Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
d. 12ten October 1855.
Hochgeehrter Herr Kapellmeister,
Eine unendlich große Freude haben Sie mir verursacht durch die so baldige und so überaus ausführliche und genaue Beantwortung meiner Zeilen. Ich bin so tief in der Schuld der Dankbarkeit zu Ihnen, und habe stets und so viele Beweise Ihrer Güte erhalten, daß ich mich fast schämte, Sie um die Durchsicht dieser meiner Erstlingsarbeiten zu bitten, und nun schicken Sie mir als Antwort eine so detaillirte Analyse aller musikalischen Verbrechen und Formfehler, daß ich mir Ihren Brief förmlich als Modell nehmen kann, für alles was ich je noch schreiben werde.
Ich hoffe, lieber Herr Kapellmeister, Sie in allen Punkten gründlich verstanden zu haben, und habe mich wenigstens bemüht, die Abänderungen so genau wie möglich nach Ihrer Vorschrift zu machen. Beifolgend schicke ich nur die veränderte Solostimmen nebst Clavierbegleitung, da Ihnen das gewiß genügen wird, um zu sehen, ob die Veränderungen auch wirklich Verbesserungen geworden sind.
Noch eine Bitte habe ich jedoch an Sie, Herr Capellmeister; ich habe nämlich nicht genug Uebung im Instrumentiren, um mir völlig klar zu sein, ob die roth angestrichenen Stellen in dem beiligenden Bogen wohl den beabsichtigen Effect machen wird, oder ob die Abwechslung der ersten Violinen mit den Blasinstrumenten den Läufen nicht etwas Abgerissenes oder Vereinzeltes giebt, und ich demzufolge die ganze Passage lieber hätte in die ersten Violinen legen müssen; Ihr Urteilsworth, lieber Herr Kapellmeister, würde mir für künftige Fälle zugleich maßgebend sein.
Sollten nun die veränderten Stellen das Concertino einigermaßen zu Ihrer Zufriedenheit ausfallen, so glaube ich nicht, daß Sie genug Einfluß auf die Instrumentation haben werden, und mich eine nochmalige Durchsicht der veränderten Partitur durch Sie wünschen zu lassen.
Vor einigen Tagen habe ich die sehr schweren Decimen-Passagen am Schluß etwas zu lange hintereinander geübt; und mir dadurch eine Ueberanstrengung des Muskels des kleinen Fingers zugezogen, die mir auf ein paar Tage alles Spielen unmöglich macht; doch hoffe ich, die Sache wird keine ernsten Folgen haben.
Indem ich Sie noch bitte, Frau Kapellmeister die herzlichsten Grüße von meiner Mutter, Bernhardine, Schmidt, und mir sagen zu wollen, verbleibe ich, mit der Bitte, mir Ihr ferneres Wohlwollen zu erhalten, lieber Herr Kapellmeister,
Ihr ergebener
Bernard Hildebrand-Romberg
7. Rathhausstraße
| Autor(en): | Hildebrand-Romberg, Bernhard |
| Adressat(en): | Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: | |
| Erwähnte Kompositionen: | Hildebrand-Romberg, Bernhard : Andante, Vc Orch Hildebrand-Romberg, Bernhard : Bolero, Vc Orch Hildebrand-Romberg, Bernhard : Concertino, Vc Orch |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1855101244 |
Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Hildebrand-Romberg. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hildebrand-Romberg an Spohr, 08.10.1856.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.07.2024).