Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Hochwohlgeborner Herr Generaldirector!
Hochverehrtester Herr!
Ihr Verehrtes vom 27. vorigen Monats u. Jahres war uns zwar schon am 7. d. M. samt den zwanzig u. zwei Preisbewerbungen (wegen Musik zur „Jungfrau von Orleans“) ganz unversehrt zugekommen, und hätten wir also die Ehre dieser schuldigen Anzeige schon damals uns nehmen müssen; allein, wir waren am 4. d.1 wegen der Opretetexten2 versammelt, und hatten seitdem keine Sitzung, weil der Schriftführer, bei dem wir sie halten, vor 12. Tagen erkrankte und erst besser ist, da wir von Ihrem verehrlichen Urtheil über gedachte Werke Kenntnis erhalten.
Wir sind erstaunt über die unselige Verirrung, in welcher so viele Bewerber, mit dem Wahn: neues Großes zu Tag zu bringen – wenige ausgenommenen, nur solche Machwerke dargebracht haben, welche die ersten und wesentlichen Bedingungen eines musikalischen Kunstbaues verläugnen, die Grundlagen vergessen mogten, oder, sie nicht kennend, dennoch gewagt haben, nicht mit eignen Schöpfungen, sondern nur mit Nachahmungen vor das Gericht dieser Kenntniß und reichen Kunstwissens und Könnens zu treten, ohne Kraft u. geistiges Bewußtsein, wo dann nur das und wiederholt als wahr sich bestätiget, daß der, welcher aus sich selbst nicht ganz u. Tüchtiges hervorzubringen wird, sich auch der Werke Andrer nur geistlos bedienen und den Mangel eigentlicher, guter Schule zeigen werde.
Wir bedauern es daher auch gewiß recht aufrichtig, daß Euer Hochwohlgeboren bei der Prüfung dieser vielen Werke so wenige Zeichen ehrenwerthen Strebens nach dem Gefühls- u. Wahrheitsnichtigen, so wenig Beachtung der bewährten Schule und der unumstößlichen Angabe für Gestaltung eines Musikwerks gefunden haben, und an dem geist- u. geschichtslosen Gebaren der dennoch siegsmuthig in die Schranken getretenen Kunstjünger sich fast betrübt haben werden. Und es ist wirklich betrübend, bei solcher PreisAufgabe und solcher Anzahl von Bewerbern und Streitern um den Ehrenkranz solches Uiberspringen der scharf u. tief gezogenen Kreislinien zu sehen, da allerdings, wenn nicht etwa vielleicht das „romantisch“, womit die Aufgabe vom Dichter deerselben bezeichnet ist, einier Veranlass war, ein allgemeines Rückfallen in trübselig dumpfes Wirrsal fürchten läßt. Aber auch hier das das trösten, daß das recht Gut und Wahre: das Schöne, wenn auch von jugendlich Tollkühnen zurückgedrängt oder übersprungen, doch endlich wieder herschend hervortritt und seine ewig unvertilgbare Glorie verherrlichend sich zeigt; wie die Sohne aus tiefster Nach und den geläufigsten Nebeldünsten, wenn auch später, aber gewiß wieder welterleuchtend u beseligend aufstrahlt.
Wie wohl daher und wie sehr sind wir desswegen, und wie sehr sind wir, wenn auch nur darum es wäre, Euer Hochwohlgeboren zu dem unvergesslich und innigsten, hier darbringenden Danke verbunden, daß Sie diese beschwerlich und leidige Prüfung gefälligst vorgenommen, und uns schon so gerecht als überall immer anerkannte Entscheidung so umfassend auszusprechen die Gewogenheit hatten; und daß demnach die Tonhalle immer noch Ihrer Hülfe und und stützender Hülfe sich getrösten darf.
Wenn auch die andern zwei Herrn Preisrichter werden geurtheilt haben, versäumen wir dann auch gewiß nicht das Ergebniß Euer Hochwohlgeboren in derjenigen Verehrung und Dankbarkeit alsbald gehorsamst vorzubeugen, in welchen wir stetshin zu beharren verpflichtend sind.
der Vorstand der Tonhalle
I. A. d.3 A.Schüssler.
Mannheim 2i.I.57.
| Autor(en): |
Schüssler, Adam |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: | |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: |
Deutsche Tonhalle <Mannheim> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1857012148 |
Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Schüssler, 27.12.1856. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schüssler an Spohr, 24. und 26.02.1852.
[1] Das publizierte Protokoll ist auf den 03.01.1857 datiert („Deutsche Tonhalle“, in: Urania 14 (1857), S. 80.
[2] Sic!
[3] Abk. f. „Im Auftrag desselben“.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.02.2026).