Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Druck 1: Herfried Homburg, „Louis Spohr und die Bach-Renaissance”, in: Bach-Jahrbuch 47 (1960), S. 65-82, hier S. 70 (teilweise)
Druck 2: Angelika Horstmann, Untersuchungen zur Brahms-Rezeption der Jahre 1860-1880 (= Schriftenreihe zur Musik 24), Hamburg 1986, S. 291f. (teilweise)
Druck 3: Siegfried Kross, Johannes Brahms. Versuch einer kritischen Dokumentar-Biographie, Bd. 1, Bonn 1997, S. 283 (teilweise)
Druck 4: Dieter Boeck, Johannes Brahms. Lebensbericht mit Bildern und Dokumenten, Kassel 1998, S. 109 (teilweise)  
Druck 5: Martin Geck, Johannes Brahms, Reinbek bei Hamburg 2013, S. 37f. (teilweise)

Catlenburg am 26. Januar 1859.

Innigst verehrtester Freund! 

Mit unaussprechlicher Freude haben wir aus Ihrem bei meiner Rückehr von Hannover hier vorgefundenen lieben Schreiben vom 25sten d. M. Ihr so sehnlich erhofftes bereits wieder namhaft besseres Befinden ersehen! – Auch der so tief empfindende brave August, dem Ihr liebes Schreiben noch heute zugeht, wird sich unendlich darob freuen, wie auch durch seine Mittheilung die weiteren Kreise Ihrer auch dasigen so zahlreichen warmen Verehrer! – Besonders der qualvolle Zustand, des Nachts, statt der Bettruhe, im Lehnstuhle sitzen bleiben zu müssen, gieng uns allen so unaussprechlich zu Herzen! – 
Ohne ein Arzt zu sein erlaube ich mir aber nach so langjährigen genauren Beobachtungen des eigenen Körpers nochmahls, als eine Hauptunterstützung erquickenden Schlafes das consequente Verzichten auf alles Abendessen dringend zu empfeheln!! 
In dem jetzt 3t Abonnements-Concerte interessirte mich besonders das, die erste Abtheilung schließende, Finale des 2ten Actes des Don Juan, in vortrefflichster Ausführung Der wohl allgemeine Bühnen-Gebrauch, dieses Finale bei den Aufführungen dieser unverwelklichen Oper wegzulassen, ist musicalisch wahrlich in hohem Grade zu bedauern! – und wenn man glaubt, daß durch dasselbe noch nach der effectvollen Catastrophe des vielfachen Sünders aber der Total-Effect des ganzen Werkes theatralisch geschwächt werden mögte: so sollte man wenigstens öfter und allgemeiner dieses wunderherrliche Sextett in Concerten zu Gehör bringen! – 
Auch folgte der Eurianthe-Ouvertüre bereits eine Arie aus „Titus“, vortrefflich vorgetragen von Frau Nimbs, bei deren vollem Reitze mich gleichwohl frappirte, wie der Orchester-Zuschnitt und die weiteren Begleitungsformel1 im Vergleich zu der lebendigen Frische des Don Juan etwas kindlich – nein – veraltetes haben; was mich vermuthen läßt, daß „Titus“ früher als „Don Juan“ geschrieben ist, und daher einer noch jungen, unentwickelteren Lebensepoche des unsterblichen Sängers angehört – ! – 
Mitten zwischen diese beiden, das wundeste Herz nothwendig erquickenden, bey allem Harmonie-Reichthum des Sextetts durchweg so befriedigend klaren Tondichtungen war im schärfsten Contrast des Zukunfts-Jüngers Brahms großes Piano-Concert gestellt, von ihm, wohl selbst unläugbar vortrefflich vorgetragen
Gleich das einleitende Orchester-Maestoso gehört dem tiefsten Weltschmerz mit gewitter-gewaltigen Ausbrüchen aufgeregter Leidenschaften an; bleibt aber doch verständlich und spannend, was diese partituritio montio2 bringen werde! Das übrige traumartig bunte Gauckelspiel blieb in der Probe, vereinzelte sehr schöne melodische Zwischenmomente abgerechnet, mir vollkommen unverständlich. Abends im gefüllten Saale wurde bei ununterbrochen größter und fast qualvoller Anstrengung des äußeren und inneren Ohres das erste Allegro und das Schlußrondo mir etwas verständlicher; aber das Adagio war und blieb mir trotz aller Anstrengung gleich unverständlich und oft haarsträubend widerwärtig klingend. Mein seeliger Doktor Forkel pflegte mir zu sagen, wenn mir das in jungen Jahren vorzüglich bei Friedemannn Bach’s Klavier-Compositionen wohl so ging: „Da müssen erst ganz neue Ohrengänge sich Ihnen noch aufschließen, um die Tiefe und Schönheit der Composition erfassen zu können!“ und dieses erfüllte sich denn nach und nach stets auch wirklich. – Ich kann nur bedauern, nun zu alt zu seyn, um das neue Aufgehen der für diese Zukunfts-Musikdichtungen zugänglichen Ohrengänge noch erhoffen zu können!3
Am Sonntag Nachmittag 3 Uhr hatten wir noch ein Specimen davon in Kaulbach’s klangreichem Atelier, was dieser für Probirung einer „Serenade“ von Brahm’s für 10 Streich- und Blas-Instrumente durch die ersten Capell-Größen jeder der Instrumente unter Joachim’s Dirigirung freundlichst eingeräumt hatte; und bei welcher Gelegenheit von neuem Kömpel’s entzückende Behandlung seines Instrumentes auch beim Prima-vista Spiel der verwickeltesten Compositionen glänzend hervortrat! –
In der Oper sagte mir der frappant geistreiche Kaulbach, – da mein gutes Geschick wollte in der Sperrsitz-Loge zufällig sein Nachbar zu werden, – am Schlusse Mendelsohn’s reitzende und wahrlich an schwärmerischer Genialität auch nicht armer Ouvertüre zum „Sommernachts-Traum“, – „ach! Da erholt man sich doch etwas wieder!“ – woraus ich denn erkannte, daß unser Urtheil über diese chaotische Serenade übereinstimmend war, worüber die allseitig liberale Haltung im Atelier ungewis gelassen hatte; und ich hörte nun zugleich, daß auch in der Malerei ganz dieselben Kämpfe jetzt zu bestehen sind!! – 
Uebrigens ist großes Talent bey diesem noch so jungen Brahms nicht zu verkennen! – Und – wenigstens wir Gegenwarts-Menschenkinder können nur beklagen, daß sich solches, statt uns, der vermeintlichen Zukunft so entschieden zugewandt hat!
Nun aber ein Hauptgegenstand dieses Schreibens! – Von Joachim selbst bin ich nun bestimmt beauftragt, Ihnen zu sagen, wie es ihm und Kömpel große Freude machen würde, Ihnen Ihr reitzendes h-moll-Concert zusammen vorzutragen, sei es, nach Ihrer Wahl, bei Ihnen am Piano, oder im dortigen Abonnements-Concerte mit Orchester, wenn nur sicher sei, daß Sie Selbst dabei anwesend sein würden; Er, Joachim, werde aber die Reise nicht vor April ermöglichen können. – Für den Fall, daß die Abonnement-Concerte dort etwa früher schlössen, fragte ich, ob er vielleicht geneigt sei würde für denselben Zweck Selbst ein Concert in Cassel zu geben! – da das Orchester doch unentbehrlich für die volle Wirkung sei! Er lehnte das rasch ab; wolle aber in solchem Falle Kömpel dort ein Concert geben: so sei er ebenso bereit in solchem diese Nummer mit demselben zu spielen. – Auch Kömpel aber lehnte4 gleich nachher diese Eventualität sofort ab, indem das den Hauptzweck ihrer gemeinschaftlichen Reise entstellen würde. 
Es würde also eventuell nur der Ausweg bleiben, daß es ein Extra-Concert für denselben oder anderen wohlthätigen Zweck würde, wenn das letzte dortige Abonnement-Concert nicht bis in den April hinaus zu schieben stünde; was mir allerdings zweifelhaft scheint, und was mit H. Capellmeister Reis besprechen und das Resultat mir mittheilen zu wollen ich sogleich bitte! – und ich hoffe als denn den Reisenden mich anschließen zu können! 
Daß diese reitzende Concertante auch in dem Hannöverschen Abonnement-Concerte nochmahls zur Aufführung kommen wird, hat Sr Majestät in zufälliger Fügung Sonntag Abend nur auch Allerhöchst Selbst mir gesagt.
Es gingen nämlich am Schlusse des „Sommernachtstraums“ in den Corridor vor den Logen, während ich nach meinem Paletot5 fragte, einige Damen vorüber, die ich in dem im Vergleiche zur Sonnen-Halle des innern Logenhauses nur schwach erleuchteten Corridort erkannt hatte, als nach6 einigen Augenblicken der Cammerherr v. Meding mit dem Zurufe heransprang, die Königin befehle mich zu sprechen! als ich die Thür des Foyer bereits passirt war, in den Corridor zurücktretend, kam die Königin, – die den Ausgang aus dem selben in entgegengesetzter Richtung hat, wieder zurück, um in ihrer eigenthümlich7 freundlichen Gutmüthigkeit zu entschuldigen, daß sie ohne mir guten Abend zu sagen so an mir vorüber gegangen sei, sich freuend, daß ich eine so interessante Vorstellung getroffen, u.s.w., und mittler Weile kam nun auch der König, der seine hohe Gemahlin längst im Wagen glaubte, aus dem Königl. Logen-Vorzimmer hinzu, und griff, nach Erläuterung der Königin, in gleich freundlichen Formen auch gleich darauf zurück, wie leid es ihm gethan, vor 14 Tagen die Doppel-Concertante nicht haben hören zu können, daß solche aber wiederholt werden solle, u.s.w.
Auch drückte der König seine Freude darüber aus, daß die vollkommen reine Intruirung des altkirchlich-classischen Gesanges des jungen Dom-Chors mich überrascht und wohlthuend ergriffen habe; was ich vor 14 Tagen einen Seiner Flügel-Adjutanten, Rittmeister von Heimbruch, mit vollster Wahrheit und Aufrichtigkeit gelegentlich geäußert hatte. – 
Auch am letzten Sonntage hörte ich gemeinschaftlich mit Kömpel wieder diesen wunderbar ergreifenden Chorgesang a Capella in der Schloßkirche; abermahls erkennend das auch für Wehner in so hohem Grade richtige und entschieden gute Gelingen des überall nicht leichten Unternehmens! – 
Ihre Billigung der Reisepläne und die liebevolle Zusage Ihrer den guten Erfolg derselben wesentlich unterstützenden Empfehlungs-Schreiben wird den strebsamen August ebenfalls unendlich beglücken! – Auch bitte ich herzlichst, daß Sie den specielleren Plan und die Folge der, dem Aufenthalte in Paris also nach Ihrem einsichtsvollen Rathe voranzustellenden Bereisung unserer deutschen Städte mögten entwerfen und zu dankbarster Benutzung hinzufügen wollen! – Wünschenswerth scheint mir nur, daß für Paris mögten 3 Monate erübrigt werden können, zu gleichzeitig mehrerer Sicherung der Sprachübung, und dort mindestens noch ein guter Theil der Parlaments-Saison für London übrig bleibe. Von London zurückkehrend würden denn dann bis zu Ende August des Sommers 1861 noch die größten der deutschen Bäder en passant besucht werden können. 
Die Concertanten-Relation der Mindener Zeitung8 kenne ich nicht, glaube aber von August verstanden zu haben, daß solche der Cölner-Zeitung9 entnommen, und aus dieser ebenso in das Hannoversche „Tageblatt“10 übertragen ist. Zur Sicherheit lege ich diesen Artikel des letztern hier mit an; und füge ebenso eine Abschrift der betreffenden einstimmigen Belohnungen noch 5 anderer Blätter hier nachfolgend hinzu.
Noch immer waren in Hannover alle Kreise voll von dem wunderbaren Effecte dieser Concertante; und wie allgemein geradezu zündend der Eindruck gewesen ist, geht auch aus der großen Zahl der darüber sich auslgeassen habender Correspondenten der verschiedensten Blätter hervor! – 
Ganz allein die „Neue Hannoversche Zeitung“, gerade das officielle Blatt des Lands – ist für das Mahl stummgeblieben!! offenbar in Folge einer kurz zuvor stattgehabten kleinen Zankes zwischen Kömpel und dem Redacteur der Theater- und Concert-Kritiken solcher Zeitung, Hrn. Adolph Meyer, – der zu tadeln natürlich nicht vermogte und, gemeiner Weise, loben nicht wollte! und daher das 2te Abonnement-Concert gänzlich ignorirte! –11
Schließlich bitte ich nun zunächst zu entschuldigen, daß ich zu Vermeidung des mir sehr schädlichen Krummsitzens, was meine Kurzsichtigkeit am Schreibtische bedingt, dictirend fremde Feder zu Hülfe gerufen habe; und ferner bedarf denn, u noch mehr, freundlicher Entschuldigung, daß diese bequemere Unterhaltung mit Ihnen um zu deren so unbescheidene Länge, geführt hat! – Wobey mein Trost nur ist, daß diese fremde Handschrift um vieles rascher und bequemer lesen läßt als die meinige! – Die tiefesten Wünsche für Ihr Wohlergehen begleiten die Ihnen wie Ihrer theuren Gemahlin gewordenen herzlichsten Begrüßungen meiner Frau wie die meinen, innigst und unwandelbar 
Ihr
wärmster Verehrer CFLueder.



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Lueder, 25.01.1859. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 14.03.1859.
Druck 3 und 5 zitieren nach Druck 2. Druck 2 verweist über das Autograf hinaus auf einen anscheinend nie erschienenen weiteren Teildruck: „Helmut Wirth, Johannes Brahms. Kassel i. V., S. 224“ (Horstmann, S. 292, Anm. 17). Druck 4 gibt keine Quelle an. Druck 1 beschäftigt sich mit Spohrs Bach-Rezeption und erwähnt Brahms daher nicht. Die vier auf Johannes Brahms bezogenen Drucke 2-5 lassen jeweils die Ausführungen zur „chaotischen Serenade“ weg.

[1] „und die weiteren Begleitungsformel“ über der Zeile eingefügt.

[2] wohl: „kreißen des Bergs“, möglicherweise Anspielung auf Horaz, Ars Poetica 139.

[3] Vgl. Lueder an Spohr, 23.05.1848 und 25.01.1855.

[4] Hier ein Wort gestrichen.

[5] Leichter Wettermantel.

[6] „nach“ über der Zeile eingefügt.

[7] Am Wortende gestrichen: „en“.

[8] Noch nicht ermittelt.

[9] Wohl „Hannover, 9. Jan.“, in: Kölnische Zeitung 12.01.1859, S. [3]; dort ist allerdings nicht von einer „Doppel-Concertante“, sondern von einem „Doppelquartett“ die Rede. Der gleiche Inhalt mit korrekter Werkbezeichnung: „„Hannover, 9. Jan.“, in: Neue Berliner Musikzeitung 13 (1859), S. 23.

[10] Noch nicht ermittelt.

[11] Ab hier schrieb Lueder seinen Brief bisher diktierten Brief selbst.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (01.06.2026).