Autograf: Beethoven-Haus Bonn (D-BNba), Sign. NE 241,1

Carlsruhe den 21sten
Februar 8.

P. P.1

Ihr sehr schäzbares Schreiben vom 14ten Jenner hat mir Fränzl hieher nachgeschickt. Ich danke Ihnen daß Sie die Herausgabe der Sachen meinen Wünschen gemäß beschleunigt haben; jezt wird wohl alles fertig seyn. Schicken Sie mir doch von allen 3 Werken2 Exemplare nach München und hieher; sowohl dort wie hier hat man Bestellungen bey mir gemacht.
Auf Ihre Rüge wegen der für eine Ouverture zu schweren Violinpassagen erlauben Sie mir Ihnen folgendes zu antworten: ich könnte mich leicht auf andere Komponisten berufen, z.B. Beethoven noch mehr aber Cherubini, die in ihren Ouverturen oft noch schwerere Violinpassagen geschrieben haben, das glaube ich bey der meinigen aber nicht einmahl nöthig zu haben, indem die Stellen von einem jeden nur einigermaßen bewanderten Ripienogeiger, wenn er sie ein oder zweyaahl durchspielen kann, leicht [begri]ffen werden können. Und da diese Ouverture, die [im E]nsemble weit schwerer wie einzeln ist, doch wohl nie ohne Probe gemacht werden wird, so werden die benannten Stellen auch nicht leicht einen Geiger in Verlegenheit sezen; wie ich das auch selbst erfahren habe, indem ich diese Ouverture in Regensburg, und hier3 recht gut gehört habe. In Leipzig4, Dresden, Prag5 und München ging sie sogar bey der ersten Probe schon recht gut.
Wenn Sie Gelegenheit finden sie einmahl zu machen, so werden Sie sich selbst überzeugen, daß diese Stellen, ohne der Wirkung des ganzen zu schaden, nicht gut mit andern vertauscht werden konnten.
Nehmen Sie meinen herzlichsten Dank für Ihre freundschaftliche Einladung. Leider werde ich mir wohl das Vergnügen Sie persönlich kennen zu lernen versagen müssen, indem meine Frau aus Sehnsucht nach ihrem Kinde das Heimweh bekommen hat6, und wir nun so sehr wie möglich nach Hause eilen. Wir werden uns nur noch 8 Tage in Darmstadt und etwa 14 Tage in Frankfurth aufhalten. Übermorgen werden wir nach dem erstern und 8 Tage später nach dem letztern abreisen. Mit Achtung

Ihr
ergebenster Diener
Louis Spohr

NS. Schicken Sie mir gefälligst einige Exemplare von allen 3 Werken nach Frankfurth unter der Adresse von Geil & [Hed]ler7 und ziehen Sie den Betrag dafür von der Anweisung ab. Ich mögte das Concert gern in Frankfurth spielen und besitze nicht einmahl eine Abschrift davon, indem ich Ihnen die meinige geschickt habe.

Erwähnte Personen: Beethoven, Ludwig van
Cherubini, Luigi
Fränzl, Ferdinand
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 10
Spohr, Louis : Ouvertüren, op. 12
Spohr, Louis : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 11
Erwähnte Orte: Darmstadt
Dresden
Frankfurt am Main
Leipzig
München
Prag
Regensburg
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1808022121

http://bit.ly/1QxdOOL

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Simrock an Spohr, 14.01.1808. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Simrock, 26.03.1808.

[1] Links oben über der abgekürzten Anrede findet sich von anderer Hand die Notiz „beantw.“, sowie (von wieder anderer Hand?) die Zahl „151.“. – Die Zuschreibung des Empfängers als Nikolaus Simrock ergibt sich einerseits aus der Provenienz aus dem Konvolut von Briefen Spohrs an den Verlag Simrock (vgl. Opac des Beethoven-Haus Bonn), andererseits aus dem Inhalt.

[2] Anfang 1808 erschienen bei Simrock das Konzert für Violine op. 10, das Streichquartett op. 11 und die Ouvertüre op. 12.

[3] Über die Aufführung am 19.02.1808 heißt es: „Es begann mit einer Ouvertüre, die so still-feierlich, wie eine Himmlische, sich dem Gemüth nahte, es – nicht ergriff, (so unrein wurde nicht verfahren) aber umschlang, durchdrang, sich seiner bemächtigte” („Aus Karlsruhe”, in: Zeitung für die elegante Welt 8 (1808), Sp. 287f., hier Sp. 288).

[4] Zumindest in Leipzig erklang am 27.10.1807 nicht die Ouvertüre op. 12, sondern die Simrock erst im Brief vom 26.03.1808 angebotene Ouvertüre zu Die Prüfung: „Die Ouverture, ursprünglich zu einer noch nicht bekannt gemachten Oper geschrieben, ist heiter und klar, aber doch mit guter Kunst gearbeitet; sie kann sich mit Ehren neben seinen beliebtesten und besten zu deutschen komischen Opern zeigen.” („Leipzig”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 10 (1808), Sp. 90f., hier Sp. 90).

[5] „Seine Ouvertüre, mit welcher er das Konzert eröffnete, ist sehr originell, und enthält viele einzelne Schönheiten, besonders auch in der Bassführung; da sie jedoch in ihrer innern Organisation viel Aehnlichkeit mit einem großen Chore hat, so ist es nicht leicht, und wäre auch nicht bescheiden, nach einmaligem Hören ein entscheidendes Urtheil über sie auszusprechen” („Prag, d. 24sten Jan.”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 10 (1808), Sp. 311-316, hier Sp. 315).

[6] „Nach einem schmerzlichen Abschiede von unserm Kinde, welches die Schwiegermutter in Pflege nahm, traten wir unsre Reise in der Mitte des Oktober an” (Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 1, S. 102, Text mit fehlerhafter Pagnierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbst-Biographie, Bd. 1, Kassel und Göttingen 1860, S. 109).

[7] Vermutlich „Gayl und Hedler, in der Weißadlergasse, No. 14., in Rheinweinessig und Kupferdruckerschwärze eigener Fabrik; haben ein großes Lager von Musikalien der vorzüglichsten deutschen, englischen, französischen, holländischen und italienischen Verlagshandlungen” (Handlungs-Addreß-Kalender von Frankfurt am Main auf das Jahr 1807, Frankfurt a.M. 1807, S. 11).

Kommentar und Verschlagwortung, sofern in den Anmerkungen nicht anders vermerkt: Wolfram Boder (11.12.2014).