Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Freiburg i/B. den 18. Aug. 55. Koßgasse No 268.

Hochgeehrter Herr!

Sie erhalten wieder „von hier“ aus ein Schreiben, da die Wienerexpedition an verschiedenen Umständen „vorläufig“ gescheitert ist. Ich bin so frei, Ihnen nun mit einem musikalischen Gesuche anzuliegen. Zuvor war ich Willens, Ihnen, wie gewöhnlich, auf's neue Jahr zu schreiben, und zu gratuliren, so wie eine Sendung Arbeiten Ihnen zur gefälliger Beurtheilung beizulegen, allein eine Sache von großer Eile, und nicht minder großer Wichtigkeit, möge mich entschuldigen, wenn ich Ihnen, ohne Umstände, nachfolgendes Gesuch vortrage:
Zu Hildesheim (Bischofssitz in Hannover) hat das Domkapitel dort selbst eine Stelle als Dirigent der Kirchenmusik und Lehrer des Gesanges an einem Pädagogium öffentlich ausgeschrieben; und es soll dieße Stelle baldmöglichst besezt werden. Ein Professor der Kirchengeschichte (Alzog) hier, welcher längere Zeit in Hildesheim war, sowie der Erzbischof1 werden mir empfehlende Belege zur Eingabe liefern, die in wenig Tagen abgehen wird. Ich habe die Warscheinlichkeit für mich zur Erreichung meines Zieles. Da nun der Herr Erzbischof mehr die sittliche und als Mensch gute Beschaffenheit meiner Wenigkeit, denn die als Künstler und Musiker hervorheben kann, so wird eine Belegung und Empfehlung von einer musikalischen Autorität Erforderniß, ja maßgebend und entscheidend. Ich wende mich zu dießem Behufe an Sie, meinen väterlichen Freund und musikalischen Gönner, und bemerke nur, daß ich während meines Hierseins mich im Orgelspiel geübt, Violinspiel begonnen, besser Klavier gelernt und mich so der Existenzfrage mehr genähert habe.
Die Sache ist nun so dringend, daß ich, aus Furcht der Verspätung, die schriftliche Empfehlung, welche Gegenstand meiner Bitte an Sie ist, nicht abwarten zu können glaube; sondern Sie inständig ersuche, mir an das Domkapitel zu Hildesheim in Hannover, sogleich eine, dem Zwecke entsprechende, Empfehlung, senden zu wollen. Ich will mir erlauben, mich auf Sie zu berufen in der Eingabe. Möge die Sache selbst die Art der Bitte bei Ihnen entschuldigen.
Sobald ich die Entscheidung weiß, werde ich Ihnen die Früchte weiterer Kunstbemühungen mit der Nachricht zukommen lassen.
Es ist so Manches, was mich bestimmt, mit Sehnsucht eine, wenn auch geringe, Stellung unter fremden Leuten zu wünschen. Nächst meiner dürftigen Lage, besonders der Umstand, daß ich hoffnungslos und unglücklich liebe, und Gefahr laufe, in eine unselige Träumerei und dammit in eine Thatenlosigkeit in der Kunst zu verfallen, die ich fliehen möchte. Ich glaube, daß Thätigkeit und Wechsel des Ortes mir meine Ruhe wieder geben kann, und daß ich in meiner Stellung Muße und Anregung zu größeren Kunstwerken finde, und so vielseitige Erwartungen rechtfertigen kann. –
Durch Ihren Einfluß habe ich die Mittel zu Studien erlangt; vielleicht kann ich durch Sie diese Stelle erlangen.
Ich grüße Sie und Ihre Gemahlin und bin Ihnen, wie bisher, in größter Hochachtung zugethan.

F.J.A. Keppner.

Autor(en): Keppner, Franz Joseph (Sohn)
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Alzog, Johann Baptist
Vicari, Hermann von
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Hildesheim
Wien
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1855081846

Spohr



Dieser Brief folgt in dieser Korrespondenz auf Keppner an Spohr, 01.05.1855. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Hermann von Vicari.

Kommentar und Verschlagwortung, sofern in den Anmerkungen nicht anders vermerkt: Wolfram Boder (29.10.2019).