Autograf: Niedersächsisches Landesarchiv Wolfenbüttel (D-Wa), Sign. 17 N, Zg. 5/2008 Nr. 599

Sr. Wohlgeb
Herrn Musikdirector
Ferdinand Böhme
in
Dordrechtu
Holland.

frei.


Cassel den 12ten Juni
1856.

Hochgeehrter Herr,

Es ist mir Ihretwegen recht schmerzlich, daß ich mich genöthigt sehe, die projectirte Reise mit meiner Frau nach Holland noch um ein Jahr zu verschieben. Es ist mir dadurch, daß der Kapellmeister Bott, wegen eines verdrießlichen Vorfalles im Theater, vom Dienst suspendirt wurde, in der letzten Zeit eine solche Masse von lästigen Theatergeschäften aufgebürdet worden, daß ich mit dem Beginn der Ferien vor allem daran denken muß, mich erst wieder ein wenig zu erholen!1 Wir werden daher nur eine kleine Reise machen, und den größten Theil der Ferien hier in Ruhe in unserem Gärtchen verleben. Nur zum Schluß des Juli denken wir noch einen 2ten Ausflug zu einem großen Männergesangfeste zu Braunschweig zu machen, zu dem ich eingeladen worden bin.2 Ich habe jedoch ablehnen müssen, dabey mitwirkend zu seyn und werde demselben nur als Zuhörer beywohnen. Von da gehen wir auf einige Tage nach Wernigerode und in den Harz und kehren dann in unsre Heimath zurück.
Diese unglückliche Differenz zwischen Bott und unserer Intendanz ist so weit gediehen, daß er seinen Abschied verlangt hat. Sollte man ihn gehen lassen, so wird mir alle die lästige Arbeit wieder aufgebürdet, die mich vor seiner Anstellung als 2ter Kapellmeister schon drückte, und jetzt, wo die Theaterabende um einen wöchentlich vermehrt sind, und das Alter mich immer mehr abspannt, noch viel mehr peinigen werden. An eigene Arbeiten werde ich dann gar nicht mehr denken können! Sie können daher leicht ermessen, wie mich diese Angelegenheit beunruhigt und wie sehr ich auf deren Ausgang gespannt bin!
Für Ihr freundliches Erbiethen uns in Holland begleiten und als Führer dienen zu wollen, sagen wir Ihnn unsern besten Dank, und denken im nächsten Jahr davon Gebrauch zu machen.
Meine Frau erwiedert Ihre Grüße auf das freundlichste.
Mit wahrer Hochachtung

Ihr
ergebener
Louis Spohr

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Böhme, Ferdinand
Erwähnte Personen: Bott, Jean Joseph
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Braunschweig
Kassel
Wernigerode
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Musikfeste <Braunschweig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1856061210

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Böhme an Spohr, 12.05.1856. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Böhme an Spohr, 03.04.1857.

[1] Noch am 03.06.1856 schrieb Spohr an seinen Bruder Wilhelm: „Die erste Hälfte der dießjährigen Ferienzeit werde ich zu einer Reise nach Holland ve[r]wenden“.

[2] Zur Einladung durch den Norddeutschen Sängerbund vgl. Ernst Wilhelm Theodor Grassau an Spohr, 14.05.1856.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.05.2020).