Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Mr 137 Regent Street
Mr Dr. Louis Spohr
London 
p. A. Coventgarden Theater


Hochverehrter Herr, 

Wenn ich mich mit meiner unbedeutenden Persönlichkeit bei Ihnen eindränge u. zwar dieser in so bettelhaften Weise thuen muß, so brauche ich Ihnen wohl nicht erst die Versicherung geben, daß mir dieser Schritt viel kostet u. nur durch ein Flüchtlingselend ohne Gleichen gerechtfertigt erscheint. 
Als ich im Mai vergangenen Jahres auch1 aus Bremen, wo ich bis zu ihrer Unterdrückung die „Bremer Tageschronik“ redigirte, vertrieben wurde, begab ich mich in die Schweiz u. fand endlich in Genf ein Asyl. Kaum hatte ich mich hier durch die erste Noth des Flüchtlingslebens hindurch gewunden, u. mir eine kümmerliche Existenz gegründet, so fuhr der Staatsstreich des 2. December2 dazwischen und rüttelte mich gewaltsam aus diesem Frieden des genugsamen Darbens auf. Einige in der ersten Aufregung gehaltene stürmische Flüchtlingsversammlungen, eine Reise in den Jura, der man revolutionäre Zwecke unterlegte, die Verbindung mit „compromittirten“ französischen Flüchtlingen gaben dem Bundesrathe Veranlassung, mich mit zweien meiner Leidensgenossen verhaften, nach Bern schleppen u. in ein eidgenössisches Gefängnis werfen zu lassen. Endlich auf Bürgschaft hin aus der Haft entlassen, begaben wir uns wieder nach Genf u. fanden bei der dortigen Regierung Schutz gegen die bundesräthlichen Reclamationen u. Ausweisungen. Die bekannte französische Drohnote jedoch veranlaßte unsre zweite Verhaftung in Genf. Wir wurden (Imandt u. ich) von Gefängnis zu Gefängnis transportirt, wie Verbrecher, u. schließlich an der englischen Küste abgesetzt, ohne daß man uns Zeit u. Gelegenheit gestattete, uns zuvor mit irgendwelchen Existenzmitteln zu versehen.3
Mit dem Fluche des Flüchtlingslebens gebrandmarkt u. ohne Vermögen, d. heißt in London: Hungern, verhungern im ordinärsten Sinne des Wortes, d. h. ohne Obdach sein u. aufgerieben werden. 
Hungern ist nichts, wer nicht für seine Ueberzeugung hungern kann, der verdient nicht, Demokrat zu sein, aber v e r hungern inmitten des englischen Luxus, das ist entsetzlich. Ich habe lange gekämpft, mit Kraft u. Muth gekämpft, aber mein Elend ist gerade in diesen Tagen, gerade heute, zu einer Höhe gediehen, die keine Steigerung mehr zuläßt u. mich zum ersten Male in meinem Leben zum Betteln zwingt. Es ist entsetzlich, ein bettelnder Flüchtling, nein es ist sehr lustig u. ein erfreuliches Zeichen der wiederkehrenden Ruhe u. Ordnung! 
Meine Freunde schmachten fast alle in gleichem Elende, ich habe keine Verwandte, kein Vermögen, kein Verdienst, kurz alle meine Hilfsquellen sind erschöpft. Gestern habe ich den ganzen Tag hindurch nichts gegessen u. es scheint, als würde ich auch heute nichts bekommen. Wenn ich bis morgen Abend meinen Hauswirthe nicht bezahle, so werde ich vor die Thür geworfen, u. kann mir in den Parks ein Nachtquartier suchen, wie die 100.000, die nach der hiesigen Polizeistatistik allnächtlich ohne Obdach sind. 
In dieser Noth trete ich als Bettler vor Sie hin u. bitte Sie um Unterstützung. Warum gerade Sie? Bei einem Engländer kann ich nicht betteln, u. will es nicht. Zufälliger Weise erfuhr ich Ihre Ankunft u. Ihr Name, mir von Jugend auf bekannt, flößte mir Zutrauen ein, das ich seit Wochen nicht gekannt habe. Mögen Sie auf meine politischen Ansichten nicht theilen, mögen Sie auch mit meiner Ihnen zum Theil bekannten journalistischen Thätigkeit nicht einverstanden sein, so darf ich dennoch auf Mitgefühl rechnen, denn die Kunst ist ja von der Freiheit unzertrennlich, u. der Künstler ist der Hohepriester der Menschenthums, für das wir leiden u. Flüchtlinge sind.
Ich würde Sie ersuchen, mit einen Geldvorschuß zu machen, wenn ich nur mit einiger Sicherheit versprechen könnte, denselben zurückzuerstatten. Wann u. wo könnte es geschehen? Wer vermöchte vor zu bestimmen? Daher bitte ich Sie einfach um eine Unterstützung, ich der arme, müdegehetzte Flüchtling den großen glücklichen Künstler. Wenn Sie mir helfen wollen, oder können, denn am Willen zweifle ich keinen Augenblick, dann muß es bald geschehen; für mich hat aus den obenangeführten Gründen nur schleunige Hilfe Werth. 
Da der Portier des Covengardentheaters Ihre Adresse verweigert, so habe ich den schriftlichen Weg gewählt. Möge dieser Brief nicht ungelesen von Ihnen bei Seite gelegt werden. Es kostet Ihnen wenig, einen dankbaren u. verhältnismäßig glücklichen Menschen zu machen.
Indem ich noch schließlich den verworrenen, formlosen Brief aus meiner ungewöhnlichen Aufregung zu entschuldigen bitte, versichere ich Sie meiner unbegrenzten 

Hochachtung & Ergebenheit!
Dr. Elard Biskamp,
früherer Mitredacteur der „Hornisse“ u. Re-
dacteur der „Bremer Tageschronik“ –

London 29. Juni 1852.

P.S. bei Ihrer gefälligen Antwort bitte ich folgende Adrese zu benutzen
pp Biskamp, Long Store No 27

Autor(en): Biskamp, Elard
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Imandt, Peter
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Bern
Bremen
Genf
London
Erwähnte Institutionen: Covent Garden <London>
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1852062946


Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Biskamp an Spohr, 15.07.1852.

[1] Als Mitarbeiter der oppositionellen Zeitung Die Hornisse flüchtete Biskamp 1850 aus Kassel, als der deutsche Bund dorthin Interventionstruppen entsandte (vgl. Werner Simon, „Christian Elard Biskamp († 14. 4. 1882 London). Leben und Wirken eines vergessenen hessischen Journalisten in der schweizerischen und englischen Emigration“, in: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde 88 (1980/81), S. 169-194, hier S. 174).

[2] Staatspräsident Charles Louis Napoléon Bonaparte löste die französische Nationalversammlung auf.

[3] Vgl. Simon, „Biskamp“, S. 179.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.05.2026).