Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Catlenburg am 1sten Dcbr 54.
Mein innigst verehrtester Freund!
Es drängt mich um so mehr Ihnen über Hrn Haberbier einiges zu referiren, als die in meinem Schreiben vom 28t vM. a priori geäußerte Erwartung jener neuen „Glissando“-Technik1 des Pianospiels doch überraschend übertroffen wurde; u derselbe sich sehr darnach sehnt, Ihnen auch seine große Verehrung aussprechen zu dürfen, sobald bereits obwaltende Concertirungs-Verpflichtungen ihm nur gestatten werden, Cassel in den Reiseplan zu bringen; für welchen Fale2 Er denn Ihrer freundlichen Aufnahme und wohlwollenden Unterstützung für etwaige Erreichung eines guten Concertes, sowie durch Ihr geneigte Vermittlung der Einführung in dem kunstsinnigen von Malsburgschem Hause mit gutem Grunde zu empfehlen steht; umso mehr, als Er zugleich ein gemüthlich angenehmer Mann ist, dessen feiner Haltung man gleich ansieht, daß Er in der besseren Gesellschaft langjährig seine Heymath hatte. –
Als Schüler Hummel’s gieng Er im 17t Jahre nach Petersburg, wo er 16 Jahre blieb; – alsdann, – nach Reisen in Schweden, Norwegen, Dänemark, England, – in Paris fester bleibend für Unterricht in seiner sich selbst nach u nach weiter ausgebildeten allerdings eigenthümlichen Technik, welche in den Scalenläufen aller Tonarten eine Rapidität bey perlender Deutlichkeit ermöglicht, wie sie nach mathematisch-mechanischen Gesetzen in gewöhnlicher Applicatur unmöglich seyn würde, – u deren Erläuterung im langsamen Tempo u damit verbundener Explication der sehr einfachen Einübungsmanier mir sehr interessant war. –
Außerdem ist sein Spiel in hohem Maaße seelen- u ausdrucksvoll wahrhaft declamatorisch; u darin durch eine eigentühmliche Forçe sehr unterstützt dem klangreichen guten Instrumente so verschiedene3 Klangfarben durch Touchements-Modicifactionen, ohne etwaige Tastatur-Verrückung pp abzulocken, wie ich das so characteristisch verhaltend noch von keinem Pianisten gehört habe.
Auch scheint mir sein Compositions-Talent nicht arm an Erfindung u Poesie zu seyn; wie mich das vorzugsweise seine „arabesken Norwegischen Lieder“ empfinden ließen, welche auch mir einen solchen Reitz gewährt hatten, daß der Wunsch des abendlichen kleinen Zirkels, zum Schlusse sie noch ein Mahl zu hören, mir ebenfalls sehr willkommen war, wenngleich ich die Zumuthung fast unbescheiden fand; der Er aber mit der größten und geschmeidigsten Gefälligkeit gleich nachkam, ungeachtet der Wagen, schon angespannt, wieder abgespannt werden mußte! –
Wie es um den Vortrag älterer classischer Musik steht, darüber wage ich nicht recht zu urtheilen. Er spielte hier der Art Beethovens Cis-moll-Sonate. Der Vortrag der halb recitativartigen Adagio-Einleitung war wundervoll declamatorisch u ergreifend. Im Allegro aber schienen mir doch Momente des modernen Virtuosentums durchzublicken, die solchen Sachen mir nicht angemessen schienen. Gleichwohl vermochte ich bey der enormen Rapidität der Tempi darüber nicht ganz klar bey mir selbst zu werden.
Jeden Falles aber glaube ich daß die Bekanntschaft dieses bescheidenen jetzt im 42t Jahre seyenden Künstlers Ihnen Allerseitig interessant seyn werde; u ich habe ihn daher auch sehr darinn bestärkt Cassel ebenfalls zu besuchen. – Zum 5t d. M. steht für ihn ein Concert in Goettingen an; zur eigentlichen Saison will er wieder in Paris seyn; u ist nachher noch zu Concerten in Hamburg u Bremen engagirt.
So innig als unwandelbar
Ihr
dankbarster Verehrer
CFLueder.
| Autor(en): |
Lueder, Christian Friedrich |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Haberbier, Ernst |
| Erwähnte Kompositionen: |
Beethoven, Ludwig van : Sonaten, Kl, op. 27.2 Haberbier, Ernst : Souvenir de Norvege, op. 24 |
| Erwähnte Orte: |
Bremen Göttingen Hamburg Kassel Paris |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1854120135 |
Der letzte erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 28.11.1854. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 17.12.1854.
[1] Vgl. „Seine Scalen (in allen Tonarten) sind so deutlich, gleichmäßig und rapide, als wenn man in C-dur mit einem Finger über die meisten Tasten hingleiten würde“ („[Ueber den gegenwärtig in unserer Mitte weilenden Pianisten]“, in: Freischütz (1855), S. 88).
[2] Sic!
[3] Hier gestrichen: „Klangformen(???)“.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.06.2026).