Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
des
Kurfürstl. Hessischen Capellmeister
Herrn Louis Spohr Ritter &c
Hochwohlgeboren
zu
Cassel.
Berlin 8 August 1853
Hochverehrtester Herr Kapellmeister
Hochzuverehrender Herr!
Wenn mein Name und meine Person noch nicht ganz in Ihrem Gedächtniß erloschen sind, so entschuldigen Sie wohl, daß ich der Ueberbringerin dieser Zeilen, die ohnehin schon in künstlerischer Beziehung zu Ihnen steht, diese Worte für persönliche Einführung bei Ihnen übergeben habe. Sie hegte einen so dringenden Wunsch dazu, daß ich es ihr unmöglich abschlagen konnte ihr schriftlicher Begleiter auf dem Wege zu Ihnen zu sein.
Fräulein Angelini Rafter ist einige Zeit meine Schülerin gewesen, doch schon vor zwei Jahren, und nur so lange, als eben erforderlich war, um sie einigermaßen in die deutsche Aussprache einzuüben1 u ihr einige Rathschläge zu ertheilen, deren sie allerdings noch manche bedarf. Wer wäre geeigneter ihr diese zu ertheilen, als Sie Herr Kapellmeister.2 Jedenfalls wird Alles was Sie ihr sagen die willigste u allerbeste Aufnahme finden, da Sie es in der That mit einer schon feinen weiblichen Bildung (des Herzens i d Bestimmung) u zugleich mit einer gut musikalischen Sängerin zu thun haben, die nur an den allgemeinen Mängeln ihrer Landleute in Betreff der musikalischen Auffassung das mit leidet. Ich habe die Ueberzeugung, daß die Willfährigkeit u der, man darf sagen kindliche Glauben, den Sie bei Frl. Rafter treffen werden sich Ihre Achtung u Theilnahme erwerben werden, die ich der Künstlerin in ihrer Persönlichkeit in hohem Maaße zollen muß. Sie werden finden, daß sie sich in dieser Beziehung sehr vortheilhaft von den meisten Erscheinungen an unsern deut[schen]3 Bühnen unterscheidet.
Gestatten Sie, geehrtester, verehrtester Herr, daß ich Ihrer im Voraus den reinsten Dank sage, u den Wunsch hirzufüge daß Ihr Alter um so glücklicher sein möge, da es ein ruhmvolles u ruhmverdientes ist.
Mit verehrendster Hochachtung
Ihr ergebenster
L. Rellstab
| Autor(en): |
Rellstab, Ludwig |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Rafter, Angelina |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Kassel> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1853080846 |
[1] Vgl. „Frl. Rafter, genannt Angelini, sang uns zu ihrer unvergleichlichen Norma noch eine Agathe (,Freischütz’) und ich kann ohne Uebertreibung versichern, daß, wenn der alte, würdige Musikheros Weber diese Agathe gehört hätte, er die von ihm componirte darin wirklich nicht wiedererkannt haben würde. Abgesehen von dem Spiele, das nur für Regimentstöchter eingerichtet zu sein scheint, fehlte dem Vortrag die Tiefe, jedes Gefühl. Frl. R. verschleppte die Tempis, weil sie der deutschen Sprache nicht gewachsen ist und sich erst jedes Mal den deutschen Text mundegerecht machen muß“ („Königsberg, den 1. October“, in: Allgemeine Theater-Chronik (1851), S. 496).
[2] Zu Rafters Auftreten in Kassel vgl. „Cassel“, in: Neue Berliner Musik-Zeitung 7 (1853), S. 157
[3] Textverlust.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.06.2026).