem Tagebuch vermerkt.

[11] „von mir“ über der Zeile eingefügt.

[12] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[13] Hier ein Wort gestrichen (vermutlich „mir“, „nie“ oder „ein“).

[14] „meine“ über der Zeile eingefügt.

[15] Hier zwei Wörter gestrichen („in mei“?).

[16] Von den im Folgenden angebotenen Kompositionen verlegte Nägeli nur das Violinkonzert op. 17. Folker Göthel merkt hierzu an: „Auf welche Weise es zu dieser Verlagsverbindung gekommen war, ist bisher nicht festzustellen“ (Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 31).

[17] Hier gestrichen: „zu“.

[18] Hier gestrichen: „sezte“.

[19] „es dur“ über der Zeile eingefügt.

[20] „a dur“ über der Zeile eingefügt.

[21] Vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 1, S. 110f., Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 1, Kassel und Göttingen 1860, S. 119f.

[22] „b dur“ über der Zeile eingefügt.

[23] Op. 22.

[24] „g dur“ über der Zeile eingefügt.

[25] Op. 23.

[26] „es dur“ über der Zeile eingefügt.

[27] „mir“ über der Zeile eingefügt.

[28] „Begleitung meiner Frau wieder“ über der Zeile eingefügt.

[29] Hier gestrichen: „Art“.

[30] „jezt“ über der Zeile eingefügt.

[31] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.05.2017).