Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Hildburghausen d. 30 Decemb. 1857
Hochwohlgeborner
Hochzuverehrender Herr!
Auch dieses Jahr kann ich nicht vorübergehen lassen, Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch zu dem bevorstehenden neuen Jahr darzubringen, mit den Wunsche, daß Sie der Himmel doch recht viele Jahre gesund mit den lieben Ihrigen erhalten und von allen Kabelen schlechter Menschen verschont lassen möchte. Ew Hochwohlgeboren waren so gütig, mich der vergangenen Sommer durch den Stadtdiaconus Wölfing von hier, welcher beim Gustav-Adolfs Verein in Cassel gewesen ist, wo derselbe das Glück hatte, Ew Hochwohlgeboren zu sprechen, grüssen zu lassen, was mich unednlich gefreut hat, indem ich daraus ersehen habe, daß Ihre Wohlgewogenheit gegen mich noch nicht erloschen ist, auch vernahm ich von demselben, daß Sie zu der kirchlichen Feier des Gustav Adolfs Verein eine so tief ergreifende Kantate für gemischten Chor mit Orgenbegleitung geschrieben und auch selbst aufgeführt hätten, welche doch hoffentlich auch bald in Druck erscheinen wird, um es möglich zu machen, solche vielleicht auch hier einmal zu Gehör zu bekommen1, leider sind Ew Hochwohlgeboren grösseren Werke hier nicht mehr zu Ausführung zu bringen, was auch die Ursache war, mich ganz von dem Verein zu entfernen. Vor kurzem erhielt ich auch durch einen befreundeten Kaufmann aus Cassel namens Reichhardt2 eine Zeitung3 zugeschickt, worinnen viel schönes und wahres über die herrliche Komposition und Aufführung der Jessonda geschrieben war, so wie ein Gedicht von Bieberhofer den Scheidegruß, was mich zwar eines Theils sehr4 erfreut, aber später in die größte Anstrengung versetzt hat. Es beweißt uns aber die älteste so wie die neue Geschichte, daß es allen großen Geistern, die über alle gewöhnlichen Menschen hervor ragten, und die rechtlichsten Gesinnungen dabei hegten, aber sich nicht durch Schmeicheleien und Krichereien herab würdigten, so ergieng, und sie allen Kabelen und Verfolgungen gemeiner Menschen ausgesetzt waren. Vor einigen Jahren erhielt ich auch einen Brief von einem guten Freund, mit folgender Warnung, -
Trau keinem Wolf auf wilder Haid’
und keinem Jud’ auf seinem Eid’
und manchen Fürst auf sein Gewissen,
du wirst von allen drei’n beschi …
Das Scheiden Ew Hochwohlgeboren aus der Kapelle, bewirkt zwar für die Mitglieder der Kapelle sowohl, als für das verständige Musikliebende Publikum in Cassel, einen Verlust, der nie wieder zu ersetzen ist, und alle Musiker und Musikfreunde in Cassel werden es sehr schmerzlich fühlen, allein alle klassischen Musiker und Musikfreunde von allen Welttheilen werden sagen, es ist gut für uns, daß es so gekommen ist, jetzt können wir uns der guten Hoffnung hingeben, noch mehr klassiche Schöpfungen aus dieser einzigen, noch lebenden Feder fließen zu sehen, indem ausserdem keiner der noch jetzt lebenden Komponisten etwas derartiges schaffen kann, und wir gratuliren uns im Voraus zu den zukünftigen Werken.
So eben erhalte ich von Doktor Hofmann einige Verse mit der Auffschrift: Inliegend, verbotenes Rattengift. die ich mir erlaubt habe, hier beizulegen.5
Möchten Sie diese Zeilen mit den lieben Ihrigen recht gesund und wohl antreffen, und ich mich Ihrer ferneren Wohlgewogenheit zu erfreuen haben, mit diesem aufrichtigen Wunsche unterzeichnet
Ew Hochwohlgeboren
ganz ergebenster Diener
Carl Mahr.
| Autor(en): |
Mahr, Johann Christian Carl |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Hofmann, Friedrich Reichardt, Eduard Wölfing, Ernst Balthasar |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1857123040 bitlx |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Mahr an Spohr, 30.12.1855.
[1] Spohrs 1836 komponierte Spohr Hymne Gott, du bist groß erschien 1838 bei Simrock (vgl. Folker Göthel, Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 168ff.; zur Aufführung vgl. „Die fünfzehnte Hauptversammlung des evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung zu Cassel am 1. September 1857“, in: Allgemeine Kirchen-Zeitung 36 (1857), Sp. 1278-1286, hier Sp. 1280).
[2] Casselsches Adress-Buch (1857), S. 184 führt unter diesem Namen auf: einen Gärtner, zwei Töpfermeister, einen Dachdecker und einenTabakfabrikaten; vermutlich meint Mahr mit dem Kaufmann den Tabakfabrikanten Eduard Recihardt.
[3] Noch nicht ermittelt
[4] „sehr“ über der Zeile eingefügt.
[5] Friedrich Hofmann an Spohr, 27.11.1857.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (17.05.2022).