Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Geehrter H. Generalmusikdirektor!
 
Unmöglich kann ich mir das Vergnügen versagen; Ihnen mit wenigen Worten die Anzeige zu machen, daß gestern Sonntag Ihr „Faust“ unter meiner Leitung zur Aufführung kam und von dem überfüllten Hause mit einem unbeschreiblichen Enthusiasmus aufgenommen wurde.1 Sänger und Orchester waren vom Beginn der Proben da aufs lebhafteste von Ihrem Meisterwerke ergriffen. Ich konnte auf das einstudirte um so mehr Sorgfalt verwenden, da die Direktion einen Theatertag ausfallen ließ um Zeit für nöthige Proben zu gewinnen und so war auch die erste Vorstellung schon ein abgerundetes Ganze. Die im Anfange so schwierig erscheinenden Rezitative gingen vortrefflich, indem ich genau auf die von Ihnen gegebenen rhythmische Eintheilung hielt und nicht mehr Freiheit gestattete, um eben unbeschadet der Sache gegeben werden konnte. - Welche eine Freude würde es aber erst gewesen sein, hätten wir Sie, verehrter Herr, selbst hier sehen können. Der Großherzog war in allen ganzen Proben selbst zugegen und folgte der Oper mit dem lebhaftesten Interesse. Donnerstag den 20sten wird sie wiederholt und sofort dürfte sie unbezweifelt alle 14 Tage erscheinen.2 – Die Ausstattung war würdevoll. Der Brand des Schlosses, Hexenszene und Hölle gehören unstreitig zu dem Schönsten was man je hier gesehen hat und möchte nicht leicht übertroffen werden. Ich sage Ihnen nicht noch meine ganz besondere Freude, die ich persönlich empfand, Ihr Werk unter meiner Führung zur Darstellung gebracht zu sehen und wie man physisch und [???]rmlisch einmal auflebte, daß man eines Nabuco, Hermani, Lombardi und Consorten sich entschlagen konnte.3
Genehmigen Sie die Versicherung der aufrichtigsten Hochachtung Ihres
 
ergebensten Dieners
L. Schlösser
Grhzl. Hofmusikdirektor
 
Darmstadt d. 17ten Januar 1853.

Autor(en): Schlösser, Louis
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Ludwig III. Hessen-Darmstadt, Großherzog
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Faust
Verdi, Giuseppe : Ernani
Verdi, Giuseppe : I Lombardi
Verdi, Giuseppe : Nabucco
Erwähnte Orte: Darmstadt
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Darmstadt>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1853011744

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Schlösser, 14.05.1823. Spohr beantwortete diesen Brief am 21.01.1853.

[1] Vgl. L[ouis] S[chlösse]r, „Briefe aus Darmstadt, in: Süddeutsche Musik-Zeitung 2 (1853), S. 90f., hier S. 91; [Ergänzung 05.11.2021: „Darmstadt“, in: Darmstädter Zeitung (1853), S. 79].
 
[2] Insgesamt erlebte Faust 1853 acht Aufführungen (vgl. Ernst Pasqué, Musikalische Statistik des Grossherzoglichen Hoftheaters zu Darmstadt von 1810-1868 und der Krebs‘schen Epoche von 1807-1810, Darmstadt 1868, S. 17).
 
[3] Von den erwähnten Opern Giuseppe Verdis erlebte Ermani in Darmstadt drei Aufführungen ab dem 10.10.1847 (vgl. ebd., S. 11); I Lombardi fünf Aufführungen ab dem 16.12.1849 (ebd., S. 18) und Nabucco 17 Aufführungen ab dem 20.10.1850 (ebd.).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (01.06.2017).