Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochgeehrter Herr Doctor!

Schüchtern, aber eben so freudigen Sinnes ergreife ich die Gelegenheit, mich Ihnen schriftlich zu nähern. Ungewiß, ob Ihnen noch der Name desjenigen erinnerlich, dem am 10ten Juli d. J – bei Gelegenheit des Prager Jubiläumsfestes – das Glück zu Theil wurde, die Rückfahrt vom Festmale in die Stadt dicht an Ihrer Seite und unter mannigfachen Gesprächen mit Ihnen zurückzulegen; sage ich Ihnen nur ganz offenem Herzens, daß – seit ich überhaupt musikalisch denke und lebe – ich stets die tiefste, innigste Verehrung jedem Ihrer Meisterwerke entgegengebracht habe1, und wahrhaft stolz darauf bin, jede Note derselben so genau zu kennen, daß es mir nicht schwer würde, sie alle – im Falle ein unvorhergesehener Zufall sie der Welt entrückte – mit vollständiger Treue dem Papiere anvertrauen, ihnen daher jene Unvergänglichkeit, derer sie alle so würdig, durch meine genauen Aufzeichnungen retten und verbürgen zu können. Verargen2 Sie daher Einem, der Ihren Schöpfungen so unendlich viel verdankt, folgendes offene und dringende Wort künstlerischer Bitte. –
Schon seit längerer Zeit wird hier die Kunde laut, Sie, hochverehrter Herr Doctor, hätten den Entschluß gefaßt, nach langen Jahren wieder einmal unsere Stadt durch Ihren Besuch zu beglücken, jenen Ort, sage ich, welcher sich mit stolzem Jubel die Heimat Ihres unvergänglichen „Faust“ nennen darf. Mag Ihnen persönlich noch so wenig daran liegen, was ein einzelner, im Stillleben versenkter Musiker gleich mir, bei dem Innwerden dieser Kunde gefühlt; so erlauben Sie mir doch wenigstens die flüchtige Bemerkung, Ihnen zu gestehen, daß mir bei dieser Nachricht das volle, Ihnen tiefergebene Herz froh aufgegangen. Man spricht nun allgemeinen davon: Sie hegten die Absicht, Wien und den Wienern Ihr Oratorium „der Fall Babylon’s“ kennen zu lehren.3 Hier nun bin ich bei dem eigentlichen Kernpunkte meiner Zeilen angelangt. Gestatten Sie mir nun über dies Ihr Ansinnen nachstehende Bemerkungen. Es war vor 14 Jahren, daß ich aus Prag, der Stelle des eifrigsten Cultus Ihrer hohen Meisterwerke, nach Wien zu übersiedeln genötigt war. Ganz erfüllt von der Höhe, Innigkeit und dem Richthum Ihres Genius, war ich des frohen Wahnes, auch hier einer eben so genauen Bekanntschaft mit Ihren Tondichtungen und einer eben so regens Empfänglichkeit für deren hohe Vorzüge zu begegnen, wie ich selbe in Prag, der Stadt meine einstigen Harmonie- und Contrapunktstudien unter Tomaschek und Pitsch gefunden. Aber bald wurde ich der traurigen Uiberzeugung inne, daß theils der hier herrschende italienische Opernunfug, theils das leidige Virtuosenwesen allen Sinn für Composition wie es die Ihren, ganz absorbirt haben. An mehreren Zeitschriften als Critiker wirkend, war es mein Erstes, für Spohr, den Abgott meiner musikalischen Dankbarkeit, eifrigste Propaganda zu machen. Ich wies auf viele Ihrer Meisterwerke theils andeutend, theils zurgliedernd hin. Umstonst. Man kannte sie nicht, wollte sie nicht kennen, brachte sie daher auch nicht zur Darstellung. Außer Ihrer vierten Sinfonie, Ihrem A moll-Concerte und dem Soloquartette in E (Op. 42) nebst dem G dur-Quintette u D moll-Octette, haben Ihre herrlichen Wehmutswonneklänge unsere Concerthallen leider – wenigstens seit ich hier – gar nicht berührt. Ich wäre daher der bescheidenen Meinung, daß Ihr gewiß von Vielen mit Jubel begrüßtes persönliches Erscheinen erst dahin wirken müßte, den Boden für die Erkenntniß Ihres wahren und hohen Genius urbar zu machen. Dies aber, glaube ich, müßte stufenweise geschehen, also mit der Einführung ihrer früheren nicht aber mit einer Ihrer jüngsten Schöpferperiode angehörigen Oratorienwerke, wie es aber Ihr „Fall Babylons“ ist, den ich vor etlichen Jahren zu Prag, wo man fast jede Note kennt, die Sie geschrieben, ihn daher ungescheut und des herrlichsten Erfolges gewiß, aufführen konnte, mit wahrer Pietät, aber zugleich mit dem lebendigsten Bedauern über den Umstand gehört habe, daß weder unser Publikum, noch unsere Musiker in Wien noch reif wären für derartige Genüße. Hier müßte man zuerst – dürfte ich unmaßgeblich –4 mit den durch ihre Innigkeit unwiderstehlichen „letzten Stunden des Heilands“, oder mit den durch die Machtgröße ihrer herrlichen Chöre selbst den Laien überwältigenden, „vier letzten Dingen“, nimmermehr aber mit einem so tiefernsten Werke, wie den „Fall Babylons“, dessen Vorstufen man leider hier gar nicht kennt, angerückt kommen. Mögen Sie, geehrter Herr Doctor, aus der Offenheit dieser Zeilen jene Gefühle verschließen, mit denen Ihnen Einer hier entgegenkommt, der zwar im Namen Mehrerer, doch leider nur Solcher spricht, die keinen unmittelbaren Einfluß auf unser Concertwesen haben. Mögen diese Darstellungen – von Herzen mir kommend – auch von Ihnen, geehrter Doctor, mit dem Ihnen eigenen Wolwollen gewürdigt werden, und Sie dahin bestimmen, uns bei Ihrem bevorstehenden Besucher zuerst durch eines oder das andere Ihrer früheren Oratorienwerke einzuweihen in jenen Geist, der das von Ihnen vorgeschlagene besselt und befruchtet! –
Hoffend, im Drange meiner Begeisterung für Ihre Muse und meiner wahrhaft kindlichen Hingabe an Ihren persönlich wie schöpferisch bervortretenden hohen und edlen Genius Ihnen keine Fehlbitte gestellt zu haben, zeichne ich mich hochachtungserfüllt als

Ihren glühendsten Verehrer
Ferdinand Graf Laurencin
Dr der Philosophie und musikalischer Schrift-
steller, wohnhaft zu Wien, Leopoldstadt
Nro 538, 4te Treppe, 2ter Stock, Thüre
Nro 53.

Wien am 10ten November
1858



Spohrs Antwortbrief vom 14.11.1858 ist derzeit verschollen.

[1] Vgl. [Ferdinand Peter] Laurencin, „Ein Gespräch mit Spohr“, in: Blätter für Musik, Theater und Kunst 5 (1859), S. 355.

[2] Sic!

[3] Vgl. „[Wenn sich das Gerücht bewahrheitet]“, in: Blätter für Musik, Theater und Kunst 4 (1858), S. 175.

[4] Hier gestrichen: „zuerst“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.01.2024).