Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Druck: Angelika Horstmann, Untersuchungen zur Brahms-Rezeption der Jahre 1860-1880 (= Schriftenreihe zur Musik 24), Hamburg 1986, S. 291, Anm. 18 (teilweise)

Sr Wohlgeboren 
Dem Herrn General-Musik-Director 
Dr Louis Spohr 
Vieler hohen Orden Ritter 
zu 
Cassel 

frco
Es wird um gefällige Be-
schleunigung der Abgabe 
gehorsamst gebeten.1


Catlenburg am 25t Januar 55.

Soeben, mein innigst verehrtester Freund! erfreut mich Ihr so ausführlich interessantes gestriges liebes Schreiben auf das herzlichste! – 
Von der „Weihe der Töne“ hat nun auch Graf Platen schon in der Probe vom 8t Dcbr. gesprochen, als ich ihm von der anziehenden Großartigkeit u Pracht Ihrer in Hannover noch ganz unbekannten Symphonien erzählte. 
Die aber ist gerade die einzige derselben, die in Hannover früher ab u an aufgeführt ist, unter anderm zuletzt in einem Abonnements-Concerte im Winter 1848/49; ich dachte daher bey jener Unterhaltung mehr an die 5t2, – die für Wien componirte, – und an die DoppelSymphonie3
Interessirt sich nun aber der König specieller für die „Weihe der Töne“, so4 würde diese die DoppelSymphonie immer nicht ausschließen, die vorzüglich faßlich in dem im Theater gegeben werden sollenden letzten Concerte seyn würde, – wegen der zu trennenden beyden Orchester, – während die „Weihe der Töne“ doch besser, d. h. Glanz- und wirkungsreicher für den Concertsaal bestimmt werden wird –
Da nun die Doppel-Symphonie schon Uebermorgen dort zur Aufführung kommt, und also Morgen die Zettel schon werden gedruckt werden; so mögte ich vorschlagen, daß Sie geneigte wieder zwey solcher gedruckten Programm’s nach Hannover, – British Hôtel, – mir nach zu senden; indem – so ziemlich das nutzende Erlaeuterungs-Gedichtchen5 von der geistreichen Dichterin Selbst auch geschrieben ist, und daher mir selbst unendlich werth bleibend, – für jenen Zweck das gedruckte Vorbild doch wirksamer seyn könnte; und wäre vielleicht ohne große Beschwerde noch zu bewirken, daß zweye dieser Concert-Programms für diesen Zweck auf Schreibpapier, statt auf gewöhnlichem Druckpapier abgedruckt würden, um den Augen der Königin um so anziehender zu seyn; deren, wie des edlen König’s ganze Sinnart gewis sehr angezogen werden wird von diesem gemüthvollen Strophen. – 
Da die dortige Ausführung gerade bevorsteht: so paßt es um so besser, wie zufällich6 im Besitze des Concert-Programm’s zu seyn, – als mir zugesandt zur Einladung zu dem Concerte, u. s. w. 
Noch ein Curiosum! – Am 4t – in der Neruda-Concert-Probe im großen Saale hatte zum Schlusse die Capelle nach Befehl des Graf Platen7 auch noch eine Ouvertüre von Joachim zu probiren; darum war der trefflichen Clara Schumann nach Düsseldorf telegraphisch Nachricht gegeben, und sie kam in Begleitung des Hn Brahms Morgens in Hannover an um dieses neue Werk ihres Freundes zu hören8, – u fuhr Nachmittag’s dann nach Düsseldorf eben so rasch zurück – das heißt doch Künstlers-Aufmerksamkeit u Artigkeit! – 
Einige der Herren der Capelle äußerten, daß diese Ouvertüre, – im Falle zu Heinrich IV, – und gleich besser sey als die frühere zu Hamlet; – ich bekenne aber, daß ich ungeachtet sie 3 Mahl durchgemacht wurde, mir doch kein Urtheil darüber erlauben mögte, als daß nur einzlne lichte Momente mir verständlich waren. Ebenso ging es mir mit einigen Compositionen von ihm für Piano u Violine, – „Linden Säuseln“, „Abendglocken“, – u ein herrischer Marsch, – die ich am Sylvester von Kömpel u Fräulein Unruhe bey dieser hörte, und die beyde sehr anziehen und interessant fanden. – Mir sind, – wie der seel. Forkel einst in Beziehung auf mir unverständliche und später alledings wundervoll gefundenen Compositionen des Friedemann Bach einst sich ausdrückte, – „die Ohrengänge noch nicht aufgegangen9 für diese Zukunft-Musiken! – 
Doch, es giebt bis Morgen zur Abreise noch manches zu ordnen! – Innigst

Ihr
wärmster Verehrer
CFLueder.



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Lueder, 24.01.1855. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 28.01.1855.

[1] Auf dem Adressfeld befindet sich rechts unten der Poststempel „CATLENBURG / 25 / 1“, direkt darüber ein weiterer verwischter Stempel, auf der Rückseite des zusammengefalteten Briefumschlags befindet sich der Stempel „3 / 26/1“.

[2] Op. 102.

[3] Irdisches und Göttliches im Menschenleben

[4] Hier gestrichen: „ist“.

[5] Hier gestrichen: „auch“.

[6] Sic!

[7] Hier gestrichen: „’s Befehle“.

[8] Vgl. Joseph Joachim an Hermann Grimm, Anfang Januar 1855, in: Briefe von und an Joseph Joachim, hrsg. v. Johannes Joachim und Andreas Moser, Bd. 1, Berlin 1911, S. 243ff., hier S. 245.

[9] Lueder an Spohr, 23.05.1848 und 26.01.1859

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (01.06.2026).