Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Hochgeehrter Herr,
Erkühnt durch eine leider nur oberflächliche, kurze Bekannschaft, welche ich vor vielen Jahren1, während eines kurzen Besuches bei meinem Bruder in Kassel, die Ehre hatte mit Ihrnen zu machen, wage ich es Ihnen das2 beigeschlossene ursprünglich von mir englisch geschriebene und dem später ins deutsche übersetzen Gedichts zur Illustration durch Ihr herrliches Schöpfertalent als Componist in der in dem Manuscript bemekrten Form anzubieten – und würde sehr stolz seyn wenn Sie dasselbe dieser Ehre werth erachteten – dien Gegenstand möchte es vielleicht als zeitgemäß empfehlen. Diese deutsche Uebersetzung ist dem englischen Original ganz genau treu accentuirt – und ich würde diesen englischen Text (von mehr nationalenglischer Färbung) dem Correkturbogen der Musik einschalten. Im Falle Sie meinen Wunsch erfüllen wollten, füge ich noch die Bemerkung bei, daß ich mir eine Anzahl Exemplare des Abdrucks als Honorar beginden würde – und schlage Ihnen vor, wenn es Ihnen ansteht, die Musik vielleicht hier bei Schott in Verlag zu geben, wo ich dann die Correktur gut besorgen könnte. Aber ich müßte Sie dringend bitten, die Composition (da es ein Tendenzstück der Jetztzeit ist) baldigst zu unternehmen. Wenn Sie, großer Maestro, mich Laien nicht auslachen wollen, so wage ich es, Ihnen meine Lucubrationen3 mitzutheilen über die Form, in welcher ich mir die Compositione meines Liedes träumte. Der erste Vers, in marschmässiger Bewegung, würde mit auffordenden Trommel- und Trompetentönen eingeführt – worauf die Musik dem 2ten Vers (und willst du schon p. p. p.) in Moll, unter Begleidung von Waldhorn, Oboe, Flöte p. p., und vielleicht auch in eine andre Taktart übergeht – überhaupt wäre es rathsam, die Composition nicht zu viel an das Metrum der Verse zu binden, um Monotonie zu vermeiden. Bei dem Schlußverse „Und ob das Auge schon im Kampfe bricht“ müßte es4 mit dem Chor in stürmische Fortissime enden. Die national englische Färbung, welche ich ins besondere diesem letzten Vers, mit dem Namen der Königin Victoria endigend, gegeben, möchten, unter Ihren illustren Auspicien, ihm eine gute Aufnahme auchiin England sichern. Ich bitte Sie recht dringend mich mit nächster Post von Ihrer Absicht gütigst zu benachrichtigen – und, um Falle Sie nicht meinem Wunsche willfahren wollen, mir mein Manuscript zurückzusenden.
In Hoffnung einer bladigen Erfüllung meiner Hoffnung und Bitte habe ich die Ehre hochachtungsvoll zu verharren
Hochgeehrtester Herr
Ihr
ganz ergebener
Dr. Heinrich Fick.
Mainz 21. März 1855
C. 52 am Markt.
| Autor(en): |
Fick, Heinrich |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Fick, Friedrich |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1855032146 |
[1] „vor vielen Jahren“ über der Zeile eingefügt.
[2] „das“ über der Zeile eingefügt.
[3] „Lucubration, I. die Nachtarbeit, das Nachsitzen, bes. nächtliches Forschen“ (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter, entstellenden fremden Ausdrücke zu deren Verstehen und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 278).
[4] Hier gestrichen: „am Schluss“.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (10.07.2026).